Jungfräulichkeit in Ägypten

Doppelmoral und Heuchelei

Operative Eingriffe zur Wiederherstellung der Jungfräulichkeit sind in Ägypten nicht erlaubt, werden aber trotzdem häufig vorgenommen. Sie sind Ausdruck eines Bruchs mit alten Moralvorstellungen, die ein intaktes Hymen mit Tugendhaftigkeit gleichsetzen. Nelly Youssef berichtet aus Kairo.

Frauen in Kairo; Foto: AP
Ägyptische Mädchen werden dazu erzogen, ihre Jungfräulichkeit als Geschenk für ihren zukünftigen Ehemann zu begreifen

​​Das Hymen, dieses winzige Häutchen am Körper der Frau, ist Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit und wird den heranreifenden Ägypterinnen wie auch allen anderen jungen Araberinnen zur Last. Jungfräulichkeit symbolisiert die Treue, die das Mädchen dem ersehnten Ehemann halten wird, und zeigt, dass sie in der Lage ist, sich selbst und ihren Ruf bis zur Hochzeitsnacht zu schützen. Das Hymen ist das einzige Indiz der Jungfräulichkeit: Ist das Hymen zerrissen, steht fest, dass die betreffende Frau einen unsittlichen Lebenswandel hatte. Das Jungfernhäutchen ist Zeichen ihrer Ehrbarkeit, derer sie sich nur rühmen darf, wenn noch kein Mann sie vor der Ehe berührt hat.

Ammenmärchen und weit verbreitete Bräuche

Das Gebot, die Jungfräulichkeit zu bewahren, geistert durch die ägyptische Gesellschaft und führt zu allerlei Einschränkungen. So erzählen sich die pubertierenden Mädchen hinter vorgehaltener Hand Geschichten über die Gefährlichkeit des Fahrradfahrens und des Sportunterrichts, weil dabei durch heftige Bewegungen das Jungfernhäutchen reißen könne. Geschichten über Hymen und Jungfräulichkeit wird in Ägypten und in der arabischen Welt große Bedeutung beigemessen. In einigen ägyptischen Dörfern warten die Angehörigen des Brautpaares in der Hochzeitsnacht vor dem Zimmer des jungen Paares auf die Herausgabe des blutbefleckten Bettlakens.

Das Laken soll die Jungfräulichkeit und Reinheit der Braut und die Mannhaftigkeit des Bräutigams bestätigen, Werte, auf die man mit Stolz verweisen will. Die als "Ehrenmorde" bekannten Tötungsdelikte sind in Ägypten und der arabischen Welt weit verbreitet. Für die Wiederherstellung der Ehre werden in Ägypten jährlich etwa 1000 Frauen ermordet, das belegen Studien eines Frauenforschungszentrums in Kairo. Dabei genügt in den meisten Fällen schon der Zweifel an der Unversehrtheit des Hymens für die Tat.

Schizophrenie der Moral

Die Frauenrechtlerin Iman Baybers hält die in arabischen Gesellschaften pauschalierte Gleichsetzung von Hymen und moralischer Anständigkeit für schizophren. Ist das Jungfernhäutchen einer jungen Frau intakt, darf niemand bezweifeln, dass sie sich entsprechend der moralischen Werte der Gesellschaft verhält. Häufig ist diese Einschätzung falsch, denn die erwähnten Werte zwingen die Mädchen, sich Operationen zu unterziehen, bei denen das durchtrennte Jungfernhäutchen wieder hergestellt wird. Der Eingriff ist unkompliziert und inzwischen auch nicht mehr teuer.

Baybers erklärt, in der ägyptischen Familie bestimmten Väter, Brüder und Onkel über den Körper der weiblichen Familienmitglieder, deren Jungfräulichkeit quasi als familiärer Besitz betrachtet würde. Sie fühlten sich verpflichtet, die Frauen in ihrer Familie zu schützen und in ihrer Freiheit einzuschränken. Häufig resultiere daraus die Beschneidung der Mädchen, sobald diese die Geschlechtsreife erlangten. So wolle man das Aufkommen jeglichen sexuellen Verlangens bereits im Keim ersticken. Hier vermische man islamischen Glauben mit religionsfremden Sitten.

Iman Baybers betont, wie wichtig die öffentliche Auseinandersetzung mit den Inhalten der Werte "Ehre" und "Jungfräulichkeit" sei. Schließlich bedrohten operative Eingriffe wie Beschneidungen, Abtreibungen und Wiederherstellung des Hymens die körperliche und seelische Gesundheit der arabischen Frauen.

Operationen im Geheimen

Operationen zur Wiederherstellung des Hymens sind in Ägypten häufig. Einige Ärzte nehmen den Eingriff in ihrer Praxis vor, doch es gibt auch speziell für diese Operationen vorgesehene Einrichtungen. Weil sie illegal sind, wird auf größtmögliche Geheimhaltung Wert gelegt. Wie viele seiner Kollegen lehnt der Gynäkologe Ibrahim al-Guli solche Eingriffe entschieden ab. Nicht nur, weil sie verboten sind, er empfindet sie vor allem als unmoralisch, und es stört ihn, dass der Arzt sich dabei zum Mitwisser des Betrugs machen muss – laut al-Guli deshalb bedenklich, weil die Ehe auf Ehrlichkeit und Offenheit beruhen sollte. Seiner Meinung nach kann dem Problem nur begegnet werden, indem zunächst ein Bewusstsein dafür geschaffen werde.

Durch Aufklärung und Diskussionen müsse breit gefächerte Überzeugungsarbeit geleistet werden. Dadurch werde die Anziehungskraft der festgefahrenen Gewohnheiten schwinden, und man werde erkennen, dass das Jungfernhäutchen und seine operative Rekonstruktion keineswegs Bedingung für die weibliche Moral oder die Ehetauglichkeit eines Mädchens seien. Anders sieht das ein Arzt, der besagte Operation vornimmt und namentlich nicht genannt werden möchte. Er ist überzeugt, dass sie ägyptische und arabische Mädchen häufig vor dem Tode rettet.

Sie sei die einzige Chance für eine junge Frau, ein neues Leben zu beginnen, wenn sie sich auf eine sexuelle Beziehung eingelassen habe, die sie anschließend bereue. Nur so könne sie den Ruf ihrer Familie wahren. Der Arzt beschreibt den Eingriff als medizinisch unkompliziert und kostengünstig, er liege bei 600 bis 2000 ägyptischen Pfund. Zudem führt er eine Studie des British Medical Journal an, laut der dank Operationen zur Wiederherstellung des Hymens die Rate der Ehrenmorde in den vergangenen zehn Jahren um 80 Prozent gesenkt werden konnte.

Heuchelei und Doppelmoral

Dass Frauen, die sich der Operation unterziehen, die Männer betrügen, meint dieser Arzt nicht. Schließlich betrögen doch die Männer die Mädchen, die zur Operation gezwungen seien, indem sie ihnen Eheversprechungen machten. Das eigentliche Problem bestehe in Lügen, Heuchelei und zweifelhaften Normen, auf denen die ägyptische Gesellschaft gebaut sei.

In jüngster Zeit erklärten einige islamische Rechtsgelehrte in Ägypten die Wiederherstellung des Hymens für legitim unter der Bedingung, dass eine Vergewaltigung stattgefunden habe. Hat die Frau sich jedoch durch ihre sexuellen Bedürfnisse hinreißen lassen, bleibt die Operation verboten. Dabei verlässt man sich allerdings gänzlich auf die Vertrauenswürdigkeit der betreffenden Frau, die für sich geltend macht, Opfer einer Vergewaltigung und nicht etwa ihrer eigenen frevelhaften Lust gewesen zu sein.

Andere Rechtsgelehrte wollen die Operation sogar sündigen Frauen erlauben, die der gesellschaftlichen Ächtung entkommen wollen, solange diese bereuen und sich für ein verändertes Leben entscheiden. Auch die Sozialarbeiterin Fayruz Omar hält eine öffentliche Diskussion der Problematik in den ägyptischen Medien für notwendig. Es sei die Aufgabe der Medien, darüber aufzuklären, dass das Hymen kein Indiz für Moral und Anstand ist, schließlich hätten viele anständige Mädchen ihre Jungfräulichkeit ohne ihr Zutun verloren, wohingegen andere, die sich in durchaus unkeuscher Weise sexuellen Beziehungen hingaben, ihre "Jungfräulichkeit" bewahren konnten. Fayruz urteilt, in der ägyptischen Gesellschaft würde die Diskussion über Jungfräulichkeit durch Irrtümer und Doppelmoral verdüstert. So lehnten besonders die jungen Männer, die Mädchen ihrer Unschuld beraubten, eine Heirat mit einer Entjungferten ab.

Ausmerzung törichter und überkommener Vorstellungen

Sogar junge ägyptische Akademikerinnen halten Jungfräulichkeit für einen sehr wichtigen Wert. Eine Studentin an der Kairoer Universität legt dar, ägyptische Mädchen seien keineswegs naiv und unwissend, da sie im Laufe ihres Studiums oder durch die Medien viel über die westliche Kultur und Lebensart erführen. Dennoch seien sie sich der besonderen Bedeutung und des Wertes der Jungfräulichkeit bewusst. Gesellschaftliche Traditionen und religiöses Empfinden würden eine sexuelle Beziehung, die nicht durch die Ehe legitimiert ist, verbieten. Daher bewahre sie ihre Jungfräulichkeit für ihren künftigen Ehemann.

Nuha hingegen hat eine Beziehung zu einem Kommilitonen und eine Operation hinter sich. Sie wünscht sich eine umfassende Revision der jahrtausende alten Überzeugungen und Ansichten, die alle staatlichen Institutionen und die gesamte Gesellschaft einschließt. Man müsse sich nach vorne bewegen, so meint sie, und sich um Wichtigeres im Leben der Ägypter und ihrer Gesellschaft kümmern.

Nelly Youssef

Aus dem Arabischen von Stefanie Gsell

© Qantara.de 2006

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