"Es gibt in der israelischen Gesellschaft starke positive Kräfte. Es gibt nicht nur die Rechtsextremen und die Siedler. Viele Menschen wollen weiterhin eine andere Zukunft für Israel und begreifen, dass wir alle betroffen sind, wenn unser gemeinsames Haus abbrent,"  sagt Thabet Abu-Rass.

Junge Araber in Israel
Israelisch und doch Palästinenser

Die israelische Gesellschaft befindet sich in einem rasanten Wandel. Eine junge Generation arabischer Israelis fordert aktiv ihre Rechte ein. Fragen an Thabet Abu-Rass von der Nichtregierungsorganisation Abraham Initiatives, die für volle Gleichberechtigung von arabischen und jüdischen Israelis eintritt. Interview von Noam Yatsiv

Während der letzten militärischen Eskalation zwischen Israel und der Hamas im Mai 2021 kam es zu gewalttätigen Übergriffen in einigen israelischen Städten. Wütende Jugendliche gingen nachts auf die Straße und griffen willkürlich jüdische oder arabische Passanten an. Die unvermittelte, hemmungslose Gewalt verwischte die Grenzen zwischen der jüdischen Mehrheit Israels und der benachteiligten arabischen Minderheit des LandesIn mehreren Teilen Israels trauten sich Angehörige beider Bevölkerungsgruppen abends nicht mehr vor die Tür. In manchen Stadtteilen hielten die Bewohner die Fensterläden ihrer Wohnungen aus Angst fest verschlossen.

Bald darauf schien sich die Lage wieder zu beruhigen und der öffentliche Diskurs wurde von anderen Themen beherrscht. Keine zwanzig Tage später trat die gemäßigt-islamistische Partei "Vereinigte Arabische Liste“ in die neue israelische Regierungskoalition ein, die Ära von Benjamin Netanjahu als Premierminister war zuende und die vierte COVID-Welle kam. Die Medien berichteten von einem alarmierenden Anstieg von Tötungsdelikten in den arabischen Communities. Erst seit kurzem ergreift die Polizei nennenswerte und wirksame Maßnahmen dagegen.

Wer aber jetzt abends durch einen der Brennpunkte in Bat Jam, Akkon, Haifa, Lod oder Jaffa schlendert, spürt jedoch nichts mehr von den Ereignissen im Mai. Die Spuren der Verwüstung sind beseitigt worden, Geschäfte wurden wiedereröffnet und Häuser repariert.

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Herr Abu-Rass, spielten die sozialen Medien Ihrer Meinung nach eine Rolle bei Ereignissen vom Mai?

Thabet Abu-Rass: Auf jeden Fall. Viele Araber konsumieren weit weniger israelische Massenmedien als früher. Sie empfinden diese als einseitig und nicht glaubwürdig. Daher suchen sie in den sozialen Medien nach Alternativen. Dort gibt es zwar auch Fake News, das meiste ist aber nicht verfälscht. Insofern sind die sozialen Medien tatsächlich ein sehr mächtiges Instrument.

Welchen Anteil hatten die sog. "Garin Torani“-Gruppen (Gemeinschaften religiös-nationalistischer Juden) an den Vorkommnissen?

Abu-Rass: Die Stadt Lod zum Beispiel ist nicht Haifa; dort wird keine Vielfalt gelebt. Der Bürgermeister von Lod bevorzugt mit seiner Politik eindeutig Juden. Die Garin-Gruppen lassen sich mit ihrer ideologischen Agenda an solchen Orten nieder und wollen die Araber aus dem öffentlichen Raum drängen.

Die damit verbundene Spannung ist in meiner Heimatstadt Qalansawe oder in Nazareth nicht zu spüren. Übrigens verhalten sich nicht alle der 120 Garin-Gruppen so konfrontativ. In Nof HaGalil (einer Stadt im Norden Israels mit jüdischen und arabischen Bewohnern) zum Beispiel sind sie anders vorgegangen. Dass die Stadt im vergangenen Mai von jeglicher Gewalt verschont blieb, ist wohl kein Zufall. In Lod, Ramla und Jaffa arbeiten die Garin-Gruppen aber aktiv darauf hin, das politische und kulturelle Leben der Palästinenser einzuschränken.

Eine lokale Plakatkampagne in Haifa vom Mai 2021 zeigt jüdische und arabische Einwohner als Antwort der Stadtverwaltung auf die Gewaltausbrüche in manchen Städten Israels; Foto: Noam Yatsiv)
Langsam ändern sich die Dinge. Das zeigt beispielsweise die israelisch-arabische Solidarität in Haifa: "Die Kampagnen aus der Privatwirtschaft verdeutlichen, dass es in der israelischen Gesellschaft starke positive Kräfte gibt. Es gibt nicht nur die Rechtsextremen und die Siedler“, kommentiert Thabet Abu-Rass Nichtregierungsorganisation Abraham Initiatives. "Viele Menschen wollen weiterhin eine andere Zukunft für Israel und begreifen, dass wir alle betroffen sind, wenn unser gemeinsames Haus abbrennt.“

 

Die junge Generation ist selbstbewusster als die Älteren

 

Gibt es eine Spaltung in der palästinensischen Bevölkerung zwischen der Elterngeneration und der Jugend?

Abu-Rass: Die neue Generation von Palästinensern hat die israelische "Chuzpe“ verinnerlicht. Sie weiß, wie man auf den Tisch haut und Forderungen stellt. So gesehen ist sie "israelischer“ denn je, bleibt insgesamt aber palästinensisch. Vom in Israel vorherrschenden Ethos bleibt sie ausgeschlossen. Das gilt auch für Palästinenser, die es "geschafft“ haben und beispielsweise als Arzt oder Ärztin erfolgreich sind. Die junge Generation heute ist viel selbstbewusster als ihre Eltern. Sie fordert ihre Rechte aktiv ein. Sie will gleichberechtigt vertreten sein, nicht nur im Gesundheitswesen, sondern ausnahmslos und überall. Dass israelische Araber heute eine politisch legitimierte Vertretung haben (mit der arabischen Partei Vereinigte Arabische Liste, Anm. der Red.), ist hier sehr wichtig.

Meine Generation wurde nach der Nakba geboren und suchte einfach nach festem Boden unter den Füßen. Doch die Generation meines Sohnes stellt Forderungen und wird nicht mehr schweigen. Meine Generation widmete sich dem Studium und dem Aufbau von Institutionen im Verborgenen, um die arabische Community in Israel voranzubringen. Seine Generation stellt Fragen, und zwar lautstark. Diese Generation setzt sich offen mit der jüdischen Gesellschaft auseinander, zumal sie viel mehr Kontakt mit ihr hat als je zuvor. Die jungen Palästinenser fragen: "Was um Himmels willen ist eigentlich ein jüdischer und demokratischer Staat? Wo bleiben wir in diesem Bild?“

Ich erlebe diese Veränderung in meiner eigenen Familie. Mein Sohn besucht mit jüdischen Freunden aus dem Internat gerne Karaoke-Bars. Wenn ich einen schönen Abend verbringen möchte, gehe ich mit meiner Frau in ein nettes Restaurant in Nablus. Für meinen Vater kam nichts davon infrage. Er war nur damit beschäftigt, genug zu verdienen, um seine Kinder durchzubringen.

Während der Mai-Unruhen riefen mehrere Gemeinden und Organisationen (darunter auch die Abraham Initiatives) zu Gemeinsamkeit und Mäßigung auf. Dutzende der größten israelischen Unternehmen und Gewerkschaften starteten Plakat- und TV-Kampagnen. Wie beurteilen Sie diesen außergewöhnlichen Schritt der großen Konzerne? Was steckt dahinter?

Abu-Rass: Die Kampagnen aus der Privatwirtschaft verdeutlichen, dass es in der israelischen Gesellschaft starke positive Kräfte gibt. Es gibt nicht nur die Rechtsextremen und die Siedler. Viele Menschen wollen weiterhin eine andere Zukunft für Israel und begreifen, dass wir alle betroffen sind, wenn unser gemeinsames Haus abbrennt. Doch darüber hinaus hat die Wirtschaft auch ein klares Eigeninteresse. 21 Prozent der Israelis sind Araber und 12 Prozent sind Charedim (ultraorthodoxe Juden). Das entspricht zusammen einem Drittel aller Israelis. Dieses Drittel trägt aber nur rund 17 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Aktuell sind 48 Prozent aller Erstklässler entweder Araber oder Charedim. Wenn es um die Erkenntnis geht, dass die Zukunft des Landes von einem enormen Zuwachs an Fachkräften aus diesen Communities abhängt, ist die Wirtschaft der Politik einige Schritte voraus.

Der arabisch-israelische Abgeordnete Essawi Frej, Mitglied der aktuellen Regierungskoalition in Israel (Foto: AFP & Imago)
"Israelischer“ denn je und dennoch palästinensisch: Die neue Generation arabischer Israelis hat "Chuzpe“, ist aber vom vorherrschenden Ethos stets ausgeschlossen – auch Menschen, die es beruflich "geschafft“ haben. DochThabet Abu-Rass stellt klar: "Die junge Generation heute ist viel selbstbewusster als ihre Eltern. Sie fordert ihre Rechte aktiv ein. Sie will gleichberechtigt vertreten sein, nicht nur im Gesundheitswesen, sondern ausnahmslos überall. Dass israelische Araber heute eine politisch legitimierte Vertretung haben, ist hier sehr wichtig.“

 

Mehr Bewusstsein für Solidarität unter den Bürgern

 

Hat die COVID-19-Krise die aufgestaute Wut der jungen Menschen weiter angefacht?

Abu-Rass: Ganz im Gegenteil. Ich glaube, die Krise hat die Menschen nachdenklich gemacht und das Bewusstsein für Solidarität unter den Bürgern gefördert. Ohne COVID wäre es im Mai vielleicht noch schlimmer gekommen. Ich selbst habe die Unruhen im Oktober 2000 erlebt. Damals gab es Proteste und Ausschreitungen nach dem Beginn der zweiten Intifada, bei denen zwölf israelische Araber von der Polizei getötet wurden. Damals war das Ausmaß der Gewalt weit größer. Die Ereignisse waren im Mai zwar extrem, aber sie beschränkten sich auf etwa zwanzig Orte in Israel und gingen von jungen, männlichen Hooligans aus. Ich halte es für einen Lichtblick, dass bei den Ereignissen im Mai (abgesehen von einem Vorfall, der noch nicht geklärt ist, niemand durch Schüsse der Polizei getötet wurde.

Sie sagten, die meisten jungen Araber seien sowohl israelischer als auch palästinensischer als je zuvor. Wie wird die israelische Gesellschaft einmal aussehen – sagen wir in zehn Jahren?

Abu-Rass: Wir werden eine Normalisierung dieser doppelten Identität erleben, bei der das palästinensische Element im Vordergrund steht. Das Nationalstaatsgesetz von 2018 hat die Perspektive einer nicht-jüdischen "israelischen Identität“ vorerst zunichte gemacht. Das bedeutet aber nicht, dass die Dinge so bleiben wie sie sind. Nach staatlichen Anreizen ist die Zahl der arabischen Studierenden in den letzten zehn Jahren um 122 Prozent gestiegen.

Ich bin froh, dass unsere Hochschulbildung offenbar nationale Priorität genießt. Aber warum sollte das nicht auch für angemessenen Wohnraum gelten? Heute sind mehr Araber in High-Tech-Berufen oder in der Verwaltung vertreten als je zuvor. So entwickelt sich immer schneller eine breite arabische Mittelschicht. Sie will aber nicht in überfüllten, ärmlichen Vierteln leben, sondern zieht in die überwiegend jüdischen Stadtgebiete. In naher Zukunft werden wir daher sicherlich mehr Städte mit einer gemischten jüdischen und arabischen Bevölkerung haben. Das birgt positives Potenzial, wird aber auch zu Spannungen führen, sobald die Bewohner beispielsweise arabischsprachige Schulen oder Moscheen fordern. Der Schlüssel zu einem tiefgreifenden Wandel liegt in der Weiterentwicklung des Wohnungsbaus, in der Einführung von Gewerbegebieten in arabischen Städten und – mal ganz allgemein gesprochen – in der Unabhängigkeit unseres Volkes in den besetzten Gebieten.

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Yigal Yehoshua, ein jüdischer Bürger, der im Mai in Lod angegriffen wurde, und Muhamad Kiwan, ein arabischer Bürger, der in Umm Al-Fahm angeschossen wurde, erlagen im Krankenhaus ihren Verletzungen. Ihre Familien spendeten die Organe der beiden Opfer. Die Organe von Yigal retteten das Leben einer palästinensischen Frau, die von Muhamad das von fünf Juden und einem Araber. Diese selbstlosen Taten bleiben der israelischen Gesellschaft hoffentlich nicht weniger in Erinnerung als die Angst und das Blutvergießen.

Das Interview führte Noam Yatsiv

© Qantara.de 2021

 

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

 

Die Nichtregierungsorganisation Abraham Initiatives setzt sich für gleiche Bürgerrechte sowie soziale und politische Gleichberechtigung von jüdischen und arabischen Bürgern in Israel ein.

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