Jugendarbeitslosigkeit in der arabischen Welt

Bündel an Maßnahmen nötig

Fehlende Jobs und mangelnde soziale Perspektiven junger Menschen im Nahen Osten und Nordafrika unterminieren die politische Stabilität dieser ohnehin zerrütteten Region. Mit dem Ausbau des Bildungsangebots und Arbeitsmarktprogrammen allein lässt sich das Problem nicht lösen. Von Nassir Djafari

Die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas verschwenden ihre wichtigste Ressource – die Jugend. Bei einer aktuellen Befragung junger Menschen zwischen 16 und 30 Jahren in acht Ländern der Region gaben 43 Prozent an, nicht zu arbeiten oder sogar noch nie gearbeitet zu haben und auch keine Schule oder Universität zu besuchen. Nur jeder Fünfte ging einer bezahlten Tätigkeit nach.

Der Anteil der Nichtbeschäftigten ist unter den jungen Frauen besonders hoch. Nirgendwo auf der Welt partizipieren weibliche Arbeitskräfte so wenig am Arbeitsmarkt wie im Mittleren Osten und in Nordafrika.

Früher diente der Staat als Überlaufbecken für die große Masse junger Menschen, die alljährlich auf den Arbeitsmarkt strömen. Diese Rolle kann er angesichts von Steuerausfällen und begonnener Strukturreformen immer weniger wahrnehmen.

Des Weiteren erfüllen die Bildungsinhalte nicht die Qualitätsanforderungen der Wirtschaft, vor allem des Privatsektors. So ist es nicht verwunderlich, dass Unternehmen bei der Einstellung von Arbeitskräften einen höheren Wert auf Berufserfahrung als auf formale Abschlüsse legen.

Geringe Chancen für dauerhafte Beschäftigung

Um jungen Arbeitslosen überhaupt die Chance auf einen Job zu eröffnen, vermitteln staatliche Arbeitsmarktprogramme zum Beispiel in Tunesien Praktika in Unternehmen. Die Teilnehmer besuchen parallel Ausbildungskurse und erhalten staatliche Zuzahlungen zur Aufstockung ihres Lohns. In der Regel dauern die Praktika zwölf Monate.

Arbeitgeber sollen durch einen Mix aus finanziellen Anreizen und Sanktionen motiviert werden, die jungen Leute dauerhaft anzustellen. Tatsächlich haben die Programme aber wenig an der Jugendarbeitslosigkeit geändert. Die Arbeitgeber nehmen diese subventionierten Praktikanten gern auf, schaffen aber nicht unbedingt mehr Arbeitsplätze.

Protest von arbeitslosen Akademikerinnen in Tunis am 20. Januar 2016; Foto: Reuters/Zoubeir Souissi
Grassierende Arbeistlosigkeit unter Akademikern in der arabischen Welt: "Der Anteil der Nichtbeschäftigten ist unter den jungen Frauen besonders hoch. Nirgendwo auf der Welt partizipieren weibliche Arbeitskräfte so wenig am Arbeitsmarkt wie im Mittleren Osten und in Nordafrika", schreibt Nassir Djafari.

Kritisch zu sehen ist auch, wer einen Praktikumsplatz bekommt. Junge arbeitslose Akademiker beziehungsweise Absolventen höherer Bildungseinrichtungen genießen Priorität, während die Mehrheit der Jugendlichen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen vernachlässigt wird.

Positiv ist hingegen, dass sich die Maßnahmen in gleicher Weise an junge Frauen und Männer richten. Ähnliche Arbeitsmarktprogramme wie in Tunesien werden auch in anderen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas durchgeführt. Abgesehen von konzeptionellen Mängeln bleibt die Wirkung dieser Maßnahmenpakete von vornherein begrenzt, weil die beteiligten  Unternehmen nicht stark genug wachsen, um den Praktikanten eine dauerhafte Perspektive bieten zu können.

Existenzgründung und Förderung von Kleinunternehmen

Erfolgversprechender als die bisherigen Arbeitsmarktprogramme erscheinen staatliche Initiativen, die junge Arbeitslose dabei unterstützen, sich selbstständig zu machen oder Kleinstunternehmen zu gründen. In mehreren Ländern der Region sind entsprechende Programme aufgelegt worden. Teilnehmer werden durch kostenlose Ausbildungskurse und begleitende Beratung auf ihre Geschäftstätigkeit vorbereitet. Die Übergangsfinanzierung wird durch Zuschüsse erleichtert.

Daneben bieten verschiedene international geförderte Programme den kleinsten, kleinen und mittleren Unternehmen (KKMU) einen erleichterten Zugang zu Krediten an. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass rund 80 Prozent der Beschäftigten in KKMU tätig sind oder auf eigene Rechnung arbeiten.

Fehlende Finanzierung ist in vielen Fällen ein wesentlicher Engpass für das Fortkommen der Miniunternehmen. Ein weiteres Hindernis stellen der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften sowie fehlende Managementfähigkeiten dar. Dies gilt insbesondere für Start-ups, die in mehreren Ländern der Region vom Staat besonders gefördert werden.

Vor allem Kenntnisse im Verkauf, der Geschäftsfeldentwicklung und Unternehmensführung sind gering. Insofern versprechen KKMU-Förderprogramme, die einen besseren Kreditzugang mit Aus- und Fortbildungsmaßnahmen kombinieren, grundsätzlich mehr Erfolg.

Kaum genutztes Internet

Kleine und mittlere Unternehmen schöpfen ihr wirtschaftliches Potenzial auch deshalb nicht aus, da sie das Internet kaum nutzen. So sind beispielsweise in Ägypten nur 7 Prozent der KKMU online. Eine stärkere digitale Vernetzung der Unternehmen würde sowohl die Exporte begünstigen als auch zu mehr Beschäftigung führen.

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