In Momenten wie diesen wird klar, warum die iranischen Juden zuerst Iraner und dann Juden sind. Wie die meisten Iraner lieben auch die Musazadehs ihr Land nahezu uneingeschränkt. Dennoch empfinden sie wie andere Iraner auch die wirtschaftliche Situation als belastend. "Ich würde gerne ins Ausland gehen, vielleicht Europa oder Kanada. Im Iran findet man eigentlich keine gut bezahlte Arbeit mehr, und es wird jedes Jahr schlimmer."

Keine Zukunft im Iran

Auch das verbindet sie mit anderen Jugendlichen im Iran: Viele sehen in ihrem Land keine Zukunft mehr und möchten gerne zumindest zeitweise für Arbeit oder Studium ins Ausland gehen. "Amerika oder Israel kämen für mich aber nie in Betracht. Eine Verwandte von uns hat einmal die USA besucht, und sie fand es furchtbar. Sie mochte die Kultur und das hektische Leben dort überhaupt nicht."

Eine Tante von Eliyan, die letztes Jahr verstorben ist, war außerdem zur medizinischen Behandlung in Israel. "Wir hätten als Juden die Möglichkeit, nach Israel auszuwandern, und die dortige Regierung würde das sogar mit etwa 15.000 Dollar belohnen. Aber dort müssten wir Hebräisch sprechen, eine Sprache, die wir nur in religiösem Kontext nutzen. Für uns wäre das einfach seltsam, und ich würde mich dort nicht zuhause fühlen. Der Iran ist unser Zuhause."

Als das Essen serviert wird, stellt der Vater Shahrokh noch eine Flasche selbst gekelterten Wein auf den Tisch. Jeder hält ein Glas in der Hand, als der jüngste Sohn Ariyan noch ein Gebet vorliest. Es gibt Salate mit Granatapfelkernen, den für den Schabbat obligatorischen Fisch, iranisches Barbari-Brot, und Gondi, ein Knödel aus Kichererbsen und Hähnchen, der ausschließlich unter iranischen Juden gegessen wird.

Sogar die Devotionalien, welche die Wohnung als das Zuhause einer jüdischen Familie erkennbar machen, werden alle im Iran hergestellt und verkauft. In Teheran gibt es sogar einen Laden direkt neben der britischen Botschaft. Im Geschäft, auf dessen Fenstern in großen lateinischen Buchstaben der Name "Baba Moses" prangt, hängen Visitenkarten von fast allen aktuellen und ehemaligen Botschaftern des Landes, die hier schon eingekauft haben.

Siamak Morasadegh, jüdischer Abgeordneter im iranischen Parlament; Foto: DW
Siamak Morasadegh, jüdischer Abgeordneter im iranischen Parlament: "Juden sind im Iran eine anerkannte Minderheit, wir können unsere Religion also frei ausüben. Es gibt mehr als 20 aktive Synagogen allein in Teheran. Generell kann man sagen, dass es den Juden hier im Iran immer besser ging als denen in Europa. In der Geschichte unseres Landes gab es nämlich keinen einzigen Tag, an dem alle Iraner die gleiche Religion, die gleiche Rasse oder die gleiche Sprache hatten – deshalb gibt es viel Toleranz. Juden und Muslime respektieren einander, wissen aber auch, dass es Unterschiede gibt."

Jüdische Hochzeit und Imam Ali

"Wir sind eine jüdische Familie aus Esfahan, dort gibt es eine Gemeinschaft mit etwa 1.000 Juden. Für uns ist es völlig normal, dass in unserem Schaufenster hebräische Buchstaben und Davidsterne zu sehen sind. Es gibt dieses Geschäft schon seit der Zeit des Schahs und nie hatten wir auch nur ein Problem mit dem Staat oder unseren Nachbarn hier", sagt einer der drei Verkäufer. Über ihm an der Wand hängt ein Gemälde einer jüdischen Hochzeit direkt neben einer Abbildung des Imam Ali, der von schiitischen Muslimen verehrt wird.

Nichtsdestotrotz hatten nach der Revolution von 1979 zehntausende von ihnen den Iran verlassen. Eli Hoorizadeh, ein Onkel der Familie Mousazadeh, der Rabbiner werden wollte, ließ den Iran im Jahr 1980 hinter sich, da er für seine Karriere keine Zukunft gesehen hatte. Er lebt heute mit Frau und 13 Kindern in Jerusalem. "Er ist froh, nicht mehr im Iran zu sein und hat auch kein Interesse daran, jemals wieder zurückzukehren. Er hat in Israel das Zuhause gefunden, welches der Iran ihm nie bieten konnte", sagt seine Nichte Eliyan.

Nach einem langen Abend sitzt die Familie zusammen im Wohnzimmer, jeder fiebert gespannt mit bei der iranischen Ausgabe von "Wer wird Millionär?", während in der Küche noch der Tee zieht. Den westlichen Vorstellungen, dass die iranischen Juden vor allem unter ihrer Regierung leiden, widerspricht auch Eliyan.

Gefragt nach ihren Wünschen für die Zukunft, antwortet sie: "Wenn ich als Jüdin einen Wunsch an die iranische Regierung richten könnte, dann würde ich mir ein paar nette, hübsche, jüdische Jungs wünschen, damit ich endlich jemanden zum Heiraten finde."

Jan Schneider

© Qantara.de 2019

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