Jüdische Minderheit im Iran

Schabbat in der Islamischen Republik

Der Iran ist heute das Zuhause für die größte jüdische Gemeinde in der muslimischen Welt. Jan Schneider hat die jüdische Familie Musazadeh in Teheran besucht und den Schabbat mit ihnen gefeiert.

Es ist Freitagabend. Eine jüdische Familie bereitet sich auf den Schabbat, den heiligsten Tag der Woche vor. Aus der Küche schwebt der Geruch von warmen Essen ins Wohnzimmer, und die Familie sammelt sich dort um den großen Tisch, um den Schabbat traditionell zu feiern.

Der jüngste Sohn bricht das ungesalzene Brot, und der Vater schenkt ein obligatorisches Glas Rotwein ein, um es einmal um den ganzen Tisch zu reichen, während der Sohn aus dem Tanach liest. Was sich nach einer ganz normalen Szene anhört, wie sie sich in tausenden Haushalten in Israel jedes Wochenende abspielt, findet in diesem Fall im Iran statt.

In Teheran, der iranischen Hauptstadt, sind die letzten Sonnenstrahlen an diesem kalten Wintertag im Januar hinter dem Elburs-Gebirge verschwunden. Es ist der letzte Tag der Woche, die in Iran samstags beginnt. Zwischen kleinen Kiosken und Supermärkten sticht hier kein Gebäude hervor, schon gar keins, das einem sakralen Zweck dient.

Zwar hat die Revolution ihre Spuren hinterlassen: Vor 1979 lebten zehnmal so viele Juden im Land. Doch obwohl es mit Israel im Zoff liegt, betonen iranische Politiker und Geistliche bei jeder Gelegenheit, dass nicht die Juden das Problem seien, sondern der israelische Staat. "Wir erkennen an, dass unsere Juden mit diesen gottlosen Zionisten nichts zu tun haben", sagte bereits Ayatollah Khomeini kurz nach der Revolution.

Dieses Zitat steht heute an jedem jüdischen Bethaus. Das haben die Iraner verinnerlicht, egal welcher Religion sie angehören. Im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum bedarf es in Iran bei jüdischen Einrichtungen keinem Wachschutz, der Iran hat noch keinen einzigen Anschlag auf ein jüdisches Gebäude erlebt.

Von inneren und kleinen Freiheiten

Nach mehreren großen Auswanderungswellen hat sich die Anzahl der im Iran lebenden Juden inzwischen stabilisiert. Israelischen Statistiken zufolge migrierten von 2002 bis 2010 insgesamt 1.100 Juden nach Israel. Den Verbliebenen bietet sich eine überraschend positive Perspektive. Sie sind als Minderheit anerkannt, haben einen festen Sitz im Parlament und genießen "innere Freiheit", zumindest was ihre Religionsausübung angeht. Sie haben eigene Metzgereien, ihre Rabbis führen Hochzeiten durch, und die Gemeinde darf für den Schabbat ihren eigenen Wein herstellen und konsumieren. Und das, obwohl im Iran Alkohol sonst streng verboten ist.

Juden in der Sukkot Shalom Synagoge im Teheraner Viertel Yusuf-Abad; Foto: DW
Im Viertel Yusuf-Abad steht die größte Synagoge Irans, sie ist – wie alle im Iran – von außen nicht als solche zu erkennen. Und doch sieht ein findiger Besucher genau, dass er sich am richtigen Ort befindet. Jeden Freitag, immer zum Sonnenuntergang, strömen die Gemeindemitglieder in die Synagoge. Es ist viel Verkehr auf der Straße, und Parkplätze sind immer rar in der iranischen Hauptstadt mit ihren etwa 12 Millionen Einwohnern.

"Wir lieben den Iran. Unsere Nachbarn wissen, dass wir Juden sind, aber es gibt keine Probleme", meint Eliyan Musazadeh, die älteste Tochter der Familie Musazadeh. "Überhaupt hat die Gesellschaft kein Problem mit uns, dass wir Juden sind." Die 24-Jährige lebt mit ihrer Familie im Zentrum Teherans, sie sind die einzigen Juden im Haus.

Juden können im Iran keine führenden Positionen in staatlichen Institutionen wie Armee, Polizei oder Geheimdienst bekleiden, nehmen aber ansonsten genauso am gesellschaftlichen Leben teil wie andere Iraner auch.

Unter Rohani wurde ein Denkmal für die jüdischen Märtyrer des Iran-Irak-Krieges gebaut, und seit einigen Jahren haben Juden das Recht, am Schabbat, dem Samstag, nicht arbeiten gehen zu müssen. "Ich habe ein paar Mal nach Arbeit gesucht und als ich beim Vorstellungsgespräch die Frage bejaht habe, ob ich Jüdin sei, bekam ich eine Absage. Nicht weil sie nicht mochten, dass ich Jüdin bin, sondern weil sie wussten, dass sie mir wegen des Gesetzes am Samstag frei geben müssen, wenn ich das gewollt hätte."

Wenn Juden im Iran also einen Job nicht bekommen wegen ihrer Religion, hat das also damit zu tun, weil das Gesetz auf ihrer Seite ist und der Arbeitgeber ihnen auf Wunsch einen Tag in der Woche extra frei geben muss, meint Eliyan. "Iran ist ein sehr multiethnisches und buntes Land, und Iraner sind stolz auf ihre Vielfalt und Geschichte", sagt sie.

"Zu dick, zu alt oder beides"

Als älteste Tochter der Familie wäre sie eigentlich an der Reihe, sich bald einen Verlobten auszusuchen. "Mein Vater stellt mir immer mal wieder Bewerber von befreundeten Familien vor, aber ich sage allen ab. Sie sind alle wohlhabend, aber entweder zu dick oder zu alt oder beides." Das Problem ist, dass Eliyan als älteste Tochter der Familie zuerst heiraten muss, erst dann dürfen ihre anderen beiden Schwestern Nazanin und Yasaman nachziehen.

Die Familie Musazadeh feiert am Freitagabend Sabbat; Foto: Jan Schneider
Wenn die Musazadehs am Freitagabend Sabbat feiert, so tun sie dies meist zuhause. Die Familie geht nur selten in die Synagoge, obwohl diese nur wenige Straßen entfernt liegt. Zum heutigen Sabbat sind drei Cousins von Eliyan zu Besuch: Rafael, Ariel und Avraham.

Wenn die Familie am Freitagabend Sabbat feiert, so tun sie dies meist zuhause. Die Musazadehs gehen nur selten in die Synagoge, obwohl diese nur wenige Straßen entfernt liegt. Zum heutigen Sabbat sind drei Cousins von Eliyan zu Besuch: Rafael, Ariel und Avraham. Die Mutter Anita hat alles bereits am Nachmittag gekocht, da gläubigen Juden am Schabbat jegliche Formen von Arbeit, Feuer oder Elektrizität verboten ist.

Den Reis bereitet Anita am Abend trotzdem frisch zu. "Ich kann doch zum Abendessen keinen kalten Reis servieren." Ein Satz, dem jede Iranerin zustimmen würde. Das einzige Familienmitglied, das regelmäßig religiöse Gesetze ignorieren darf, ist Vater Shahrokh, der einen kleinen Vertrieb für Frauenschuhe und –taschen führt. Ohne großes Aufheben sitzt er am Sabbat abends auf der Couch und zappt durch die Kanäle des iranischen Satellitenfernsehens, während Mutter Anita zwischen den drei Töchtern, dem jüngsten Sohn Ariyan und dem Hund der Familie durch die Küche läuft, um das Essen vorzubereiten.

In Momenten wie diesen wird klar, warum die iranischen Juden zuerst Iraner und dann Juden sind. Wie die meisten Iraner lieben auch die Musazadehs ihr Land nahezu uneingeschränkt. Dennoch empfinden sie wie andere Iraner auch die wirtschaftliche Situation als belastend. "Ich würde gerne ins Ausland gehen, vielleicht Europa oder Kanada. Im Iran findet man eigentlich keine gut bezahlte Arbeit mehr, und es wird jedes Jahr schlimmer."

Keine Zukunft im Iran

Auch das verbindet sie mit anderen Jugendlichen im Iran: Viele sehen in ihrem Land keine Zukunft mehr und möchten gerne zumindest zeitweise für Arbeit oder Studium ins Ausland gehen. "Amerika oder Israel kämen für mich aber nie in Betracht. Eine Verwandte von uns hat einmal die USA besucht, und sie fand es furchtbar. Sie mochte die Kultur und das hektische Leben dort überhaupt nicht."

Eine Tante von Eliyan, die letztes Jahr verstorben ist, war außerdem zur medizinischen Behandlung in Israel. "Wir hätten als Juden die Möglichkeit, nach Israel auszuwandern, und die dortige Regierung würde das sogar mit etwa 15.000 Dollar belohnen. Aber dort müssten wir Hebräisch sprechen, eine Sprache, die wir nur in religiösem Kontext nutzen. Für uns wäre das einfach seltsam, und ich würde mich dort nicht zuhause fühlen. Der Iran ist unser Zuhause."

Als das Essen serviert wird, stellt der Vater Shahrokh noch eine Flasche selbst gekelterten Wein auf den Tisch. Jeder hält ein Glas in der Hand, als der jüngste Sohn Ariyan noch ein Gebet vorliest. Es gibt Salate mit Granatapfelkernen, den für den Schabbat obligatorischen Fisch, iranisches Barbari-Brot, und Gondi, ein Knödel aus Kichererbsen und Hähnchen, der ausschließlich unter iranischen Juden gegessen wird.

Sogar die Devotionalien, welche die Wohnung als das Zuhause einer jüdischen Familie erkennbar machen, werden alle im Iran hergestellt und verkauft. In Teheran gibt es sogar einen Laden direkt neben der britischen Botschaft. Im Geschäft, auf dessen Fenstern in großen lateinischen Buchstaben der Name "Baba Moses" prangt, hängen Visitenkarten von fast allen aktuellen und ehemaligen Botschaftern des Landes, die hier schon eingekauft haben.

Siamak Morasadegh, jüdischer Abgeordneter im iranischen Parlament; Foto: DW
Siamak Morasadegh, jüdischer Abgeordneter im iranischen Parlament: "Juden sind im Iran eine anerkannte Minderheit, wir können unsere Religion also frei ausüben. Es gibt mehr als 20 aktive Synagogen allein in Teheran. Generell kann man sagen, dass es den Juden hier im Iran immer besser ging als denen in Europa. In der Geschichte unseres Landes gab es nämlich keinen einzigen Tag, an dem alle Iraner die gleiche Religion, die gleiche Rasse oder die gleiche Sprache hatten – deshalb gibt es viel Toleranz. Juden und Muslime respektieren einander, wissen aber auch, dass es Unterschiede gibt."

Jüdische Hochzeit und Imam Ali

"Wir sind eine jüdische Familie aus Esfahan, dort gibt es eine Gemeinschaft mit etwa 1.000 Juden. Für uns ist es völlig normal, dass in unserem Schaufenster hebräische Buchstaben und Davidsterne zu sehen sind. Es gibt dieses Geschäft schon seit der Zeit des Schahs und nie hatten wir auch nur ein Problem mit dem Staat oder unseren Nachbarn hier", sagt einer der drei Verkäufer. Über ihm an der Wand hängt ein Gemälde einer jüdischen Hochzeit direkt neben einer Abbildung des Imam Ali, der von schiitischen Muslimen verehrt wird.

Nichtsdestotrotz hatten nach der Revolution von 1979 zehntausende von ihnen den Iran verlassen. Eli Hoorizadeh, ein Onkel der Familie Mousazadeh, der Rabbiner werden wollte, ließ den Iran im Jahr 1980 hinter sich, da er für seine Karriere keine Zukunft gesehen hatte. Er lebt heute mit Frau und 13 Kindern in Jerusalem. "Er ist froh, nicht mehr im Iran zu sein und hat auch kein Interesse daran, jemals wieder zurückzukehren. Er hat in Israel das Zuhause gefunden, welches der Iran ihm nie bieten konnte", sagt seine Nichte Eliyan.

Nach einem langen Abend sitzt die Familie zusammen im Wohnzimmer, jeder fiebert gespannt mit bei der iranischen Ausgabe von "Wer wird Millionär?", während in der Küche noch der Tee zieht. Den westlichen Vorstellungen, dass die iranischen Juden vor allem unter ihrer Regierung leiden, widerspricht auch Eliyan.

Gefragt nach ihren Wünschen für die Zukunft, antwortet sie: "Wenn ich als Jüdin einen Wunsch an die iranische Regierung richten könnte, dann würde ich mir ein paar nette, hübsche, jüdische Jungs wünschen, damit ich endlich jemanden zum Heiraten finde."

Jan Schneider

© Qantara.de 2019

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