Als britische Soldaten den Aufstand kurz vor dem Zweiten Weltkrieg niederschlugen, war die palästinensische Gesellschaft zerrüttet und die Führungselite zerschlagen, inhaftiert, oder im Exil. Vom Scheitern der Revolte haben sich die Palästinenser nie erholt.

Einer der Exilanten war der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini. Die Briten hatten ihn zwar 1921 in das einflussreiche Amt eingesetzt, dennoch wurde er zu ihrem schärfsten Gegner. Seine Propaganda machte den Tempelberg in Jerusalem mit dem Felsendom und der al-Aqsa-Moschee in den Dreißigerjahren für Muslime weltweit zum Symbol für die Bedrohung der heiligen Stätten durch den Zionismus.

Der wiederum stand für den neo-imperialistischen Machtanspruch des Westens über die islamische Welt - eine Botschaft die sich militant religiös wie auch radikal säkular und nationalistisch nutzen ließ Amin al-Husseini unterhielt bereits in Palästina Kontakte zu deutschen Diplomaten. 1941 führten sie ihn schließlich nach Berlin, wo er sich bis Kriegsende den Nazis andiente. Seine Rundfunkreden wurden auf Arabisch in den Nahen Osten ausgestrahlt und fanden viel Beachtung, doch lösten sie nirgendwo die erhofften anti-britischen Aufstände aus.

Der Mufti von Jerusalem, Haj Amin al-Husseini, am 9. Oktober 1947; Foto: picture-alliance/AP
Von den Nationalsozialisten politisch instrumentalisiert:1941 führten deutsche Diplomaten den Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, nach Berlin, wo er sich bis Kriegsende den Nazis andiente. Seine Rundfunkreden wurden auf Arabisch in den Nahen Osten ausgestrahlt und fanden viel Beachtung, doch lösten sie nirgendwo die erhofften anti-britischen Aufstände aus.

Die offen antisemitischen Reden und Texte der Nazipropaganda beinhalten Lesarten des Koran, wie sie sich auch heute bei islamistischen Fundamentalisten finden. Einzelne judenfeindliche Verse werden aus dem Zusammenhang gelöst und aufhetzerisch mit europäischen antisemitischen Parolen verwoben.

Es ist jedoch fraglich, ob der Mufti die Rundfunkreden selbst verfasste. Deutsche Spezialisten, die teils als Orientalisten mit dem Koran vertraut waren, stellten die antisemitischen Verbindungen her. Die antisemitische, dem Kontext entrissene Deutung einschlägiger Koranverse war im Nahen Osten zu der Zeit noch unbekannt.

Die meisten arabischen Denker waren Nazigegner

Alles spricht dafür, dass der Mufti in seiner Berliner Zeit zum skrupellosen Antisemiten wurde. Er nutzte seine Verbindungen zu Himmler für den Versuch, die Auswanderung jüdischer Kinder aus Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Palästina zu verhindern. Von Auschwitz wusste er, auch wenn nicht belegt ist, ob er selbst dort gewesen ist. Nach dem Krieg wurde er in Ägypten als Aushängeschild der palästinensischen Nationalbewegung benutzt, aber sein Einfluss war gering. Seine Heimat betrat er nie mehr.

Die meisten Intellektuellen der arabischen Welt blieben bis Ende des Zweiten Weltkriegs Nazigegner. Deutschland bekämpfte zwar die verhassten Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich. Nur wenige erlagen aber der Illusion, dass ein Sieg der Achsenmächte im Nahen Osten den Arabern Vorteile bringen würde.

Der einzige Ausbruch umfassender antijüdischer Gewalt von Arabern ereignete sich 1941 in Bagdad. Nach der Niederlage deutschfreundlicher Putschisten in einem kurzen Krieg nutzte ein Mob das Machtvakuum der britischen Besetzung und zog mordend, vergewaltigend und plündernd durch die Straßen des armen jüdischen Viertels. Angehörige einer Jugendorganisation, die unter dem Einfluss des Mufti und dem Eindruck deutscher Propaganda standen, beteiligten sich. Bis zu 200 Juden starben.

Zahlreiche Muslime öffneten ihren jüdischen Mitbürgern die Türen. Da, wo Juden und Muslime sich kannten, wurde geholfen. Gemordet und geplündert wurde unter Fremden.

Vom Ende des Zweiten Weltkriegs an, als sich der Konflikt in Palästina zuzuspitzen begann, vollzog sich aber ein Wandel. Die arabische Öffentlichkeit begann, westliche antisemitische Hetze kritiklos zu übernehmen.

Die Kriege zwischen Juden und Palästinensern, später zwischen Juden und anderen Arabern brachten das Trauma der Vertreibung über einen Großteil der palästinensischen Bevölkerung des neuen israelischen Staates. Nicht nur für Araber steht dieses Trauma stellvertretend für zweihundert Jahre westlicher Hegemonie über die islamische Welt. Antisemitismus ist dadurch nicht entschuldbar, Gewalt gegen Juden nicht zu rechtfertigen. Doch sie liegt nicht in der Geschichte des Islams begründet.

Peter Wien

© Qantara.de 2018

Peter Wien ist Professor für Geschichte des Modernen Nahen Ostens an der University of Maryland in College Park, USA.

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Leserkommentare zum Artikel: Im Islam gibt es keinen traditionellen Antisemitismus

Mir fehlt in diesem Kommentar der Hinweis auf die Herkunft des Amin al-Husseini und damit die ständige Wühlarbeit Grossbritanniens, die eigenen Interessen zu 'pflegen'. Anscheinend wurden noch um 1900 die europäischen Juden eingeladen, in die arabischen Länder zu kommen, war dort doch damals Aufbruchstimmung und damit Mangel an geschulten Leuten. Das eine Bahnlinie von Berlin bis Bagdad nicht nach dem Gusto der Britten sein konnte, ist zwar verständlich, dass wir aber heute immer noch unter deren begangenen Schweinereien leiden, eher weniger!

M. Haggenmacher24.05.2018 | 10:38 Uhr

Zu dieser Thematik gibt es ja nun im deutschen Sprachraum ausgewiesenere Islamistik-Experten als den Junior-Professor Peter Wien. Statt derlei relativierende Seminar-Papierchen zu verbreiten, könnte quantara ja mal was substantielleres, etwa von Professor Bassam Tibi veröffentlichen. Den kann man seit geraumer Zeit lediglich in Schweizer Zeitungen lesen. In deutschen Medien scheint er Mon grata zu sein. In quantara auch??

Bernd Leber29.05.2018 | 20:59 Uhr