Ist die Beschneidung so wichtig, dass sich bei einem Verbot die Existenzfrage für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland stellt?

De Boor: Ja, so sehe ich das. Und es ist ja auch so: Wenn jüdischen Eltern die Beschneidung verboten wird, dann verlieren sie auch die Freiheit, sich selbst dagegen zu entscheiden. Ich kenne einige jüdische Eltern, die sehr lange überlegt haben, ob sie  ihr Kind beschneiden lassen oder nicht. Bei einem Verbot wären individuelle Entscheidungen nicht mehr möglich.

Religiöse Traditionen werden also in Ihren Gemeinschaften durchaus hinterfragt. Sehen Sie Reformbedarf in Ihren Communitys?

Mohseni: In der muslimischen Jugend ist es ein großes Thema, Tradition und Moderne zu vereinbaren. Unsere Eltern haben oft einen sehr traditionellen Hintergrund. Wir sind aber hier aufgewachsen und haben ein anderes Leben kennengelernt. Da gibt es natürlich Konflikte. Ich habe aber ein Problem mit dem Begriff Reform im muslimischen Kontext.

Denn die letzte islamische Reform war der Wahabismus, der in Saudi-Arabien praktiziert wird.  Dabei handelt es sich um eine islamische Strömung, die aus moderner westlicher Sicht als besonders rückständig und inhuman bewertet werden muss. Auf der anderen Seite war ein innerer Pluralismus schon immer Teil der islamischen Tradition. Wenn im Westen heute nach einer Reform des Islam gerufen wird, dann sollte man sich das klarmachen.

De Boor: Im Judentum in Deutschland gibt es sehr viele Binnendiskussionen und Strömungen. Aber man bekommt dann leider sehr schnell ein Label von der Mehrheitsgesellschaft zugewiesen. Dann sind die einen die „Orthodoxen“, die anderen die „Liberalen“, was auch immer das ist.

Es werden viele Stereotype transportiert. Auf Bildern von Juden sind ganz oft Männer mit Kippa, wenn nicht sogar mit Hut und Bart, zu sehen. Sie erfüllen dann das Klischee von einem „richtigen Juden“. Dabei sind die Grenzen ja fließend. Man kann durchaus orthodox und sehr offen oder als sogenannter Reformjude ganz engstirnig sein.

Mohseni: „Liberal“ ist in der Öffentlichkeit das Codewort für die guten Muslime, während die Konservativen die schlechten Muslime sind. Innerhalb der muslimischen Community ist es dann reflexhaft oft umgekehrt: Die Konservativen gelten als diejenigen, die es richtig machen, während die Liberalen diejenigen sind, die angeblich alles verwässern.

 

Das heißt: Fromme Juden ernten Respekt, fromme Muslime sind verdächtig?

De Boor: Ja, man will regelrecht stereotype Juden, um sagen zu können, dass sie wieder in Deutschland leben. Dabei leben keine frommen Juden hier. Man kann ja in Deutschland noch nicht einmal koscher schlachten.

Mohseni: Das Muslimische wird ja auch eher als das Fremde wahrgenommen, weil immer noch das Bild von der „christlich-jüdischen Tradition“ hochgehalten wird.

De Boor: Für mich ist das Bild von der „jüdisch-christlichen Tradition“ ein Schlag ins Gesicht. Heute will sich das „christliche Abendland“ auf seine jüdischen Wurzeln berufen, dabei hat es das Judentum immer bekämpft. Außerdem geht es dabei immer gegen Muslime. Dafür will ich als Jüdin nicht benutzt werden.

Wie steht es in Ihren Gemeinschaften mit Ressentiments gegenüber der jeweils anderen Community?

De Boor: Ressentiments gibt es und sie sind ein wichtiges Thema im Dialogprogramm. Innerjüdisch streitet man da auch schon mal. Es gibt zum Beispiel im Kontext der Israeldebatte das Phänomen der Angst vor „den Arabern“. Aber wir diskutieren das natürlich, denn es handelt sich dabei im Grunde um die gleiche negative Stereotypisierung wie bei der Angst vor „den Juden“ oder vor der „jüdischen Weltherrschaft“.

Was sollte sich aus Ihrer Sicht im jüdisch-muslimischen Verhältnis ändern?

Mohseni: Was sich zuerst ändern muss, ist das Verhältnis der deutschen  Mehrheitsgesellschaft gegenüber unseren Communitys. Rachel hat es ja mehrfach angesprochen: Eine Gruppe wird benutzt, um Stimmung gegen die andere zu machen. Dass der „importierte Antisemitismus“ so oft als Hauptproblem dargestellt wird – was statistisch gar nicht stimmt –, erschwert den Dialog sehr.

Ich wünsche mir aber auch, dass es mehr niedrigschwellige Begegnungen zwischen Muslimen und Juden gibt. Häufig handelt es sich um Veranstaltungen von Studierenden oder Akademikern. Das muss noch mehr in die Breite gehen.

 

Interview: Ursula Rüssmann

© Qantara.de 2019

 

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.