Herr Mohseni, wo stehen Sie selbst? Sie sind hier geboren, Ihre Eltern stammen aus Afghanistan. So gesehen haben Sie mit dem Nahostkonflikt gar nichts zu tun.

Mohseni: Ja, so ist es. Ich weiß von muslimischen Freunden, dass sie sich sehr mit dem Nahostkonflikt identifizieren, den sie als religiösen Konflikt interpretieren. Ich persönlich tue das nicht. Für mich handelt es sich um eine politische und ökonomische Auseinandersetzung. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist ein Konflikt wie jeder andere auf der Welt. Ich sehe mich da eher als Beobachter, der verstehen will.

De Boor: Für mich ist es total wohltuend zu hören, wenn jemand sagt, „für mich ist das ein Konflikt wie jeder andere“. Es gibt ja sehr viele Menschen, die persönlich nichts mit dem Nahostkonflikt zu tun haben, aber sehr genau wissen, wer der Gute und wer der Böse ist …

Finden Sie es normal, dass Sie als in Ostdeutschland geborene Protestantin, die zum Judentum konvertiert ist, anders auf Israel angesprochen werden als jemand ohne Bezug zum Judentum?

De Boor: Ich denke, es ist natürlich, dass anders über den Konflikt gesprochen wird, wenn ein Jude dabei ist. Denn wir haben eine besondere Verbindung zu Israel. Ich persönlich habe viele Freunde in Israel, ich habe dort studiert und fahre regelmäßig nach Israel in Urlaub.

Aber hier in Deutschland gehe ich diesen Diskussionen eher aus dem Weg, denn egal ob ein Nichtjude pro oder kontra Israel ist – meistens sind die Gespräche irgendwie belehrend und weniger fragend. Es ist auch schwer zu vermitteln, dass die israelische Gesellschaft pluralistisch ist, dass es Linke gibt, Rechte, orthodoxe Rechte und orthodoxe Linke, ganz konservative Säkulare …

Hani Mohseni ist Stipendiat des Avicenna-Begabtenförderungswerks. Foto: privat
Hani Mohseni, 23, wurde als Sohn afghanischer Eltern 1996 in München geboren und ist Stipendiat des Avicenna-Begabtenförderungswerks. Er macht gerade seinen Master in Logik und Wissenschaftstheorie. Der gläubige Muslim hat im Programm „Dialogperspektiven“ von Avicenna und dem Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk erstmals junge Juden kennengelernt. Heute engagiert er sich für Begegnungen zwischen beiden Communities, „um im Austausch aus der eigenen weltanschaulichen Blase herauszukommen.“

Der Nahostkonflikt ist in Deutschland auch in anderer Hinsicht ein Thema. Er gilt als Ursache für den sogenannten muslimischen Antisemitismus.

De Boor: Ja, aber oft mit der Botschaft: Wir müssen „die Juden“ vor „den Muslimen“ schützen. Die AfD macht das ja ganz prominent. Es ist extrem gefährlich, Israel, Judentum und einen sogenannten muslimischen Antisemitismus auf diese Weise in Verbindung zu bringen. Ich jedenfalls möchte durch solche Deutsche nicht vor „den Muslimen“ geschützt werden.

Beim Blick auf die Muslime in Deutschland geht es immer wieder ums Kopftuch. Wir haben hier teilweise Kopftuchverbote im Richter- und Lehramt. Geht das auch Juden etwas an?

Mohseni: Was mich persönlich aufregt, sind die doppelten Standards, die da im Spiel sind. Einerseits wird argumentiert, dass Religion Privatsache sei und im öffentlichen Raum wenig verloren habe. Andererseits gilt das nur für Muslime.

De Boor: Ich würde am liebsten jüdische Männer überreden, etwa als Richter auch die Kippa zu tragen, um deutlich zu machen: Ein Kopftuchverbot trifft uns Juden genauso. Deshalb sind Programme wie die „Dialogperspektiven“ so wichtig, damit wir alle mehr an einem Strang ziehen und der Mehrheitsgesellschaft vermitteln: Wenn eine Gruppe betroffen ist, sind wir alle betroffen.

Sie haben das Stichwort Beschneidungsdebatte bereits genannt. Es gibt hierzulande teils starke Vorbehalte gegenüber der jüdischen und muslimischen Praxis der Beschneidung kleiner Jungen, bis hin zum Vorwurf der Körperverletzung. Gilt das „Wir sitzen im gleichen Boot“ auch bei diesem Thema?

De Boor: Ich erinnere mich an ein Kolleg zu Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus von Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk und Avicenna-Studienwerk. Im Kolleg sagte eine Muslimin, in dem Moment, als die jüdische Community beim Beschneidungsthema eingestiegen ist, habe sie gedacht: Jetzt wird das Thema endlich Gewicht bekommen, denn jetzt haben wir die jüdische Community auf unserer Seite. Sie hört man ja in Deutschland.

Daraufhin sagte ein Jude genau das Gegenteil: „Wir jüdische Menschen sind so wenige in Deutschland. Wir werden erst gehört, wenn ihr Muslime dabei seid, weil ihr viel mehr seid.“

Was die Debatte an sich angeht: Ich fand es sehr auffällig, dass die Kritik an der Beschneidung seinerzeit ziemlich direkt nach der Enthüllung der vielen Missbrauchsfälle in Kirchen und Schulen laut wurde. Als ob es plötzlich darum gehen sollte, dass auch Juden und Muslime ihre Kinder schädigen … Es war so heftig, dass ich als jüdischer Mensch damals dachte: Wenn die Beschneidung in Deutschland verboten wird, dann haben wir hier keine Zukunft mehr.

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