Jörg-Dieter Brandes

Geschichte der Berber

In seinem neuen Buch versucht Brandes den Ursprung der Berberkultur zu ergründen und ihren bis heute gültigen Einfluss auf Nordafrika darzustellen.

Berberfrauen in traditioneller Tracht, Foto: AP
Berberfrauen in traditioneller Tracht

​​Im Mittelpunkt in Jörg-Dieter Brandes Darstellung der "Geschichte der Berber" stehen die politischen Verhältnisse im Maghreb seit der Islamisierung im 7. Jahrhundert bis ins späte Mittelalter.

Abgerundet wird diese Darstellung durch Kapitel, die die vorislamische Geschichte des Maghreb und sein Schicksal in der Gegenwart kurz umreißen. Auch die Betrachtung des maurischen Spaniens fehlt nicht.

Brandes, Oberstleutnant a.D., war als Militärattaché viele Jahre in arabischen Ländern tätig und veröffentlichte bereits mehrere Sachbücher, in die seine Kenntnisse der islamischen Welt einflossen.

In seinem neuen Werk verteilt er zwischen den Buchdeckeln auf etwas mehr als 200 Seiten ca. dreiundzwanzig Jahrhunderte Geschichte. Brandes fokussiert dabei die schnell einander nachfolgenden Machthaber und ihre Dynastien.

Dadurch wird der Leser auf fast jeder Seite mit einem Machtwechsel konfrontiert, und er muss sich sehr konzentrieren, um den Bandwurm von aufeinander folgenden Namen zu überblicken.

Zwischen all diesen faktenreichen Aufzählungen bietet der Autor leider nur wenig Hintergrundinformationen. Nur selten hält er inne, um der Frage nach zugehen, wie sich der Einfluss der Berber im Maghreb niederschlägt bzw. niedergeschlagen hat. Dabei stellt er gleich zu Beginn die Behauptung auf, dass diese Nordafrika weitaus mehr geprägt haben als die Araber, auch wenn die Berber religiös im Islam und politisch im Arabertum aufgegangen sind.

Klischeehaftes Orientbild

Hintergründe beleuchtet Brandes vor allem dann, wenn es gilt, die Grausamkeit der Berberdynastien anhand blutiger Anekdoten zu dokumentieren.

So beschreibt er einen Bürgerkrieg im Maghreb, "der historisch an sich völlig unbedeutend war" aber dennoch wegen "seiner irrationalen Grausamkeit und seinen ausgearteten Machtkämpfen, mit unerbittlicher Blutrache, Unaufrichtigkeit, Verrat und Heimtücke so typisch orientalisch-maghrebinisch war", dass er ihm gleich mehrere Seiten widmet.

Neben dem Bild des grausamen Orientalen, der seinen politischen Gegnern die Köpfe als "Ausdruck scheinbar höchster Staatskunst" abschlägt und reihenweise Frauen und Mädchen in die Sklaverei verkauft, dürfen natürlich die Düfte der orientalischen Bazare oder "vollbusige Schwarzafrikanerinnen und derbe Töchter turkmenischer Mamluken", die um die Gunst der Herrscher buhlen, nicht fehlen, um das klischeebeladene Orientbild zu komplettieren.

Bei der Schilderung der wechselvollen Geschichte der Machthaber greift Brandes vor allem auf das "Kitab-al-Ibar" des mittelalterlichen Philosophen und Historikers Ibn Khaldun zurück. Dieser berichtete aus erster Hand über die Verhältnisse in Nordafrika. Leider hatte Brandes nur Zugriff auf die französische Übersetzung von Paul Casanova.

Aufruf zur Rückbesinnung

Cover 'Geschichte der Berber'

​​Dennoch ist das Buch sicherlich gut geeignet, um die politischen Geschehnisse einzelner Jahre oder die Bedeutung einzelner Herrscherpersönlichkeiten nachzuschlagen. Es fehlt zwar ein alphabetischer Namensindex, aber Brandes liefert einige chronologisch geordnete Tafeln über die Dynastien und Statthalter Nordafrikas.

Am Ende seiner Darstellung ruft Brandes die Staaten Nordafrikas auf, sich auf die gemeinsamen berberischen Wurzeln zu besinnen, um ein starker Nachbar der expandierenden EU werden zu können. Allerdings weiß man nach der Lektüre nicht unbedingt, worin diese berberische Kultur besteht, denn sicherlich will die EU keinen Nachbarn haben, der anderen nach Gutdünken die Köpfe abschlägt.

Sandra Schmies

© Qantara.de 2004

Jörg-Dieter Brandes: Geschichte der Berber. Von den Berberdynastien des Mittelalters zum Maghreb der Neuzeit. Gernsbach, Casimir Katz 2004. 232 Seiten, Karten, Herrscherlisten. Preis: EUR 24.80

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