John Baily: "War, Exile and the Music of Afghanistan"

Ohne Musik keine Humanität

Nur wenige musikalische Kulturen sind derart von politischen Unruhen und Gewalt betroffen wie diejenigen Afghanistans. Dies spiegelt sich auch in John Bailys kenntnisreichem Sachbuch "Krieg, Exil und die Musik Afghanistans: Die Erzählung des Ethnographen" wider. Von Susannah Tarbush

Seit den letzten vier Jahrzehnten hat sich der Musikethnologe John Baily als Forscher, Interpret, Filmemacher und Förderer intensiv mit der Musik Afghanistans beschäftigt. Sein Forschungsschwerpunkt ist die musikalische Kultur sowohl in Afghanistan als auch unter afghanischen Flüchtlingen an so unterschiedlichen Orten wie Peschawar in Pakistan, Maschad im Iran, London, Hamburg, Dublin, Kalifornien und Australien. Hierdurch konnte er sich einen umfassenden Überblick über die afghanischen Musikszenen verschaffen.

Baily räumt ein, dass man angesichts der scheinbar endlosen Konflikte, durch die Afghanistan in den letzten 35 Jahren verwüstet wurde, fragen könnte: "Was ist so wichtig an Musik, wenn es so viele andere drängende Probleme gibt?" Als Antwort zitiert er seinen Mentor, den verstorbenen Sozialanthropologen und Ethnomusikologen Professor John Blacking, dessen Andenken das Buch gewidmet ist. Blackings Meinung nach ist "Musik von entscheidender Bedeutung für das Überleben der menschlichen Humanität".

Cover of ″War, Exile and the Music of Afghanistan″ by John Baily (published by Ashgate Publishing)
Klangwelten am Hindukusch: Seit den letzten vier Jahrzehnten hat sich der Musikethnologe John Baily intensiv mit der Musik Afghanistans beschäftigt. Er ist emeritierter Professor für Musikethnologie am Goldsmiths-Institut der Londoner Universität.

Baily schreibt, die Afghanen hätten einen ausgeprägten Sinn für Humanität, auch wenn deren Überleben durch die Vielzahl von Grausamkeiten und Gewalttaten während der jahrzehntelangen Konflikte in diesem Land gefährdet war. "Musik und die Musiker, die sie schreiben und spielen, waren – und sind immer noch – eine ausgleichende Kraft des Guten und müssen gefördert und unterstützt werden."

Zensur durch die Taliban

Welchen Einfluss die Gewalt auf die afghanische Musik haben kann, wurde der Weltöffentlichkeit schmerzlich bewusst, als die Taliban im Jahr 1996 die Kontrolle über Kabul übernahmen und gemäß ihrer Interpretation der Scharia eine extreme Form von Musikzensur einführten. Dazu gehörte ein Verbot der Herstellung, des Besitzes und des Spielens aller Arten von Musikinstrumenten, mit Ausnahme der Rahmentrommel ("Daireh"). Musiker wurden verfolgt und ihre Instrumente zerstört.

Die Taliban verboten zwar Instrumentalmusik, aber unbegleiteter Gesang fiel ihrer Ansicht nach nicht unter den Begriff Musik. Dies stellte "ein passende Rechtfertigung für die Taliban dar, ihre eigene, sehr musikalische Darbietung der Taliban-Lieder zu ermöglichen", schreibt Baily.

Wie der Autor betont, waren Afghanistans Musiker bereits lange vor der Taliban-Herrschaft dem Druck politischer Machthaber ausgesetzt. Nach dem kommunistischen Putsch von 1978 und der sowjetischen Invasion von 1979 unterstützten die nachfolgenden kommunistischen Regierungen vor allem diejenigen Musiker und Genres, die sich mit ihren kulturpolitischen und weltlichen Vorstellungen vereinbaren ließen.

Der Zerfall der afghanischen Musikszene

Auch der nachfolgende Dschihad gegen die kommunistische Herrschaft hinterließ seinen Einfluss auf die Musiker – viele von ihnen verließen das Land. Die islamistischen Mudschaheddin bürdeten der Musik der afghanischen Vertriebenen, beispielsweise in den pakistanischen Flüchtlingslagern, strenge Vorschriften auf. Nach dem Abzug der Sowjets aus Afghanistan wurden im Verlauf brutaler Machtkämpfe zwischen verschiedenen Gruppen der Mudschaheddin große Teile von Kabul zerstört, darunter auch das Musikerviertel Kucheh Kharabat, weshalb sich noch mehr Musiker gezwungen sahen, ins Exil zu gehen.

Auf seiner Fahrt nach Australien besuchte John Baily Afghanistan 1965 das erste Mal, das zweite Mal ein Jahr darauf. Im Verlauf seiner Weltreisen lernte er zwar viele Länder kennen, doch keines prägte ihn so sehr wie Afghanistan. Die Geographie des Landes imponierte ihn, die Kultur und Gastfreundlichkeit der Menschen. "Auch schien das es mir eine sehr künstlerische Gesellschaft zu sein", so Baily.

John Baily und Veronica Doubleday 1977 in Herat; Foto: privat
Faszination afghanische Musikwelten: Baily und seine Frau Veronica Doubleday verbrachten im Zeitraum von 1973 bis 1974 und 1976 bis 1977 mehre Jahre in der westafghanischen Stadt Herat, um dort musikalische Feldstudien durchzuführen.

Baily und seine Frau Veronica Doubleday blieben 1973 bis 1974 sowie 1976 bis 1977 für jeweils ein Jahr am Hindukusch und betrieben in der westafghanischen Stadt Herat ihre Forschungen. Während er 1973 in Kabul auf die Genehmigung seiner Arbeit wartete, erhielt Baily erstmals Musikunterricht auf dem afghanischen Nationalinstrument Rubab, einer Kurzhalslaute.

Der Doyen der Rubab-Spieler

Sein Lehrer war Ustad Mohammed Omar, "der Doyen der Rubab-Spieler des späten 20. Jahrhunderts, dessen Name wiederholt in meinem Buch auftaucht", bemerkt Baily, der auch das Spiel auf der Langhalslaute ("Dotar") beherrscht. "Das Spielen afghanischer Musik wurde immer mehr Teil meines Lebens und meiner Identität", schrieb er. Von afghanischen Musikern wurde ihm schließlich der Titel eines "Shauqi" zuteil – eines Amateurenthusiasten mit Liebe zur Musik.

Bailys Buch behandelt insgesamt zehn Forschungsreisen, einige davon thematisieren Afghanistan, wenn auch die meisten Kapitel die Musikkulturen in der Diaspora beleuchten. Jeder dieser Reiseberichte stellt eine Hauptperson in den Fokus. Baily bezeichnet sie als seine "Hamkaran", was auf Dari soviel wie "Kollegen" oder "Mitarbeiter" bedeutet.

Eines seiner "Hamkaran"-Profile ist dem Rubab-Spieler Amir Jan Herati gewidmet, den Baily in den 1970er Jahren in Herat kennenlernte. 1985 wurde er zur Hauptfigur in Bailys preisgekröntem und überaus ergreifendem ersten Film "Amir: An Afghan refugee musician's life in Peshawar, Pakistan" ("Amir: Das Leben eines afghanischen Musikers und Flüchtlings in Peschawar, Pakistan").

Im Jahr 2000 drehte Baily in Peschawar einen zweiten Film mit dem Titel "Across the Border: Afghan Musicians exiled in Peshawar" ("Jenseits der Grenze: Afghanische Musiker im Exil in Peschawar"). Unter den Musikern, die in diesem Film und in Bailys Buch beschrieben werden, ist auch der virtuose Rubab-Spieler Homayum Sakhi, der 1976 in Kabul geboren wurde.

Zu Bailys "Hamkaran" gehört auch Abdul Wahab Madadi, der ein berühmter Sänger und Komponist bei "Radio Television Afghanistan" war, wo er auch die musikalische Leitung übernahm. 1999 erhielt er politisches Asyl in Deutschland.

Ein weiterer "Hamkar" ist der Tabla-Meister Ustad Asif Mahmoud Chishti, dem 1990 politisches Asyl in Großbritannien gewährt wurde, wo er zeitweise am Goldsmiths-Institut Tabla unterrichtete. 1999 zog er nach Fremont in Kalifornien, wo er eine Schule gründete, an der die große afghanische Gemeinde der Stadt Tabla-Unterricht nehmen konnte.

Baily besuchte auch Fremont und drehte dort seinen Film "Tablas and Drum Machines: Afghan Music in California" ("Tablas und Drum-Machines: Afghanische Musik in Kalifornien"). Darin wird eine relativ liberale Seite der afghanischen Kultur beschrieben: Die Frauen sind dort nur selten verschleiert, und Männer und Frauen tanzen zusammen auf einer Verlobungsfeier.

Wiederbelebung der afghanischen Musikkulturen

Seit der Vertreibung der Taliban im Jahr 2001 bemüht sich Baily, die afghanische Musikkultur zu fördern und wiederzubeleben. Zu diesem Zweck hat er 2002 am Goldsmiths-Institut die Afghanistan Music Unit (AMU) gegründet.

Nach einem Besuch in Kabul im Jahr 2002 drehte er den Film "A Kabul Music Diary" ("Ein Kabuler Musiktagebuch"). Und 2011 war er erneut in der afghanischen Hauptstadt, um das "Afghanische Nationalinstitut für Musik" (ANIM) zu besuchen.

Diese bahnbrechende gemischte Musikschule wurde 2010 von dem inspirierenden afghanischen Musikwissenschaftler Dr. Ahmad Sarmast gegründet. Und auch über das ANIM drehte Baily einen Film: "Return of the Nightingales" ("Rückkehr der Nachtigallen") – ein Titel, der symbolisch für die Wiederbelebung der Musikkulturen Afghanistans steht.

Susannah Tarbush

© Qantara.de 2016

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

John Baily: "War, Exile and the Music of Afghanistan. The Ethnographer's Tale", Routledge, 246 Seiten, ISBN: 9781472415820

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.