Jesus und Maria im Koran
Die Botschaft der Barmherzigkeit

Jesus, arabisch Issa, genießt nicht nur im Koran den höchsten Stellenwert unter den Propheten. Er wird auch in der mystischen Tradition des Islam für seine Botschaft von Liebe und Barmherzigkeit verehrt. Von Aziz Fooladvand

Die gesegnete Geburt von Issa Massih, Jesus Christus, dem Boten des Friedens, ist ein Fest des Lichts. Seine Geburt ist eine Botschaft der Befreiung aller Menschen aus unbewussten und fremdbestimmten Zwängen. An jenem Tag hat ein Kind das Licht der Welt erblickt, das verkündete: "Wo immer ich bin, bin ich Segen für alle Menschen" (Koran, Sure 19, 35).

Jesus von Nazareth wurde auserwählt, die Menschen "zum Leben zu erwecken", ihnen "Augen und Ohren" zu öffnen, ihnen Kraft zu schenken, um "aufzustehen", zu laufen, zu handeln, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich gegen Autoritäten jeglicher Art zu stellen. Er ist das Licht, das uns den Weg zeigt: "Ich bin das Licht der Welt! Wer mir folgt, wird nicht mehr in der Finsternis umherirren, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Johannes 8,12).

Der Koran schreibt Jesus Christus, issa massih, den höchsten Stellenwert unter den Propheten zu. Neben seiner wundersamen Geburt vollbrachte er selbst Wunder. Issa und seine Mutter werden im Koran als "Zeichen für die Welten“ beschrieben (Sure 21,91). Jesus wird im Koran an drei Stellen mit dem bemerkenswerten Titel kalimatollah "Wort Gottes“ bezeichnet. Dieser Titel wird ausschließlich für Jesus verwendet (Suren 3,39 und 45; 4,171).

Die Stellung von Jesus Christus im Islam ist herausragend. Er wird als Geist Gottes, ruh min allah, rasulollah, Prophet Gottes, und kalimatollah, Wort Gottes, bezeichnet (Sure 4,171). Er ist in der persischen und mystischen Literatur für seinen heilenden dam (Atem) bekannt, mit dem er Wunder erwirkte, heilte und Tote zum Leben erweckte. Der Koran erwähnt an zwei Stellen das sogenannte "Vogelwunder“, demzufolge Jesus als Jüngling aus Ton geformte Vögel lebendig machte, indem er fa anfokhu fihe "ihnen seinen Atem einhauchte“ (Suren 3,49 und 5,110).

Die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind; Foto: wikipedia
Maria mit dem Jesuskind in einer persischen Miniatur. Jesus spielt in der islamischen Tradition eine zentrale Rolle. "Der Koran schreibt Jesus Christus, Issa Massih, den höchsten Stellenwert unter den Propheten zu,“ schreibt Aziz Fooladvand. "Neben seiner wundersamen Geburt vollbrachte er selbst Wunder. Issa und seine Mutter werden im Koran als "Zeichen für die Welten“ beschrieben (Sure 21,91). Er wird im Koran an drei Stellen mit dem bemerkenswerten Titel kalimatollah, "Wort Gottes“, bezeichnet. Dieser Titel wird ausschließlich für Jesus verwendet.

 

Anekdoten über Jesus
 

Der persisch-islamische Gelehrte, Mystiker und Theologe al-Ghazālī (1066-1111) berichtet die folgende Anekdote: Jesus war mit seinen hawariyoun (Jüngern) unterwegs, als sie am Kadaver eines Hundes vorbeikamen. "Buh!“ riefen die Jünger aus, "was für ein Gestank!“ Da hielt Jesus an, um auf die glänzenden weißen Zähne des Geschöpfs aufmerksam zu machen. Und Jesus schalt seine Jünger und gebot ihnen, nicht schlecht über den armen Hund zu reden und erklärte: "Sagt nichts als Lobenswertes über Gottes Geschöpfe.“

Der Wanderprediger Jesus plädierte in seinem Wirkungsbereich im Römischen Reich für gewaltfreie Kommunikation, für eine Verständigung zwischen Menschen, die auf tiefer Liebe und Barmherzigkeit basiert. Selbst seine Peiniger schließt er in das Konzept der Barmherzigkeit mit ein: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lukas 23,34).

Exklusivität und Terror jedoch entstehen durch Unwissenheit sowie sozialen und politischen Analphabetismus auf Grundlage einer hasserfüllten Geisteshaltung.

Jesus Christus galt nicht nur als ein Weiser, der mit den Menschen spricht, sondern vielmehr als Handelnder, der Gedanken, Bewusstsein, Planung und Zielsetzung in seine Kommunikation einbezog. Diese Art der Kommunikation wird als soziales Handeln verstanden, welches bestimmte Ziele anstrebt. Genau diese Ziele waren eine Gefahr für die Stabilität des römischen Imperiums. "So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" (Matthäus 22,21).

Barmherzigkeit leben: eine Menschheitsaufgabe
 

Die Autoritäten werden in Frage gestellt und ihre Macht eingeschränkt, aber gleichzeitig werden sie als "Nächste" angesehen, die man lieben soll, wie sich selbst. Dies bedeutet eine große Herausforderung, eine Selbstüberwindung, die unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Dieses Konzept der Barmherzigkeit ist eine Menschheitsaufgabe. Wie weit sind wir heute davon entfernt, es zu leben?

Mit enjil, dem "Evangelium“, das "Rechtleitung und Licht enthält" (Sure 5,46), bekräftigt Issa (Jesus) "die Wahrheit der vorhandenen Thora", die zur Erlösung aller Menschen gesandt worden ist. Nach diesem Verständnis verkünden die Propheten dieselbe Gottesbotschaft in verschiedenen historischen Kontexten (Suren 14,4; 16,36).

Jesus Christus, das Licht der Barmherzigkeit, der unsere Herzen heilt und unsere Augen und Ohren öffnet, der uns zum Leben erwecken will, ist traurig über den Zustand der Welt und die Taten der Menschen. Er hat uns Seligkeit versprochen. Den Hungrigen, Durstigen und Unterdrückten dieser Welt hat er in der Bergpredigt Gerechtigkeit versprochen, den Sanftmütigen das "Erdreich", den "Barmherzigen" Barmherzigkeit, den Verfolgten das "Himmelreich" und den Leidtragenden "Trost". Das Projekt der Befreiung der Menschheit aus ihren persönlichen, sozialen, traditionellen, wirtschaftlichen und politischen Ketten ist immer noch unvollendet.

Der promovierte Soziologe und Islamwissenschaftler Aziz Fooladvand; Foto: privat
Aziz Fooladvand unterrichtet Islamische Religion an einer Schule in Bonn. Jesus ist für ihn eine zentrale Figur, die Christentum und Islam verbindet. Jesus hat den Hungrigen, Durstigen und Unterdrückten dieser Welt in der Bergpredigt Gerechtigkeit versprochen. Seine Geburt ist eine Botschaft der Befreiung aller Menschen aus unbewussten und fremdbestimmten Zwängen. Heute allerdings versinkt die Region, in der Jesus gewirkt hat, in Hass und religiöser Intoleranz. "Dieser Hass ist dem Geist des Monotheismus jeder Prägung fremd und mit dem monotheistischen Verständnis des Glaubens nicht in Einklang zu bringen,“ schreibt Fooladvand. "Die Trennlinie in den monotheistischen Lehren verläuft nicht zwischen 'Gläubigen' und 'Ungläubigen`, sondern zwischen Gewaltherrschern und Tyrannen einerseits und den sozial Schwachen und Unterprivilegierten andererseits, unabhängig von ihrer religiösen, nationalen oder ethnischen Zugehörigkeit.“

Vergessen wir jedoch seine Mutter nicht. Maria, auf Arabisch Maryam, ist die einzige Frau, die im Koran mehrmals namentlich erwähnt wird. Die 19. Sure mit 98 Versen trägt den Namen Maryam. Jesus Christus wird stets als "Sohn Marias" benannt. Sie gilt in der islamischen Tradition und insbesondere in der islamisch-mystischen Literatur als die "heilige" Frau schlechthin. Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich an ihr, Maryam ozar, der "unbefleckten Maria“, die voraussagte: "Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist" (Lukas 1, 46-48).

Wir verehren gleichzeitig eine vorbildliche Frau, in der der Geist Gottes (ruhon minho, رُوحٌ مِنْهُ, Sure 4,171) Gestalt annahm, eine Frau, die uns Standhaftigkeit lehrt und die für die Menschheit zum Symbol der Tugendhaftigkeit wurde. Sie ging zuversichtlich, trotz der ungeheuren Prüfungen, den Weg, den Gott ihr anbot und sie zeigte ihre Treue.

Hass und religiöse Intoleranz verfälschen heute die Botschaft Jesus

 

Die Region, in der "der Mensch gewordene Gott" vor 2000 Jahren dem mächtigen Römischen Reich die Stirn bot, wo er die Botschaft der Barmherzigkeit und Liebe verkündete und in ihren Gassen und Häusern die Menschen "heilte", den "Blinden die Augen öffnete", die "Toten" zum Leben erweckte und sich für diese Botschaft opferte, versinkt heute in Hass und religiöser Intoleranz.

Dieser Hass ist dem Geist des Monotheismus jeder Prägung fremd und mit dem monotheistischen Verständnis des Glaubens nicht in Einklang zu bringen. Die Trennlinie in den monotheistischen Lehren verläuft nicht zwischen "Gläubigen“ und "Ungläubigen“, sondern zwischen Gewaltherrschern und Tyrannen einerseits und den sozial Schwachen und Unterprivilegierten andererseits, unabhängig von ihrer religiösen, nationalen oder ethnischen Zugehörigkeit.

Im koranischen Verständnis verläuft also die Trennlinie zwischen den Menschen, die Pluralität und Diversität bejahen einerseits und den Menschen die Exklusivität fordern und einen demokratischen Geist ablehnen.

Der Monotheismus lehnt jegliche Bevormundung, jegliche Verherrlichung von Menschen, Ideen oder Gedanken ab. Das einzig gültige Leitprinzip ist Gott. Gott ist rahma, Barmherzigkeit und Liebe zu den Menschen. Gott hat sich im Koran zur Barmherzigkeit gegenüber den Menschen verpflichtet: "Euer Herr hat sich zur Barmherzigkeit verpflichtet. Wenn (demnach) einer von euch in Unwissenheit Böses tut und dann später umkehrt und sich bessert (findet er Gnade). Gott ist barm­herzig und bereit zu vergeben" (Sure 6,54).

Das arabische Wort rahma ist mit dem Wort rahim verwandt. In seiner Grundbedeutung verweist es im Hebräischen wie im Arabischen auf den Mutterleib, genauer den Mutterschoß. Dadurch gewinnt das Wort Barmherzigkeit eine starke emotionale Konnotation. Mit dem Begriff Mutterschoß werden Wärme, Liebe, Zärtlichkeit und Geborgenheit assoziiert. Nur mit dem Licht der Barmherzigkeit gelingt es uns, die Welt friedvoll zu gestalten.

Aziz Fooladvand

© Qantara.de 2021

Aziz Fooladvand ist promovierter Soziologe und Islamwissenschaftler. Er unterrichtet Islamische Religion an einer Schule in Bonn. Als Experte für islamischen Fundamentalismus ist er in der Integrations- und Präventionsarbeit sowie bei der Deradikalisierung von Jugendlichen tätig. Seit mehreren Jahren ist er außerdem aktives Mitglied bei Amnesty International. Seit 2009 im interreligiösen Dialog und als Referent in Schulen, Jugendämtern sowie als ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer aktiv.

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