Bagdads beharrliches Schweigen sorgt indes für Wut bei vielen Jesiden. "Hätten die 50 Frauen einer anderen Religion angehört, wäre es wohl zu massenhaften Protesten gekommen", heißt es.

Jesiden als menschliche Schutzschilde

Auch Baba Sheikh, religiöses Oberhaupt der Jesiden, verurteilt das Schweigen und fordert die Einrichtung einer Sonderkommission zur Suche nach den Vermissten. Nadia Murad unterstützt diesen Aufruf. "Der IS benutzt die Jesiden als menschliche Schutzschilde", sagte sie. Aus diesem Grund hatte die SDF-Koalition ihren Großangriff bereits mehrfach aufgeschoben.

Angesichts des nahen Endes der verhassten IS-Herrschaft wächst die Sorge der Jesiden um ihre Vermissten. Murad und Dinnayi sind überzeugt, dass sich noch immer Dutzende Kinder bei IS-Familien in Lagern im kurdischen Teil Syriens aufhalten. Alle Forderungen, nach ihnen zu suchen, seien auf taube Ohren gestoßen. "Die, die helfen wollen, haben keinen Einfluss. Und die mit der nötigen Autorität bleiben an ihren Schreibtischen sitzen", so Dinnayi.

For Immediate Release: @NadiaMuradBasee @nadiainitiative @yazda @YazdaOrg and Amal Clooney call on @coalition to intensify efforts to investigate #ISIS crimes and rescue Yazidi captives held in Syria pic.twitter.com/M0xbcyaAxa

Auch Sally Becker von der britischen Nichtregierungsorganisation "Road to Peace" berichtet von ihren vergeblichen Versuchen, in irakischen Lagern nach Binnenflüchtlingen zu suchen. Als ihre Organisation 2017 im Irak Vertriebene medizinisch versorgte, fielen ihr die vielen blonden oder rothaarigen Kinder unter den Flüchtlingen aus der einstigen IS-Hochburg Hawija auf. Sie vermutete, es seien Jesiden.

"Wir fanden ein Unternehmen aus Den Haag, das kostenlose Verwandtschaftstests anbot", so Becker. Aber die irakische Regierung habe das nicht zugelassen. So verschwanden die Kinder wieder in den Familien. Becker war auch dabei, als es darum ging, die Flüchtlinge aus Baghus mit ihren Verwandten zusammenzuführen. Über ihr Netzwerk teilte sie Bilder in Sozialen Medien. Tatsächlich erkannten manche von ihnen ihre Verwandten wieder und kontaktierten daraufhin Becker.

"Eine Reise zurück in die Welt"

Zwei Jungen, so Becker, wurden von ihren Geschwistern erkannt. Die waren Teil eines deutschen Hilfsprogramms, das rund tausend IS-Überlebenden Trauma-Therapien ermöglichte. Auch zwei Schwestern von Suaad Daoud nehmen an diesem Programm teil. Sie waren es auch, die Suaad nach ihrer Rückkehr in Empfang nahmen und sie auf ihrer "Reise zurück in die Welt" begleiteten. "Und ich dachte, von meiner Familie sei niemand mehr übriggeblieben", sagt sie.

Als der IS die irakische, überwiegend von Jesiden bewohnte Sindschar-Region eingenommen hatte, hatten die Dschihadisten tausende Jesiden getötet und verschleppt. Rund 3.400 von ihnen, zumeist Frauen und Kinder, konnten fliehen.

Dinnayi geht davon aus, dass mindestens tausend dieser Vermissten getötet wurden. Zudem starben viele junge Männer, die in den Kampf geschickt wurden, an der Front. Hunderte Frauen und Kinder aber, vermutet Dinnayi, leben noch immer versteckt in arabischen Familien in sunnitischen Regionen des Iraks, Syriens oder in Vertriebenenlagern. Unklar bleibt die Zahl der Jesidinnen, die ins sunnitische Ausland, etwa nach Saudi-Arabien oder Jordanien verkauft wurden.

Judit Neurink

© Deutsche Welle 2019

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