Jenseits des Safranbergs

Der iranische Autor Kader Abdolah erzählt in seinem neusten Roman "Die geheime Schrift" aus dem Leben eines Teppichknüpfers im Persien des 20. Jahrhunderts. Ilja Braun über Abdolahs neustes Werk und Vita.

Der iranische Autor Kader Abdolah erzählt in seinem neusten Roman "Die geheime Schrift" aus dem Leben eines Teppichknüpfers im Persien des 20. Jahrhunderts – eine durch biografische und erzählerische Elemente entwickelte Geschichte des Irans und zugleich ein wertvoller Beitrag zum Dialog der Kulturen. Ilja Braun über Abdolahs neustes Werk und Vita.


Kader Abdolah

​​"Lies! Im Namen deines Herrn, der erschuf, Erschuf den Menschen aus geronnenem Blut". So lautet die erste Sure des Korans, die der Erzengel Gabriel Mohammed aus dem Himmel bringt. Obwohl Mohammed angeblich Analphabet gewesen sein soll, verlangt Gabriel von ihm, den Text zu lesen. Am Anfang von Kader Abdolahs Roman "Die geheime Schrift" steht auch eine Überlieferung, die ihr Empfänger nicht entziffern kann. Es handelt sich um das Tagebuch seines verstorbenen Vaters, das der im niederländischen Exil lebende Iraner Esmail gern lesen möchte. Es ist aber kein gewöhnliches Tagebuch. Agha Akbar, so der Name des Vaters, war nämlich zeitlebens taubstumm. In sein Tagebuch schrieb der des Lesens und Schreibens unkundige Teppichknüpfer keine gewöhnlichen Schriftzeichen, sondern er bediente sich einer krakeligen Keilschrift, ähnlich der 3000 Jahre alten Inschrift an der Wand einer Höhle im Safranberg. Der Safranberg im Norden des Irans, so genannt, weil er im Herbst mit roten und gelben Blumen bedeckt ist, erweckt seit Anfang des 20. Jahrhunderts das Interesse der Archäologen, die die Schriftzeichen aus der Zeit des ersten persischen Königs untersuchen. Schon in seiner Kindheit, als er ausländische Wissenschaftler durch die Höhle führte, erwählte Agha Akbar sich diese Keilschrift zum Modell für sein Tagebuch.

Chronik, Märchen und Fiktion in einem Roman

Welchen konkreten Inhalts die Notizen des Taubstummen waren, erfährt der Leser nicht. Vielmehr fungiert die Suche nach der Bedeutung der Schrift des Vaters als Metapher für die Selbstvergewisserungsarbeit, die der Sohn im westlichen Exil leistet. Esmail, der eigentliche Protagonist des Romans, der einst vor dem Chomeini-Regime flüchtete, während seine Familie im Iran blieb, legt durch die Übersetzung der Schrift seines Vaters Kader Abdolah, geboren 1952 im Iran, studierte Physik in Teheran und war aktiv in der Studentenbewegung. 1988 floh er aus politischen Gründen mit seiner Familie nach Holland, wo er heute in Amsterdam als freier Autor lebt. Der Name Abdolahs ist ein Pseudonym, das aus den Namen zweier ermordeter Freunde gebildet ist. in die erlernte, fremde Sprache seines Gastlandes Zeugnis von seiner Herkunft ab. In der Fremde lebend, besinnt er sich dabei bewusst auf die persönlichen, familiären Bindungen ebenso wie auf die kulturellen Traditionen und die politischen Verhältnisse, die er als Flüchtling zurückgelassen hat. In der Keilschrift des väterlichen Tagebuchs liegt nichts Geringeres als die Vergangenheit Esmails beschlossen. Eine Geschichte also, die sich zwar in die neue Sprache übersetzen lässt, die aber im Prozess des Übersetzens einen gewissen Grad an Fremdheit nie verliert, nicht vollständig in der Gegenwart des Exils aufgehen wird. "Alles hier ist neu", beschreibt Esmail die niederländische Polderlandschaft, "die Erde riecht noch nach Fisch, die Bäume sind jung, die Vogelnester sind aus frischen Zweigen, es gibt keine alten Wörter, keine alten Liebesgeschichten und nicht den Hass alter Zwistigkeiten. In den Aufzeichnungen meines Vaters jedoch ist alles alt, die Berge, der Brunnen, die Höhle, die Keilschrift, sogar die Bahnlinie, und deshalb traue ich mich nicht, die Feder anzusetzen. Ich glaube, auf diesem neuen Boden ist es unmöglich, einen Roman zu schreiben." Wie die Entschlüsselung der vom Vater geerbten Aufzeichnungen letztlich im Schreiben eines Romans aufgehen soll, so ist in Abdolahs Buch stets die Erinnerungsarbeit zugleich eine Praxis der Fiktionalisierung. So dicht der Autor bei der Rekonstruktion der Lebensgeschichte des Teppichflickers Agha Akbar auch am realen Persien des 20. Jahrhunderts bleiben mag, die Geschichte hört nie auf, Roman zu sein, Fiktion.Zeiten des Umbruchs: Vom Schah bis zur Islamischen Revolution

Es ist wichtig, das zu betonen, weil der Romanheld andererseits tatsächlich vieles mit dem Autor gemein hat. 1988 hat Kader Abdolah den Iran aus politischen Gründen verlassen müssen. Der wirkliche Name des 1954 geborenen und heute in Amsterdam lebenden Autors ist Hossein Sadgadi Ghaemuraghami Frahani; das Pseudonym Kader Abdolah stellt eine Referenz an zwei vom Chomeini-Regime ermordete Freunde dar. "Die geheime Schrift" ist in gewisser Weise tatsächlich ein persönliches Erinnerungsbuch; auch Abdolahs Vater war taubstumm, und sogar das Tagebuch mit den rätselhaften Kritzeleien soll es tatsächlich gegeben haben. Gleichzeitig aber geht der Autor über das Persönliche hinaus und wirft ein Licht auf die wichtigsten Ereignisse in der politischen Geschichte Persiens des 20. Jahrhunderts. Angefangen mit der Modernisierung, die der 1921 an die Macht gekommene Vater des letzten Schahs Reza Khan in die Wege zu leiten versuchte, über die kurze Amtszeit von Premierminister Mossadegh, der 1953 einem CIA-Putsch zum Opfer fiel, bis hin zum geistlichen Chomeini-Regime, das zwar der Herrschaft des letzten Schahs ein Ende bereitete, jegliche kritische Opposition aber schon bald mit aller Härte verfolgte und zum Schweigen brachte. Kein Zweifel, Kader Abdolahs schriftstellerische Ambitionen sind nicht rein ästhetischer Natur. "Ich wehre mich mit niederländischen Worten gegen die iranische Diktatur", sagte der Autor bereits 1996 der Tageszeitung 'Trouw'. "Ich schreibe die Geschichte eines Volkes. Das ist meine Art zu kämpfen. Ich versuche damit, die Toten wieder zum Leben zu erwecken, mir zurück zu holen, was die Diktatur mir genommen hat."

Literarisches Schaffen zwischen den Kulturen

Wie sein Protagonist hat Abdolah an der Universität von Teheran Physik studiert, später arbeitete er als Direktor einer Verpackungsfabrik. Bevor er in niederländischer Sprache zu schreiben begann, hatte er bereits zwei Bände mit Erzählungen auf Persisch veröffentlicht, aber auch ein Werk über das Schicksal der Kurden. Sein erstes Buch auf Niederländisch erhielt 1993 dennoch einen Preis für das "beste Debüt". Weitere Auszeichnungen folgten, im Jahr 2000 sogar eine königliche für seinen "einzigartigen Beitrag zur niederländischen Sprache". In den Niederlanden zählt Abdolah inzwischen zu den bekanntesten zeitgenössischen Schriftstellern. Dass er schon bald nach seiner Ankunft im Westen anfing, auf Niederländisch zu schreiben, hat dazu sicher in hohem Maße beigetragen. Es hat ihn auch in die Lage versetzt, in den niederländischen Medien über den Iran berichten zu können – seit mehreren Jahren schreibt er für die überregionale "Volkskrant". Die Hoffnungen, die er anfänglich in die Politik Präsident Khatamis setzte, sind in den letzten Jahren einer ernüchterten Einschätzung der Lage gewichen, nachdem dieser sich gegenüber den Geistlichen nicht wie erhofft durchsetzen konnte.

Politische Botschaften gegen das das Vergessen

Mit seiner belletristischen Arbeit hat Abdolah zudem mehr als einmal gezeigt, wie sich typische Erfahrungen als politischer Aktivist in einer Diktatur und als Exilant im europäischen Westen auf originelle Weise literarisch verarbeiten lassen. Schon seine mittlerweile 10 Jahre alte Erzählung "Die Adler" handelt von einer Reise, die der Protagonist mit seinem Vater unternimmt, um eine Grabstelle für den ermordeten Bruder zu finden. Der Titel verweist auf die Adler, die über den verlassenen Gräbern der Opfer des Regimes ihre Kreise ziehen. "Die Reise der leeren Flaschen", Abdolahs erster auf Deutsch erschienener Roman, der nur noch antiquarisch erhältlich ist, porträtiert einen iranischen Exilanten, der Schwierigkeiten hat, sich an das neue Leben im Westen zu gewöhnen. Zum einen fällt es ihm schwer, seine Rolle als wichtiger politischer Aktivist aufzugeben und als einfacher Hilfsarbeiter in einer Fabrik sein Brot zu verdienen. Zum anderen beneidet er seine Frau, die sich viel müheloser als er selbst an die neuen Verhältnisse anzupassen vermag. Die eigene, von politischen Turbulenzen geprägte Vergangenheit im Exil weder zu verlieren noch zu verleugnen, ist ein Thema, das hier schon auftaucht und in "Die geheime Schrift" noch einmal variiert wird.

"Alle Vögel hatten schon begonnen, ihre Nester zu bauen, nur Agha Akbar nicht", heißt es einmal in dem neuen Roman. "Hebban olla vogala nestas hagunnan hinase hic enda thu", das steht in keiner persischen Höhle an der Wand. Es ist der älteste erhaltene niederländische Text, aus dem 11. Jahrhundert: "Alle Vögel haben begonnen, Nester zu bauen, außer mir und dir." So handelt Abdolahs neuer Roman nicht zuletzt auch von der Sehnsucht nach einer Heimat, die unter den realen Bedingungen utopisch erscheint.

Ilja Braun, © 2003 Qantara.de

Kader Abdolah: Die geheime Schrift, übersetzt von Christiane Kuby, Klett Cotta Verlag; Februar 2003

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