Die weniger gebildeten Einwohner Sanaas glaubten an Magie und Spiritismus. Laut Manzoni interessierten sich die ärmeren Jemeniten häufig für Medien, wohingegen sich die Reichen mehr für Astrologie interessierten. In Sanaa wurde an Montagen wurde zumeist geheiratet, Donnerstage waren gesegnet, und der Freitag verhieß Glück, weil der Prophet Mohammed an diesem Tag von Mekka nach Medina emigriert war. Sonntage und Mittwoche galten als neutral, der Dienstag jedoch wurde mit Unheil verbunden und als "Tag des Blutes" bezeichnet, weil die meisten muslimischen Märtyrer an einem Dienstag gestorben waren.

Auch im Jahresverlauf gab es sowohl gute wie schlechte Tage. Der schlimmste war angeblich der letzte Mittwoch des Monats Safar. An diesem Tag, der für den Feiertag der Geister gehalten wurde, hatten die Menschen Angst, ihre Häuser zu verlassen.

Heilige und Derwische

Laut Manzoni standen Heilige bei den Jemeniten sehr hoch im Kurs, ob sie nun lebten oder bereits verschieden waren. Dass diese Menschen heilig waren, schien keinen bestimmten Grund zu haben, und sie nutzten ihre privilegierte Stellung nach besten Kräften aus. Der Autor beschrieb diese Heiligen als harmlose "Narren und Idioten", von denen die Menschen aus irgendeinem Grund annahmen, sie seien etwas Besonderes. Sie standen über dem Gesetz, und sogar wenn sie völlig unbekleidet über die Straße liefen, traute sich niemand, sie zurechtzuweisen.

Derwische hingegen galten als religiöser - oder zumindest taten sie so. Zumeist waren sie Türken oder Perser, und sie zeigten ihre Spiritualität, indem sie außergewöhnliche Dinge taten. So aßen sie beispielsweise Steine, Glas, oder Metall. "Sie sind Blender, die von Spenden leben, um die sie entweder betteln oder die sie unaufgefordert bekommen", schrieb Manzoni. "Die Araber im Jemen haben Angst vor ihnen, da sie glauben, sie könnten ihnen Unglück bringen."

In ganz Sanaa gab es eine Vielzahl von Gärten, von denen Manzoni den "Pfauengarten" am liebsten hatte. Er war riesengroß, gepflegt und voller unterschiedlicher Bäume und Blumen. Auch bei den Türken war diese Gartenanlage sehr beliebt. Sie suchten ihn häufig auf, aßen vor dem Mittagessen noch ein paar Früchte und tranken ihren Arak.

Historisches Bild von der Altstadt von Sanaa; Foto: UNESCO/Maria Gropa/Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 IGO
"Eine Stadt, so pittoresk, so malerisch…": Die UNESCO hatte die Altstadt von Sanaa 1986 auf ihre Liste des Weltkulturerbes genommen. Sie liegt 2.200 Meter hoch in einem Bergtal und war eines der größten Zentren für die Ausbreitung des Islams. Sie umfasst mehr als 6.000 meist mehrgeschossige Häuser, die vor dem elften Jahrhundert errichtet wurden.

Von Fehlwahrnehmungen und Stereotypen

Nicht alles, was Manzoni über die Bewohner von Sanaa schrieb, war richtig. Vieles von dem, was er als seltsam oder irrational erachtete, beruhte auf weit verbreiteten Stereotypen, an die er und andere westliche Reisende glaubten. Häufig gaben solche Beobachter in ihren Büchern lediglich ihrem Abscheu gegenüber fremden Kulturen Ausdruck.

Beispielsweise beschrieb Manzoni, wie sich die Menschen gegenüber ihren Vorgesetzten oder Höhergestellten auf demütige Weise gehorsam zeigten. Wann auch immer ein solcher Privilegierter vorbeikam, schrieb er, würden die anderen Männer aufhören zu rauchen und aufstehen, um ihn zu grüßen. Außerdem erwähnte er, es sei für einen Mann üblich, sich im verbalen oder schriftlichen Umgang mit der Elite als "höchst ergebenen Diener" zu bezeichnen.

Einige von Manzonis Einschätzungen beruhten auf seinen persönlichen Begegnungen. "Sehr häufig geschah es, dass ich im Jemen ganze Stämme von Männern und Frauen sah, die extrem hässlich waren, während die Männer anderer Stämme gut aussahen und die Frauen einen sehr charmanten Eindruck machten", schrieb er.

Während einer seiner Besuche wurde er von den Einheimischen fälschlicherweise für einen Arzt gehalten und gebeten, Patienten zu behandeln. Daraus schloss er, die Menschen sämtlicher muslimischer Länder seien der Ansicht, die Europäer wüssten alles, nur weil sie lesen und schreiben konnten. Seiner Meinung nach war "der Araber" unwissend, da "er glaubt, sämtliches menschliches Wissen könne in einem einzigen Buch enthalten sein, und wenn ein Mann seine Seiten lesen könne, wisse er alles".

Der Schriftsteller stellte Sanaa so dar, wie er die Stadt erlebte, seine Berichte waren dabei voller Zerrbilder in Hinblick auf die italienische Kultur im Vergleich zur islamischen Welt. Beispielsweise schrieb er, der Ramadan sei für die Muslime der Monat der Freuden, während er in Wirklichkeit der Monat ist, an dem sich die Muslime zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang aller Freuden enthalten, darunter auch denen der Speise und des Tranks.

Laut Abdullah Shaker, einem Professor für Zeitgeschichte, sollten diese damaligen Reiseberichte nicht für bare Münze genommen werden, da sie aus westlicher Perspektive geschrieben seien und viele Fehler enthielten. Wie Shaker erklärt, wussten die europäischen Besucher nur wenig über den Islam und das kulturelle Erbe der Araber. Deshalb, und weil sie kaum arabisch verstanden, interpretierten sie viele ihrer Eindrücke und Erfahrungen völlig falsch.

Mohamed Shaaban

© Raseef22

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.