Hat sich die Weltgemeinschaft von dem Konflikt entkoppelt und wird die dortige Katastrophe nicht genug wahrgenommen?

Zentel: Es ist wohl eher ein Problem der Bereitschaft. Die Vereinten Nationen haben mit drastischen Worten immer wieder betont, dass Jemen die derzeit größte humanitäre Katastrophe der Welt ist. Das Bild vom verhungernden Mädchen in der New York Times ging kürzlich um die Welt. Heute wurde ein aktueller Bericht veröffentlicht, der feststellt, dass 65.000 Menschen im Land so akut Hunger leiden, dass es den Kriterien einer Hungersnot entspricht. Dazu kommen unfassbare 20 Millionen Menschen, die kurz davor stehen. Man fragt sich schon, worauf die internationale Gemeinschaft wartet und was noch passieren muss, damit mehr Druck ausgeübt wird. Es flieht allerdings niemand aus dem Jemen nach Europa, die meisten Menschen suchen im eigenen Land Sicherheit. Das könnte ein Stückweit das Desinteresse bei uns erklären, das muss man vielleicht so klar feststellen.

Muss der Druck auf Saudi-Arabien und den Iran nicht erhöht werden und wie könnte so etwas aussehen?

Zentel: Es geht hier nicht um einzelne Akteure, die Lage im Jemen ist komplex und je länger der Konflikt andauert, desto mehr zersplittern die Fronten. Es gilt also schnell und konsequent zu handeln. Der Jemen braucht einen inklusiven und umfassenden Friedensprozess, der alle einbindet, sonst wird ein Übereinkommen - egal wie schwierig es zu erreichen war, nicht halten. Um eine Bevölkerung nach so einem Konflikt wieder zu vereinen, müssen alle mit am Tisch sitzen, angefangen mit den Frauen, die die Hälfte der Bevölkerung sind und zwingend repräsentiert sein müssen.

Warum ist bei Naturkatastrophen die Spendenbereitschaft höher als bei Konflikten wie dem im Jemen?

Zentel: Wir beobachten das immer wieder. Zum einen haben Naturkatastrophen gerade in den ersten Tagen eine hohe Aufmerksamkeit in den Medien. Menschen werden von Naturgewalten schuldlos mitgerissen und verlieren alles. Da ist die Empathie zunächst einfach sehr hoch. Bei Kriegen stellen sich Menschen eher die Frage: Wer ist schuld? Und kommt meine Spende auch wirklich an? Bei komplexen, auch innerstaatlichen Konflikten, Kriegen und Fluchtsituationen müssen Hilfsorganisationen immer wieder darum kämpfen, dass das Leid der Zivilbevölkerung Beachtung findet. Und darum, dass ihr humanitäres Mandat geachtet wird: Denn wir helfen unabhängig vom Frontverlauf und von Zugehörigkeiten denen, die Überlebenshilfe brauchen.

Das Interview führte Carsten Grün.

© Deutsche Welle 2018

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