Wenn man aber die Charaktere der Protagonistinnen analysiert, stellt man fest, dass Panahi lediglich religiös-patriarchalisch geprägte Vorurteile gegen Frauen bestätigt und sie durchgehend als schwach, hysterisch, grausam, unlogisch, zu emotional und tückisch darstellt. Der Regisseur ist hingegen als Hauptdarsteller mit seinen wegweisenden Ideen, reichen Erfahrungen und klugen Ratschlägen allen Frauen überlegen.

Versierte Schauspielerin als gewalttätiges Schulmädchen

Die Protagonistin Jafari ist ein eklatantes Beispiel dafür. Ihr Charakter ist so konzipiert, dass sie weder eigenständig denken noch handeln kann. Ihre Dialoge beginnen fast immer mit Sätzen wie: "Was machen wir jetzt, Herr Panahi? Sollen wir gehen, Herr Panahi? Ist das Video echt, Herr Panahi?" Obwohl sie in mehr als 40 Spielfilmen und 30 TV-Serien mitgespielt hat, ist sie nicht in der Lage, die verschiedenen Schnitt-Techniken voneinander zu unterscheiden. So kann Panahi sie mit einem einzigen Satz überzeugen, die Reise anzutreten: "Der Endschnitt des Videos ist perfekt; also ist es echt." Keine Einwände.

Dazu kann Jafari generell keine selbständigen Entscheidungen treffen. Das einzige Mal, als sie souverän handelt, verwandelt sie sich in eine brutale, gewalttätige und kaltblütige Frau, die nur von einer blinden Wut gesteuert wird: Nachdem Jafari erfährt, dass das Video doch ein Fake ist und Marziyeh noch in einem Versteck lebt (weil sie den Vergeltungsschlag ihres Bruders fürchtet), macht sie sie ausfindig, greift das schutzlose Mädchen wie ein wildes Tier an und prügelt sie minutenlang fast zu Tode, ohne von ihren Erklärungen, ihrem Bitten und Flehen beeindruckt zu sein.

Damit erledigt sie freiwillig die selbst gestellte Aufgabe des rachsüchtigen Bruders Marziyehs, der seine Schwester züchtigen will. Der zügellose Eingriff Jafaris, der vor den Augen Panahis geschieht, wird stillschweigend von ihm gebilligt. Schließlich hat das Mädchen beide mit List und Tücke ins Gebirge gelockt.

Panahi sorgt im Drehbuch dafür, dass Manijeh Hekmat Jafari als ihre Hauptdarstellerin ebenfalls als labile Frau zeigt. Sie nennt die Schauspielerin respektlos "die durchgeknallte Frau", statt ihren Namen zu sagen und lästert über sie in einem Telefongespräch mit Panahi, weil sie Hekmat und ihren Filmstab im Stich gelassen habe.

Auch hier beschwichtigt der Regisseur die aufgeregte Kollegin und löst ihr Problem, indem er der erfahrenen Regisseurin anrät, die übriggebliebenen Sequenzen zu drehen.

Das Fehlen eines reflektierten Blicks

"Drei Gesichter" ist ein Essayfilm, der mit einem unreflektierten ethnologischen Blick Sitten, Bräuche, Glauben und Aberglauben der Menschen in der Bergregion Aserbaidschans untersucht und cineastisch bewusst auf die Tradition vom Cinema Verité des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami aus Filmen wie "Der Wind wird uns tragen" aufbaut.

Dabei werden die vier Protagonistinnen Opfer eines Drehbuchs, das zu stark auf ein ohnehin wackeliges Konzept und zu wenig auf eine differenzierte Charakterisierung der Frauenfiguren getrimmt ist. So untermauert Panahi die Klischeebilder der Frauen, statt ihnen ein Denkmal zu setzen.

Es ist klar, dass die begrenzten Möglichkeiten, die sich aus dem Berufsverbot Panahis ergeben, sowie die Repressalien der islamischen Regierung den mutigen Regisseur daran hindern, brillante Filme wie "Circle" zu produzieren. "Drei Gesichter" leidet aber an einem größeren Mangel: dem Fehlen eines reflektierten und zutiefst gleichberechtigten Blicks auf die Beziehung zwischen Mann und Frau – auch im Filmgeschäft.

Fahimeh Farsaie

© Iran Journal 2018

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