Der Ursprung des schwarzen Nationalismus

In seinem historischen Roman folgt Jacob S. Dorman den verschlungenen Pfaden und dem Erbe von Noble Drew Ali – Gründer des "Moorish Science Temple of America" – und lässt die Faszination der US-Amerikaner für alles Orientalische an der Schwelle zum 20. Jahrhundert aufleben. Von Richard Marcus

Von Richard Marcus

Wer hätte gedacht, dass eine so durch und durch weiße und der Mittelklasse zugehörige Freimaurer-Bruderschaft wie die Shriners Ideengeber für eine der stärksten Stimmen des afro-amerikanischen Nationalismus ist, nämlich die "Nation of Islam" – besser bekannt als "Black Muslims"?

Die Shriners sind nur eine von vielen Organisationen, die im Amerika des späten 19. Jahrhunderts entstanden. Allerdings griff die Bruderschaft auf orientalische Symbole des Osmanischen Reichs und des Islam in Form identitätsstiftender Insignien und Mythen zurück.

Wildwest-Shows mit arabischen Elementen

Zu erklären ist das aus der Faszination der weißen Amerikaner für den mystischen Orient. In diese Zeit fällt auch die Popularität sogenannter Magier, die sich entweder als Chinesen oder als Inder verkleideten, um sich eine besondere Aura zu verleihen. Sogar die so genannten Wildwest-Shows begannen mit "maurischen" und "arabischen" Vorführungen: Truppen "arabischer" Reiter oder geheimnisvolle Fakire versetzten das Publikum mit ihrer Exotik und ihren Kunststücken in Erstaunen.

Aber wo ist die Verbindung zu Noble Drew Ali und zum "Moorish Science Temple of America"? Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach. Dorman zieht mit seiner Forschung eine Linie von den Shriners und den Wildwest-Shows zum Islam und zum afro-amerikanischen Nationalismus. Seinen Recherchen zufolge geht alles zurück auf Walter Brister, der sich über einen Zeitraum von 20 Jahren allmählich zu Noble Drew Ali wandelte.

Dorman erzählt Bristers Geschichte von dessen Anfängen im Showgeschäft als zwölfjähriger Bandleader der "Original Pickaninny Band" – einer Gruppe, die sein Vater für die Bühnenshow In Old Kentucky gegründet hatte.

Die Inszenierungen bedienten zwar die üblen damaligen Klischeevorstellungen über Afro-Amerikaner, doch Brister und andere junge Afro-Amerikaner konnten in der Unterhaltungsbranche so zumindest ihren Lebensunterhalt verdienen, ohne gezwungen zu sein, die sonst üblichen niedrigen Arbeiten anzunehmen.

Buchcover Jacob Dorman: ʺThe Princess and the Prophetʺ im Verlag Beacon Press
In the ʺPrincess and the Prophetʺ, Jacob Dorman recounts the strange history of The Moorish Science Temple of America (MSTA), forerunner to the Nation of Islam, and the socioeconomic developments of the late 19th and early 20th century that created the atmosphere conducive to its birth

Begeisterung für das Orientalische

In diesem Unterhaltungszirkus lernte Brister viele Magier kennen, die in ihren Bühnenshows auf Insignien des Orients  zurückgriffen und das Publikum unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft beeindruckten. Als Leser begleiten wir die allmähliche Verwandlung von Brister: Nachdem er zunächst als "Hindoo-" oder "arabischer" Magier unter dem Pseudonym Armmah Sotanki auftrat, entwickelte er letztlich seine neue Identität.

Schließlich formierte er eine eigene Truppe aus "Hindoo"-Wunderheilern und ging in einer der zahlreichen Wildwest-Shows auf Tournee. Hier machte er eine Schlüsselerfahrung: Wenn man vorgab, Araber zu sein oder aus dem Orient zu stammen, entkam man den "Jim-Crow-Gesetzen", also dem strengen Zugriff der damaligen Rassentrennung.

So war man nicht länger der Nachfahre von Sklaven – man war etwas Magisches und Wunderbares, dem man ein gewisses Maß an Würde und Respekt entgegenbrachte.

Später trat er zusammen mit seiner Frau Eva Alexander Brister auf, die sich als Prinzessin aus dem Orient ausgab und die mit ihren Schlangentanz-Darbietungen eine Attraktion im Varieté war.

Mit zunehmendem Ruhm seiner Frau zog sich Brister aus dem Rampenlicht zurück und täuschte schließlich seinen eigenen Tod vor (angeblich hatte er Schulden bei den "falschen Leuten"). Bald darauf tauchte er in Chicago als Prophet Drew Ali wieder auf. Er nahm den Titel "Noble" an, womit er sich den eingangs erwähnten Shriner-Freimauerorden zum Vorbild machte, also den "Ancient Arabic Order of the Nobles of the Mystic Shrine".

Es gelang ihm, ein kleines Imperium aufzubauen, allerdings machte er sich auch einige Feinde. Als es hieß, er habe den Mord an einem seiner Widersacher veranlasst, war es nur eine Frage der Zeit, bis ihm ein ähnliches Schicksal widerfahren sollte. Andere erkannten in der von ihm gegründeten Organisation "Moorish Science Temple of America" eine attraktive Geldquelle und wollten sich ihr Stück vom Kuchen sichern. So war das Chicago der 1920er Jahre.

Hartnäckiger Schwindel oder aufrichtige Bekehrung?

Dorman verdeutlicht, dass die Zeit damals reif war für die Entstehung einer amerikanischen islamischen Bewegung. Am Schluss des Buchs bleibt indes unklar, ob Drew Ali ein aufrichtiger Konvertit war oder einfach nur ein Schwindler, der mit seiner Masche erstaunlich lange Erfolg hatte.

Er verdiente ein kleines Vermögen mit dem Verkauf von "Heilmitteln" und dergleichen. Um andere Menschen von seinen Fähigkeiten zu überzeugen, griff er sogar auf seine alten Bühnentricks zurück. Er scheute sich auch nicht, seine Frau als Konvertitin auszugeben, die sich von seiner Anziehungskraft und Ausstrahlung habe überzeugen lassen.

Unbestritten ist jedoch seine Pionierleistung: Drew Ali war es, der den Islam als Türöffner zum afro-amerikanischen Nationalismus nutzte. Von seiner Person lässt sich eine direkte Linie zur "Nation of Islam" (Black Muslims) zurückverfolgen: über Wallace Fard (Oberhaupt des Allah Temple of Islam) zu seinem Anhänger Elijah Poole, alias Elijah Muhammad, der die Organisation in "Nation of Islam" umbenannte, bis hin zu Malcolm X, der in den 1950er Jahren das Sprachrohr der Bewegung war.

Zwar muss der Leser einer Vielzahl von Handlungssträngen folgen, aber Dorman präsentiert seine Informationen auf so klare und unterhaltsame Weise, dass man sich gerne in die Erzählung hineinziehen lässt.

Dabei räumt Dorman mit dem Mythos auf, der Islam sei mit den Sklaven nach Amerika gelangt. Er legt dar, dass die Nation of Islam trotz ihrer fragwürdigen Ursprünge keine sonderbare Sekte ist, die von "wahren Muslimen" ignoriert werden sollte, sondern so real ist wie jede andere Glaubenslehre.

Richard Marcus

© Qantara.de 2020

Aus dem Englischen von Peter Lammers