Die meisten Juden von Essaouira haben die Stadt nach 1948 verlassen. Die Mellah, das alte jüdische Viertel, ist heruntergekommen, arme Marokkaner sind zugezogen, es gab wohl auch Plünderungen. Viele Gebäude sind verfallen und manche einsturzgefährdet. Schlechte Kanalisation und eindringendes Meerwasser zerfressen die Fundamente. Die Stadtverwaltung hat zwar beschlossen, dagegen etwas zu unternehmen, aber viel ist noch nicht passiert.

Erinnerung an das friedliche jüdisch-muslimische Zusammenleben

Heute können Besucher zwei Synagogen besichtigen, die in unmittelbarer Nachbarschaft liegen. Die Rabbi-Pinto-Synagoge ist bereits seit Längerem wieder zugänglich. In ihr ist eine Fülle historischer Fotografien vom jüdischen Leben in der Stadt vor 1948 ausgestellt. Im zweiten Stock befinden sich die Räume für die Frauen, die bei den orthodoxen Juden getrennt von den Männern beten.

Die zweite Synagoge, Slat Lkahal, liegt direkt dahinter. Sie wurde mit privaten Spendengeldern von Juden aus aller Welt, unterstützt von der Unesco, seit 2012 restauriert und Ende 2017 neu eröffnet. Schutt und Geröll wurden beseitigt, Mauerwerk erneuert. Haim Bitton, ein älterer Herr mit gleichem Vornamen wie der berühmte Rabbi, ist Vorsitzender der Organisation Slat Lkahal und einer von drei Juden, die wieder permanent in der Stadt leben. Er ist hier aufgewachsen, hat Marokko als junger Mann verlassen und ist nun, im Rentenalter, zurückgekehrt.

Bitton ist ein zurückhaltender Mann, der nicht gerne über sich selbst spricht. Allgemeine Fragen über Juden in Marokko möchte er nicht beantworten. Aber es ist in erster Linie sein Verdienst, dass Slat Lkahal restauriert und den Besuchern wieder zugänglich gemacht werden konnte. Eine Danktafel erinnert an die wichtigsten Spender.

Bitton ist unzufrieden mit dem Zustand vieler historischer Dokumente, die nicht angemessen aufbewahrt werden könnten. Er zeigt einige fleckige alte Schülerlisten der früheren jüdischen Schule, an der sein Vater damals Direktor war. Mit der Restaurierung will Haim Bitton an das friedliche jüdisch-muslimische Zusammenleben erinnern und es als einen Auftrag an die künftigen Generationen weitergeben.

Verlorene Tradition

Für viele Juden hat das aber einen Beigeschmack, denn die meisten Besucher der Synagogen sind Touristen, keine Gläubigen. Gottesdienste finden hier nur statt, wenn jüdische Pilgergruppen kommen. Ein jüdisches Gemeindeleben gibt es anders als in Marrakesch oder Casablanca nicht.

Besucher aber können einen Eindruck vom einst lebendigen jüdischen Leben in der Stadt bekommen.  Sie können durch die Altstadt schlendern und an manchen Türstürzen noch den Davidstern finden. Die Händler im Souk zeigen gerne den alten Silberschmuck jüdischer Berber, die einst diese Handwerkskunst einführten. Beliebt war in früheren Zeiten etwa die Hand der Fatima, ein Schutzsymbol im islamischen Volksglauben, kombiniert mit dem Davidstern. Im Haus aufgehängt, sollten das islamische und das jüdische Motiv gemeinsam alles Böse fernhalten.

Das muslimisch-jüdische Zusammenleben war nicht frei von Spannungen, sagt der amerikanische Historiker Daniel Schröter, ein Spezialist für jüdisches Leben in Nordafrika. Aber Juden haben einen wichtigen Beitrag zur arabischen Kultur geleistet, haben städtisches Leben, Literatur und vor allem Musik mitgeprägt. Diese Tradition ist zum großen Teil abgebrochen. Essaouira erinnert daran, welcher Reichtum hier verlorenging.

Claudia Mende

© Qantara.de 2018

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Leserkommentare zum Artikel: Der Rabbi von Essaouira

Ein sehr schöner Artikel, vielen Dank. Nur ein Statement ist mir unklar: "Juden, die ursprünglich aus Marokko stammen und das Land ihrer Jugend nach der Gründung des Staates Israel 1948 verlassen mussten." Warum schreibt die Autorin "mussten"?? Meines Wissens waren es nicht die marokkanischen oder französischen Kolonialbehörden, die die Juden aus Marokko vertrieben haben, sondern Israel soll massiv Werbung gemacht haben, um den Zuzug marokkanischer Juden zu fördern, die dann anfangs oft sehr verstört in der "neuen Heimat" waren. - Diesen Sachverhalt hätte man vielleicht noch ein wenig näher ausführen können. Ansonsten aber: danke für den informativen Beitrag!

Regina Keil-Sagawe17.10.2018 | 21:02 Uhr