Jüdisch-muslimische Begegnung in Auschwitz

Gemeinsam gegen den Hass

Bislang besuchten nur wenige Muslime die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Nun reisen hochrangige Vertreter von Muslimen und Juden gemeinsam an den Ort des Grauens. Es ist die Geschichte einer persönlichen Annäherung. Von Christoph Strack

"Da steht ein Kerl namens Mustafa, groß wie ein Schrank, vor einem riesengroßen Berg an Kinderschuhen. Und jeder dieser Kinderschuhe gehörte mal zu Kinderfüßen. Und plötzlich merke ich: Bei Mustafa tut sich was." Raed Saleh schildert eine Beobachtung bei seinem ersten Besuch in Auschwitz-Birkenau, an einen der erschütterndsten Eindrücke im "Block 5" des Lagers.

2013 reiste der SPD-Fraktionschef im Berliner Landesparlament mit Jugendlichen aus Berlin-Spandau in die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. An jenen Ort im heutigen Polen, an dem die Deutschen bis 1945 mehr als 1,1 Millionen Menschen, zumeist Juden, ermordeten.

Raed begleitete die "jungen Leuten aus einer sehr vielfältigen, multireligiösen Umgebung, in der Antisemitismus bei jungen Muslimen durchaus eine Rolle spielt". Der Politiker, vor 42 Jahren in Sebaste im Norden des israelisch besetzten Westjordanlandes geboren und als Fünfjähriger nach Deutschland gekommen, ist selbst Muslim. Dass er sich auf den Weg nach Auschwitz machte, erregte bundesweit Aufsehen. Er machte es später in seiner Autobiographie zum Thema. Er war der bis dahin prominenteste Muslim aus Deutschland, der jenen Ort besuchte, der zum Symbol für das Leid der Juden im Holocaust wurde.

Nur wenige Besucher aus arabischen Ländern

Das ist bis heute recht selten. Im Jahr 2019 besuchten mehr als 2,3 Millionen Menschen die Gedenkstätte Auschwitz. Davon, sagt deren Director Piotr Cywiński, seien im Grunde "nur eine Handvoll Menschen aus arabischen Ländern" gekommen, laut offiziellem Reservierungssystem etwas über 3.200.

Der SPD-Politiker Raed Saleh; Foto: picture-alliance/dpa
Vorbildcharakter: Dass sich der SPD-Politiker Raed Saleh auf den Weg nach Auschwitz machte, erregte bundesweit Aufsehen. Er machte es später in seiner Autobiographie zum Thema. Er war der bis dahin prominenteste Muslim aus Deutschland, der jenen Ort besuchte, der zum Symbol für das Leid der Juden im Holocaust wurde.

Dabei frage das Zentrum die Besucher nicht nach ihrer Religion. So sehe man auch in Gruppen aus Frankreich, Norwegen, Deutschland und anderen Ländern Menschen, die sich mit dem Islam identifizierten. Er sei sich, so Cywinski, "sicher, dass für jeden von ihnen der Besuch der authentischen Stätte des ehemaligen Lagers, wie für alle anderen Besucher, eine wichtige persönliche wie auch universelle Erfahrung ist".

Am Donnerstag (23. Januar) erwartet die Gedenkstätte den bisher ranghöchsten offiziellen muslimischen Gast. Es ist – das Wort ist in diesem Fall passend - eine Sensation. Mohammed Al-Issa ist Generalsekretär der Islamischen Weltliga, die mehr als eine Milliarde Muslime weltweit vertritt; als saudischer Politiker war er auch schon mal einige Jahre Justizminister seines Landes. Und auch die Umstände seines Besuchs sind sensationell: Al-Issa kommt gemeinsam mit dem Direktor des American Jewish Committee (AJC), David Harris. Der 54-jährige Islamgelehrte auf der einen Seite – auf der anderen Seite der 70-jährige jüdische Jurist, selbst Sohn von Holocaust-Überlebenden.

"Bis ins Mark erschüttert"

Der gemeinsame Besuch in Auschwitz hat eine zweijährige Vorgeschichte, die lange vor der barbarischen Ermordung des saudischen Jounalisten Khashoggi in Istanbul und dem folgenden Bemühen der saudischen Seite um Ansehen begann. Sie begann mit einem Schreiben, das so gar nicht passt zu weit verbreitetem muslimischem Judenhass und zur Ausblendung der Shoa in schulischen Lehrplänen vieler arabischer Länder.

Vor knapp zwei Jahren schrieb Al-Issa der Direktorin des US Holocaust Memorial Museums in Washington und drückte sein "großes Mitgefühl mit den Opfern des Holocaust" aus, der "die Menschheit bis ins Mark erschüttert" habe. Der wahre Islam sei gegen solche Verbrechen. "Wir betrachten jede Leugnung des Holocaust oder die Relativierung seiner Folgen als ein Verbrechen", so Al-Issa.

Der Generalsekretär der Islamischen Weltliga, Sheikh Mohammad Al-Issa; Foto: Getty Images/AFP
Der Generalsekretär der Islamischen Weltliga, Sheikh Mohammad Al-Issa, wird am 23. Januar gemeinsam mit Vertretern des American Jewish Committee (AJC) das ehemalige NS-Vernichtungslager Auschwitz besuchen. Damit stattet erstmals ein hochrangiger Vertreter einer internationalen Organisation des Islams der Gedenkstätte einen Besuch ab. Zur Delegation der Islamischen Weltliga gehört auch ZMD-Generalsekretär Abdel-Samad El-Yazidi.

Im Mai 2018 besuchte er das Museum in Washington, "ich sah mit eigenen Augen die Berge von Beweisen. … Man muss nicht ins Museum gehen, um die Ungeheuerlichkeit des Holocausts zu erkennen – aber niemand, der ins Museum kommt, kann es leugnen." Er fordere alle Muslime auf, so Al-Issa, die Geschichte des Holocaust kennenzulernen und Gedenkstätten zu besuchen. Und er zitierte Elie Wiesel: "'Für die Toten und die Lebenden, wir müssen Zeugnis ablegen.' Wie der Heilige Koran vorschreibt: Ihr, die ihr glaubt, seid aufrichtig für Gott und seid Zeugen der Gerechtigkeit."

Positives Echo

All das schilderte Al-Issa in einem Gastbeitrag der "Washington Post" am 25. Januar 2019, vor dem damaligen Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz also. Er selbst berichtete in dem Text, dass ihn nach seinem öffentlichen Schreiben an die Direktorin des Washingtoner Holocaust-Museums "eine Flut" von Nachrichten muslimischer Rechtsgelehrter erreicht habe, die ihn unterstützt hätten.

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