Israelisch-palästinensisches Verhältnis

Dialog in Zeiten des Konflikts

Arabische Städte in Israel wie Jaffa und Tira sind Beispiele dafür, dass Juden und Araber in guter Nachbarschaft zusammenleben. Doch seit dem Gazakrieg sind die Fronten verhärtet, das gegenseitige Misstrauen ist gewachsen. Dennoch halten einige NGOs unbeirrt am Dialog fest. Jetzt erst recht. Von Ulrike Schleicher

Ein besseres Verhältnis zwischen Juden und Arabern innerhalb Israels hat viele Jahre Aufbauarbeit gekostet und es ist nach wie vor ein empfindliches Gefüge: Nun droht es aufgrund der Ereignisse in den vergangenen Wochen  – dem Mord an den jüdischen und dem palästinensischen Jugendlichen und dem blutigen Krieg in Gaza – auseinanderzubrechen.

Wo – wie etwa in Haifa, Nazareth und Jaffa –wenigstens eine gute Nachbarschaft möglich war, haben sich Misstrauen und Ablehnung auf beiden Seiten verstärkt. Die Folgen sind vielfältig und reichen vom wirtschaftlichen Schaden durch Boykott, bis zum Verlust des Arbeitsplatzes, Mobbing im Internet, körperlicher Gewalt bis zur Einmischung in die Privatsphäre.

Es ist ein Bild, das in einer Straße in Jaffa, dem jahrtausendealten arabischen Ortsteil von Tel Aviv, zum Alltag gehörte: Vor dem kleinen Lokal von Abu Karavan stehen Leute Schlange. Der Grund: Sein Hummus – egal in welcher Variante – gilt "als der Beste im gesamten Universum". Fast kein Weg ist den Leuten dafür zu weit.

Gähnende Leere

Doch seit einigen Wochen sind die Sitzplätze dort leer und die Angestellten hocken vor der Tür und rauchen, anstatt wie am Fließband Hummus zu servieren. "Die Juden kommen kaum noch", sagt einer von ihnen. Und das ist nicht nur bei Abu Karavan in Jaffa so: Ähnliches kann man auch in Abu Gosh bei Jerusalem beobachten, im nördlich gelegenen Nazareth oder auch in Tira im Landesinnern – überall bekommen die arabischen Geschäftsleute gegenwärtig die Ablehnung der jüdischen Kunden zu spüren.

In Tira etwa war bislang vor allem an Samstagen, wenn die Läden sonst im Land geschlossen sind, viel Betrieb. Viele Juden kamen, um auf dem Markt in der Hauptstraße einzukaufen und anschließend zu essen. Nun sind die Straßen wie leergefegt, der Umsatz ist völlig eingebrochen, sagt Restaurantbesitzer Hosni Abu Hassan. Die Folge: Der Markt findet nicht mehr statt. Abu Hassan schwankt zwischen Wut und Frustration. Enttäuscht ist er von der jüdischen Bevölkerung. "Viele Kunden kenne ich seit 20 Jahren", sagt er. "Jetzt lassen sie mich im Stich."

Unterstützer des Hochzeitspaares Morel Malka und Mahmoud Masur; Foto: Reuters
Heirat als Spießrutenlauf: Seit die als Jüdin geborene Morel Malka zum Islam konvertierte, um Mahmoud Masur zu heiraten, standen die beiden im Zielfeuer jüdischer Extremisten, die gegen Mischehen sind. Doch es gab auch Unterstützer des Hochzeitspaares, wie hier in Rishon Lezion.

Dass viele auch aus purer Angst nicht mehr kommen, kann Abu Hassan nachvollziehen. Denn in Tira – wie in anderen arabischen Gemeinden – demonstrierte die Bevölkerung nicht nur gegen das Vorgehen der Israelis im Westjordanland und im Gazastreifen, es kam auch zu gewalttätigen Übergriffen auf Juden. So etwa in Qalansawe, wo ein Autofahrer fast gelyncht wurde.

Unter Generalverdacht

Aber es ist der Generalverdacht, der auf den Arabern lastet und der Abu Hassan wütend macht. Er führt das auf Politiker wie den israelischen Außenminister Avigdor Lieberman zurück, die den Rassismus befeuern. Dieser hatte zum Boykott von arabischen Geschäften aufgerufen, die sich Ende Juli aus Solidarität mit ihren Landsleuten im Gazastreifen an einem Streik beteiligten.

Die Spannungen wirken sich auch auf den Arbeitsalltag aus. So erzählt Nina Majorek, Medizinerin und Krebswissenschaftlerin in Jerusalem, dass ihre palästinischen Kollegen im Krankenhaus sich kaum noch trauen, Arabisch zu sprechen, einer jungen Palästinenserin habe man "das Tuch vom Kopf gerissen".

"Ich habe keine Worte mehr für das, was gerade in Israel passiert", sagt sie. Sie sei angewidert. Vor allem davon, wie hoffähig diese Haltungen geworden seien.

Ausweitung der Kampfzone

Krieg zwischen den Völkern herrscht auch in den sozialen Medien. Zwar wurde die Facebook-Seite, die Rache für den Mord an den drei jüdischen Jugendlichen forderte, mittlerweile gesperrt. Dafür gibt es aber andere, auf denen – oft sehr junge Menschen beider Parteien – ihrem Hass ungehindert Ausdruck verleihen können: So jubeln die einen Seite über die Toten der anderen.

Dass sogar eine Hochzeit zur Plattform für rassistische Hetze wurde, ist bislang jedoch der Gipfel des Konfliktes: Seit die als Jüdin geborene Morel Malka zum Islam konvertierte, um Mahmoud Masur zu heiraten, standen die beiden im Zielfeuer jüdischer Extremisten, die gegen Mischehen sind. Das Paar bekam Morddrohungen, musste Telefonnummern und E-Mail-Konten ändern.

Ibrahim Abu Shandi vom Gemeindezentrum in Jaffa in seinem Büro; Foto: Ulrike Schleicher
Nichts unversucht lassen, um den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern zu fördern: Ibrahim Abu Shandi vom Gemeindezentrum in Jaffa kämpft seit Jahren für die Koexistenz beider Völker.

Die Hochzeitsfeier am 18.08.2014 musste schließlich unter Polizeischutz in einem Gerichtssaal stattfinden. Die Rechtsextremisten durften im Abstand von 200 Metern zum Gebäude demonstrieren. Staatspräsident Reuven Rivlin verurteilte die Hetze gegen das junge Paar. Ihm stehe jede "Freiheit in einem demokratischen Staat" zu.

Das Schweigen der Politiker

Leider schweigen noch immer die meisten israelischen Politiker zu den Vorkommnissen – "und stimmen damit zu", meint Ibrahim Abu Shandi, Leiter des jüdisch-arabischen Gemeindezentrums in Jaffa. Er erinnerte daran, dass sich die Stimmung zwischen Juden und Arabern bei jedem Krieg verschlechtert habe: "Dieses Mal kommt jedoch auch die körperliche Gewalt dazu."

Dennoch bleibt der ehemalige Streetworker Abu Shandi optimistisch und kämpft – trotz aller Rückschläge – seit vielen Jahren darum, dass sich beide Völker besser kennenlernen. Das Gemeindezentrum, das 1994 gegründet wurde, liegt ihm besonders am Herzen: "Wir bringen dort Schulklassen zusammen – Frauen sowie Männer – und wir versuchen diejenigen, die nicht überzeugt sind, doch noch zu überzeugen."

Im Mittelpunkt der Gemeindearbeit stehen Langzeitprojekte, "denn nur diese sind sinnvoll, um Vorurteile wirklich auszuräumen", meint Abu Shandi. Sein Credo: "Wir müssen begreifen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und es nur gemeinsam steuern können."

Abu Shandi ist nicht die einzige Person, die nicht aufgibt. Zusammen mit Udi Cohen, dem Geschäftsführer des arabisch-jüdischen Forums für "Bürger im Einklang", hatte er jüngst eine Veranstaltung organisiert, die Rabbiner, Imame, säkulare und religiöse Juden und Araber, Intellektuelle und Arbeiter, politische Parteien jeder Couleur gemeinsam an einen Tisch führte. Das Thema des Treffens reflektierte das gemeinsame Anliegen, dass man sich mit dem gegenwärtigen Kriegszustand in keinem Fall abfinden möchte. Der Titel der Veranstaltung lautete: "Der Tag nach dem Krieg – Juden und Araber in Israel: Was können wir tun?"

Ulrike Schleicher

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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