Aber ebenso wie niederländische und skandinavische Populisten heute Schwulenrechte und Feminismus als symbolische Keulen für Angriffe gegen den Islam benutzen, thematisieren rechtsgerichtete Anführer "den Westen" als etwas, das vor den muslimischen Horden beschützt werden muss. Sie beziehen sich dabei oftmals auf den "jüdisch-christlichen Westen". In Kombination mit ihrer Begeisterung für rechte Regierungen in Israel schützt sie das vor Anschuldigungen des Antisemitismus, die traditionell in Zusammenhang mit der extremen Rechten geäußert werden.

Es ist nicht immer leicht, im Falle der Fremdenfeindlichkeit rassistische von kulturellen oder religiösen Argumenten zu trennen. Politiker äußern Rassismus selten so offen wie der aufstrebende niederländische Jung-Politiker Thierry Baudet, der vor der Wahl im letzten Jahr vor der "homöopathischen Verwässerung des niederländischen Volkes" durch Ausländer warnte. Oder die republikanische Parteisekretärin in Pennsylvania, die schwarze Football-Spieler kürzlich als "Paviane" bezeichnete.

Bis zum späten 19. Jahrhundert wurde Antisemitismus religiös begründet. Die Juden hätten den Erlöser Jesus Christus getötet. Die Juden hätten mit dem Blut christlicher Kinder die Matzen für ihr Pessach-Fest gebacken und so weiter. Das änderte sich, als pseudowissenschaftliche Rassentheorien um sich griffen. Als biologische Unterschiede zwischen Juden und "Ariern" ausgemacht wurden, gab es keinen Ausweg mehr aus der rassistischen Falle.

Silhouette Donald Trumps; Foto: picture-alliance/abaca
Als Trump erklärte, dem Mob in Charlottesville würden auch "einige sehr ordentliche Menschen" angehören und als er mexikanische Einwanderer als "Vergewaltiger" bezeichnete, rückte er den Rassismus in den politischen Mainstream. Wenn die mächtigste Person in der westlichen Welt die Gewalt des Mobs heraufbeschwört, ist klar, dass der Westen in ernsthaften Schwierigkeiten steckt.

Islamfeindlichkeit als eine Form von Rassismus

Eine Gemeinsamkeit derjenigen, die der Meinung sind, Muslime seien eine Bedrohung für die westliche Zivilisation, besteht in der Weigerung, den Islam als religiösen Glauben anzuerkennen. Es handle sich um eine Kultur, sagen sie, die nicht mit "westlichen Werten" vereinbar sei. Genau dasselbe wurde in der Vergangenheit oftmals auch von der jüdischen "Kultur" gesagt.

Obwohl der Hintergrund muslimischer Menschen vielfältig ist und sie (ebenso wie Juden) aus zahlreichen Ländern kommen, kann die Feindseligkeit gegenüber dem Islam dennoch eine Form von Rassismus sein. Menschen, die aufgrund von Gepflogenheiten oder ihrer Geburt damit in Zusammenhang gebracht werden, sind Fremde, die es auszustoßen gilt.

Und diese Art bigotter Borniertheit beschränkt sich selten nur auf Muslime. Ich bezweifle, dass sich die Massen in Chemnitz, die alles jagten, was nur entfernt nicht-europäisch aussah, speziell mit Fragen des Glaubens oder der Kultur befassten.  Die Parole des johlenden Pöbels lautete: "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!"

Die Neonazis in Charlottesville feierten die Kultur der Südstaaten durch die Zurschaustellung von Symbolen der alten Konföderation und durch Angriffe auf Schwarze; der ganze Sinn der Konföderation bestand ja darin, die weiße Vorherrschaft zu schützen. Darum ging es auch bei den Demonstrationen. Allerdings riefen die Teilnehmer auch: "Die Juden werden nicht an unsere Stelle treten!"

Eine derartige Geisteshaltung lauerte stets an den Rändern westlicher Gesellschaften, insbesondere in den USA, wo die weiße Vorherrschaft eine lange und unruhige Geschichte zurückblickt. In der Hoffnung auf einen Zugewinn an Stimmen ließen rechte Politiker oftmals durchblicken, dass sie diese Vorurteile möglicherweise teilen.

Als Trump jedoch erklärte, dem Mob in Charlottesville würden auch "einige sehr ordentliche Menschen" angehören und als er mexikanische Einwanderer als "Vergewaltiger" bezeichnete, rückte er den Rassismus in den politischen Mainstream. Wenn die mächtigste Person in der westlichen Welt die Gewalt des Mobs heraufbeschwört, ist klar, dass der Westen, wie auch immer man ihn definiert, in ernsthaften Schwierigkeiten steckt.

Ian Buruma

© Project Syndicate 2018

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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