Islamophobie-Debatte in Frankreich

"Kaum schalte ich den Fernseher an, erklärt mir jemand, wie gefährlich ich bin"

Frankreich streitet über Islam, Islamophobie und Kopftücher. Die Stimme, die im großen Debatten-Zirkus fehlt, ist die Stimme der Frau mit Kopftuch. Informationen von Nadia Pantel aus Paris

Eigentlich sind sie in diesem Café zusammengekommen, um sich darüber auszutauschen, was sie unter Schicksal verstehen. Acht Männer und sechs Frauen, die der Facebook-Einladung von Chahira Coach gefolgt sind, gepostet in der Gruppe "Muslim Meetup", Treffen für Muslime in Paris. Coach ist gläubig, sie will an diesem Nachmittag über Spiritualität diskutieren. Coach bedeckt ihr Haar mit einem Tuch, das sie zum Turban gebunden hat. "Weil ich so meinen Glauben lebe", sagt sie.

Doch in diesem Herbst in Frankreich ist das Kopftuch wieder einmal zu einem politischen Symbol geworden. Und so gibt es niemanden, der in dieser Runde, bei Milchshakes und Schokolade, nicht darüber sprechen möchte, wie es sich anfühlt, zu einem Land zu gehören, das in Dauerschleife darüber diskutiert, wie - und in letzter Konsequenz auch ob - man mit gläubigen Muslimen zusammenleben möchte.

"Kaum schalte ich den Fernseher an, erklärt mir jemand, wie gefährlich ich bin", sagt Sarra. Sie arbeitet als Sekretärin und will ihren Nachnamen lieber nicht nennen. Auch auf das Kopftuch verzichtet sie. "Eigentlich würde ich es gerne tragen", sagt sie, "aber es würde vieles schwieriger machen."

Coach erzählt, wie sie früher das Kopftuch beim Arbeiten gegen eine Mütze tauschte, um keinen Ärger zu haben - "das fühlte sich irgendwann schizophren an". Heute achtet sie darauf, nur bunte, helle Farben für ihr Kopftuch zu verwenden. "Wenn man Schwarz trägt, reagieren die Leute noch ablehnender."

Der Hass verkauft sich

Je nach Blickwinkel hat Frankreichs aktuelle Debatte um den Platz des Islam in der Gesellschaft am 28. September oder am 3. Oktober begonnen. Am 28. September hielt der Publizist Éric Zemmour auf einer Veranstaltung der rechtsextremen Galionsfigur Marion Maréchal, Nichte der Politikerin Marine Le Pen, eine Rede, die man durchaus als Aufruf zum Bürgerkrieg verstehen konnte und die live im Fernsehen übertragen wurde.

Polizeieinsatz nach dem Anschlag auf die Moschee in Bayonne am 28.10.2019; Foto: picture-alliance/dpa
Der Hass verkauft sich: Ende Oktober versuchte ein 84-Jähriger, die Moschee im südfranzösischen Bayonne niederzubrennen und schoss zwei Gläubige nieder. Es dauerte nicht lange, bis die Ermittler verkündeten: Der Täter war Zemmour-Fan.

Zemmour sprach vom "Vernichtungskrieg gegen den weißen, heterosexuellen Mann", vom "Totalitarismus des Islam", der in Frankreich die Demokratie zerstört habe, vom "Bevölkerungsaustausch", von der "demografischen" Übernahme Frankreichs durch Muslime.

Die Radikalität der Rede war keine Überraschung, Zemmour wurde für seine regelmäßigen rassistischen und islamophoben Auslassungen bereits zweimal verurteilt. Doch der Hass verkauft sich. Der Sender CNews hat seine Einschaltquoten im Oktober verdreifacht, seit Zemmour dort an vier Abenden die Woche das Weltgeschehen kommentiert. Als Ende Oktober ein 84-Jähriger versuchte, die Moschee von Bayonne niederzubrennen und zwei Gläubige niederschoss, dauerte es nicht lange, bis die Ermittler verkündeten: Der Täter war Zemmour-Fan.

Frankreich diskutiert nun über Islamophobie, über Gewalt gegen Minderheiten, über Medienstandards. Und niemand hört zu. Denn gleichzeitig wird die neueste Inszenierung der französischen Lieblingsdebatte aufgeführt: der Kopftuchstreit.

In der Debatte treffen sich viele Reizthemen

Die Debatte ist alt, sie begann schon in den 1990er Jahren. Doch die Serie von islamistischen Terrorangriffen, die in Frankreich seit 2015 mehr als 200 Menschen das Leben gekostet haben, hat sie in den vergangenen Jahren verschärft. Und so ist es kein Wunder, dass die neueste Auflage der Kopftuch-Diskussion kurz nach dem Angriff auf die Pariser Polizeipräfektur begann. Am 3. Oktober tötete ein Mitarbeiter der Behörde vier seiner Kollegen. Die Ermittler gehen von einem terroristischen Hintergrund aus, Staatspräsident Emmanuel Macron sprach auf der Trauerfeier für die Opfer von der "islamistischen Hydra", die bekämpft werden müsste.

Offiziell geht es aktuell um die Frage, ob muslimische Mütter, die ein Kopftuch tragen, ihre Kinder auf Schulausflüge begleiten dürfen. Die Republikaner haben im Senat vergangene Woche für ein Gesetz gestimmt, das religiöse Symbole auch für Privatpersonen verbieten soll, sobald diese Schüler begleiten. Und die Regierung schafft es nicht, sich auf eine gemeinsame Position zu einigen.

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