Zellen und „Provinzen“ werden wichtiger

Die zentrale Organisation des IS ist massiv geschwächt. Mossul ist befreit (und zerstört), in Raqqa kontrolliert der IS noch ein Drittel der Stadt. Die Führung hat sich in die Wüste parallel zum Mittellauf des Euphrat zurückgezogen. Offenbar gibt es noch Kontakte zwischen ihr und einzelnen Zellen in Europa. Die Führung rückt mehr und mehr in den Hintergrund. Immer wichtiger sind für den Fortbestand des IS die „Provinzen“ in Teilen der islamischen Welt und Zellen wie die in Barcelona.

Selbst wenn der Schlange IS der Kopf abgeschlagen ist, es wachsen viele neue Köpfe nach. Als in den vergangenen Jahrzehnten Terrorgruppen besiegt wurden, folgten ihnen immer neue. Der Dschihadismus ist die moderne Hydra des Terrors und ein Akt der islamistischen Selbstjustiz gegen jene, die angeblich den Islam bekämpfen.

Geheimdienste und Moscheen müssen Gefährder erkennen

Früher hatte der Islam zwischen dem „Haus des Islams“ (Dar al-Islam) und dem „Haus des Kriegs“ (Dar al-Harb) unterschieden. Eine klare Grenze trennte beide Häuser. Kriege durften nicht gegen Länder geführt werden, die Verträge mit einem islamischen Herrscher abschlossen. Der Dschihadismus des IS hebt das alles auf. Er postuliert nun ein allgemeines „Kriegsgebiet“ (Dar Harb), in dem der Krieg keinen Beschränkungen mehr unterliegt.

Das erschwert unseren Kampf gegen den Terror erheblich. Die entscheidende Frage ist, wie man an junge Muslime herankommt, die anfällig und potentielle Gefährder sind.

Um dem Terror beizukommen, braucht man die Sicherheitsdienste. Eingeschleuste oder angeworbene Informanten müssen als „human intelligence“ frühzeitig verdächtige Pläne mithören und melden. Das allein reicht aber nicht. Wie soll etwa verhindert werden, dass junge Nordafrikaner, die in vielen Gefängnissen eine große Gruppe bilden, nach ihrer Entlassung direkt dem IS in die Arme laufen?

Ein weiterer Schlüssel sind die Moscheen. Für einen Muslim bedeuten sie mehr als für einen Christen die Kirchen. Eine „Dschami“ ist der Ort, der die Muslime „zusammenbringt“ und „eint“. Das ist der einzige Ort, an dem potentielle Gefährder von Predigern, auf die sie hören, ideologisch zurückgeholt werden können.

Darin liegt die Aufgabe: Moscheen zuzulassen, die im Rahmen unserer Gesetze agieren, die aber nicht staatlich gesteuert sind und einen Wunschislam hervorbringen sollen. Denn der erreicht keine Gefährder. Deren Zahl wächst. Der Krieg gegen den islamistischen Terror hat in Europa erst begonnen.

Rainer Hermann

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2017

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