Islamistischer Extremismus in Marokko

Vier Ebenen der Terrorismusbekämpfung

Trotz der harten Linie, die der marokkanische Staat seit Jahren im Umgang mit islamistischen Extremisten verfolgt, gilt das maghrebinische Land noch immer als größter "Terroristen-Exporteur". Was läuft schief? Antworten von Ali Anouzla

Nicht zum ersten Mal sind junge Männer aus Marokko oder anderen Maghreb-Staaten, insbesondere Tunesien und Algerien, in einen der Terroranschläge verwickelt, die in der jüngsten Zeit mehrere europäische Staaten heimgesucht haben. Hinzu kommt, dass sich aus den nordafrikanischen Ländern mehr Menschen der Terrororganisation IS angeschlossen haben, als aus allen anderen arabischen Staaten. Nach jedem Anschlag, an dem Täter aus Marokko, Tunesien oder Libyen beteiligt sind, stellt sich aufs Neue die Frage nach den Gründen, die junge Männer aus diesen Ländern in den Extremismus treiben.

Im Falle Marokkos und insbesondere hinsichtlich der marokkanischen Jugendlichen, die die jüngsten Anschläge im August 2017 in Katalonien planten und ausführten, scheint es mehr als gerechtfertigt diese Frage zu stellen. Nur so kann man die tiefer gehenden Ursachen dafür verstehen, dass junge Marokkaner, die noch am Anfang ihres Lebens stehen, in die Falle des Extremismus tappen und zu Dschihadisten in den Reihen von Terrororganisationen werden - früher in Afghanistan, heute in Europa und den Krisengebieten im Irak, Syrien und Libyen.

Wie aus den "Profilen" der Attentäter der jüngsten Anschläge in Spanien hervorgeht, wurden sie allesamt in Marokko geboren, wuchsen aber in der Diaspora auf. Sie wurden ausnahmslos einer Gehirnwäsche unterzogen, mit dem Ziel, sie zu Killermaschinen zu machen, die im Stande sind, derart abscheuliche Anschläge zu begehen. Es ist das gleiche Muster, das wir auch bei einigen der Attentäter früherer Anschläge in Frankreich und Belgien beobachten können.

Diese beunruhigende Situation wirft Fragen hinsichtlich der Strategie auf, die Marokko nun seit mehr als vierzehn Jahren im Kampf gegen den Terror verfolgt, und macht ihre kritische Evaluation notwendig.

Nach den Terroranschlägen, die 2003 Casablanca erschütterten, verfolgte das bis zu diesem Zeitpunkt vom Terror verschonte Marokko eine mehrdimensionale Strategie, um den Extremismus mitsamt seinen sozialen Ursachen und ideologischen Wurzeln zu bekämpfen. Diese Strategie basiert auf vier Ebenen:

Kampf gegen Armut und soziale Ungleichheit

Die erste Ebene ist der Kampf gegen Armut und soziale Ungleichheit, um dem Extremismus den sozialen Nährboden zu entziehen und die von Armut, Perspektivlosigkeit und Marginalisierung geprägten Brennpunkte zu beseitigen, die solche Jugendlichen hervorbringen, die dem Extremismus anheimfallen. Zur Verwirklichung dieses Ziels rief Marokko 2005 die "Nationale Initiative zur menschlichen Entwicklung" ins Leben, in die es in den vergangenen Jahren mehr als zwei Milliarden US-Dollar investiert hat.

Trauerkundgebung in Barcelona am 18.08.2017 nach den Anschlägen radikaler Islamisten; Foto: Getty Images/AFP
Bestürzung und Trauer nach den Attentaten: Bei den Terroranschlägen in Katalonien im August 2017 war ein 22-jähriger gebürtiger Marokkaner mit einem Lieferwagen in die Menschenmenge auf Barcelonas Flaniermeile Las Ramblas gerast. In Cambrils lenkten Angreifer wenige Stunden später einen Pkw in eine Gruppe von Passanten. Bei den beiden Attacken wurden insgesamt 16 Menschen getötet und mehr als 120 verletzt, die Polizei tötete fünf Attentäter. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hatte die Taten für sich reklamiert.

Allerdings gestand König Mohammed VI. in seiner Rede anlässlich des Nationalfeiertags im letzten Juli ein, dass die Ergebnisse unbefriedigend seien und hinter den Erwartungen zurückblieben.

Marokko, so der König, durchlebe immer noch eine Phase "gewaltiger Widersprüchlichkeiten, die schwer zu verstehen sind". Denn 2005, zu Beginn der Initiative, belegte Marokko im Human Development Report des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen weltweit lediglich Platz 122. Und obwohl es ja das erklärte Ziel der Initiative war, durch die Bekämpfung von Armut und Perspektivlosigkeit die sozioökonomischen Ursachen zu beseitigen, die die marokkanische Jugend in die Fänge extremistischer Ideologien treiben könnten, wurde Marokko 2016 im gleichen Index auf Platz 123 von insgesamt 188 Ländern geführt.

Staatliche Antiterror-Maßnahmen

Die zweite Ebene des marokkanischen Plans zur Extremismusbekämpfung ist gesetzlicher Natur: 2003 wurde ein strenges Anti-Terrorgesetz erlassen, infolge dessen es allerdings mehrfach zu Repressionen kam, die von verschiedenen Menschenrechtsorganisationen dokumentiert wurden. In einem seiner seltenen Interviews gestand das König Mohammed VI. gegenüber der spanischen Zeitung El Pais im Jahr 2005 sogar selbst ein. Er gab darin zu, dass es bei den Verhaftungen als Reaktion auf die Anschläge in Casablanca Grenzüberschreitungen gegeben habe. Damals wurden mehr als 7.000 Personen festgenommen. Viele von ihnen erhielten lange Haftstrafen, die sie teilweise immer noch hinter Gittern absitzen.

Trotz seiner zwischenzeitlichen Überarbeitung und Integration in das marokkanische Strafgesetzbuch zieht das Anti-Terrorgesetz weiterhin die Kritik marokkanischer und internationaler Menschenrechtsorganisationen auf sich.

Drakonisches Vorgehen der Sicherheitskräfte

Drittens setzt Marokko vor dem Hintergrund des Anti-Terrorgesetzes auf ein hartes Vorgehen des Sicherheitsapparats im Kampf gegen den Extremismus. Durch die Bereitstellung umfangreicher finanzieller Mittel sollten die Sicherheitskräfte ausgerüstet und trainiert werden, um in der Lage zu sein, jede Art von terroristischer Bedrohung zu eliminieren. Der präventive Ansatz, den sie verfolgen, wurde jedoch aufgrund der Repressionen, die mit den Anti-Terroroperationen einhergehen, vielfach von Menschenrechtsorganisationen vor Ort und aus dem Ausland kritisiert.

Der marokkanische Autor Ali Anouzla; Foto: AFP/Getty Images
Ali Anouzla ist marokkanischer Autor und Journalist sowie Leiter und Chefredakteur der Website "lakome.com". Er hat mehrere marokkanische Zeitungen gegründet und redaktionell geleitet. 2014 erhielt er den Preis "Leaders for Democracy" der amerikanischen Organisation POMED (Project on Middle East Democracy).

Doch trotz der harten Linie, die Marokko nun seit einiger Zeit verfolgt, gilt das Land noch immer als größter „Terroristen-Exporteur“. Im April dieses Jahres gab der marokkanische Innenminister in einer Stellungnahme vor dem Parlament an, dass die Zahl der Marokkaner, die sich der Terrororganisation IS angeschlossen haben, um ca. 600 Prozent gestiegen sei. In absoluten Zahlen waren es damit zu dieser Zeit 1.631 Personen.

Auch die Zahl der jeden Monat zerschlagenen Terrorzellen geben die Behörden nach wie vor bekannt, insgesamt waren es bisher über 168. Dabei nahmen die Sicherheitskräfte bis dato mehr als 3.000 Verdächtige fest, die meisten davon wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt. Und weiterhin melden die Behörden fast wöchentlich die Aufdeckung neuer Zellen und die Verhaftung von Personen, die verdächtigt werden, Terroranschläge geplant zu haben.

Neuausrichtung des religiösen Sektors

Die vierte Ebene der marokkanischen Strategie zur Extremismusbekämpfung ist ein großangelegtes Projekt zur Neuausrichtung des religiösen Sektors. Dazu wurden staatliche Institutionen für religiöse Bildung und Unterweisung geschaffen und der gemäß der Verfassung vom König als Oberhaupt der Gläubigen geführte hohe Rat der marokkanischen Religionsgelehrten umstrukturiert. Und die neu geschaffene staatliche Rundfunkstation Radio Mohamed du Saint Coran soll religiöse Leitlinien vermitteln und religiöse Diskurse medial kanalisieren.

Dem Ministerium für religiöse Angelegenheiten wurden derweil beträchtliche Mittel für die Neuausrichtung zur Verfügung gestellt. Geführt wird es seit vierzehn Jahren von einem Minister aus der sufistischen Tradition, der den Versuch unternahm, aus dem Sufismus eine "offizielle Religion" des Staates zu machen, um so die Strömungen des politischen, salafistischen und dschihadistischen Islams zurückzudrängen.

Im Ergebnis entwickelte sich aus dem Sufismus eine Sphäre religiöser Günstlingswirtschaft, von der sufistische Kreise und ihre Anhänger profitieren. Die Ränder wurden hingegen dem politischen, salafistischen und dschihadistischen Islam überlassen. Es sind genau diese Ränder, die den Extremismus unter Jugendlichen fördern, die sich Terrorzellen im Westen anschließen und nach Syrien, in den Irak oder nach Libyen gehen.

Etwas mehr als vierzehn Jahre nachdem Marokko seinen Plan zur Terror- und Extremismusbekämpfung implementiert hat, braucht es eine kritische Evaluation und Reflexion dieser Politik, die zwar bisher weitere Terroranschläge in Marokko verhindert hat, aber seine Jugend nicht vor den Fängen der Extremisten schützen konnte. Es ist Zeit zu handeln.

Ali Anouzla

© Qantara.de 2017

Übersetzt aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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