Ein gefährliches Szenario: Verzweifelte, aggressive, einsame und oft perspektivlose junge Männer treffen in Gefangenschaft auf Personen, die ihnen einfache Antworten auf sämtliche Fragen präsentieren.

Wie Politik und Justiz vorbeugen wollen

Das haben auch die Verantwortlichen erkannt: Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen setzt vor allem auf Prävention. Inzwischen haben viele NRW-Gefängnisse Integrationsbeauftragte ernannt, damit Häftlinge mit Migrationshintergrund eine eigene Anlaufstelle haben.

Außerdem arbeiten die Haftanstalten eng mit Islamwissenschaftlern wie Mustafa Doymus und Mehmet Bilekli zusammen. Die beiden haben seit 2016 im Auftrag des Justizministeriums knapp 3.000 von insgesamt rund 8.600 Vollzugsbeamten in NRW geschult. Der Verlust der Freiheit löse bei den Häftlingen zwangsläufig persönliche Krisen aus, die "jeden zum Philosophen machen", sagt Doymus.

Manche stellten sich dann auch religiöse Fragen. Es gehe in ihrer Arbeit um die "Sensibilisierung" der Justizbeamten. Damit sie im Krisenfall helfen können. Und damit sie Anzeichen für eine Radikalisierung möglichst früh erkennen - zum Beispiel, wenn sie bei einer Zellendurchsuchung auffällige Schriften und Bücher entdecken. Oder wenn Gefangene auffällige Briefe von außen bekommen.

Islamwissenschaftler Mustafa Doymus; Foto: DW
Islamwissenschaftler Mustafa Doymus berät die 36 Gefängnisse in Nordrhein-Westfalen, wenn es um Fragen zum radikalen Islamismus geht. In NRW sitzen gegenwärtig laut Landesjustizministerium 15.573 Menschen in Haft. Doymus zufolge sind darunter 3.500 Muslime.

Innerhalb der radikal-islamistischen Szene existieren Netzwerke, die Häftlingen Briefe und Päckchen ins Gefängnis schicken. Eine vermeintliche Geste der Nächstenliebe - die aber darauf abzielt, die Gefangenen ideologisch zu stärken und neue Anhänger zu rekrutieren.

Neuland muslimische Gefangenenseelsorge

Nicht nur bei gefährdeten, sondern auch bei bereits radikalisierten Insassen müsse man die Zeit im Gefängnis nutzen, um "ein Einlenken, ein Hinterfragen und eine Distanzierung" zu erreichen, ist Islamwissenschaftler Bilekli überzeugt. Und erinnert daran, dass die Gefangenen "irgendwann wieder auf die Gesellschaft losgelassen werden". Seit ein paar Jahren wächst deshalb auch das Verständnis für die Bedeutung der muslimischen Seelsorge hinter Gittern. "Wenn man hier Beistand und Unterstützung erfährt, kann das eine immunisierende Wirkung haben", glaubt auch Extremismus-Forscher Michael Kiefer.

Für die 36 Gefängnisse in Nordrhein-Westfalen gibt es 26 Gefängnis-Imame. Alle haben eine Sicherheitsprüfung durchlaufen. Leben können die muslimischen Geistlichen von ihrer Arbeit hinter Gittern bisher nicht. Ganze zehn Stunden pro Woche darf ein Gefängnis-Imam arbeiten, bei einer Bezahlung von 20 Euro pro Stunde. Auch das gilt erst seit 2016, vorher bekamen sie überhaupt kein Geld.

Zum Vergleich: Evangelische und katholische Seelsorger werden vom Staat bezahlt, arbeiten hauptamtlich und können sich ganz auf ihre Arbeit im Gefängnis konzentrieren. Die beiden christlichen Kirchen leisten sich in NRW insgesamt 86 Gefängnisseelsorger.

Die Imame bieten persönliche Sprechzeiten an, Freitagsgebete finden alle 14 Tage statt. Wer radikalisiert sei, den könne er mit seinen Botschaften nicht erreichen, gibt der Imam des Gefängnisses in der Landeshauptstadt Düsseldorf offen zu. Auch er konzentriert sich auf die Prävention. 

Der Bochumer Häftling Batuhan nimmt jedes Angebot an, das die Monotonie seines Gefängnisalltags durchbricht. Vorher, in Freiheit, habe Religion in seinem Leben kaum eine Rolle gespielt, sagt er. Was zählte waren Hobbies, Freunde, die Familie. Doch im Gefängnis hatte er auf einmal massenhaft Zeit zum Grübeln. Eingesperrt auf wenigen Quadratmetern mit den eigenen Gedanken. Bis zur Freilassung 2021. Seine neu entdeckte Religiosität werde er sich auch in Freiheit behalten, davon ist Batuhan überzeugt. "Das ist jetzt einmal drin, das geht nicht mehr raus."

Esther Felden & Matthias von Hein

© Deutsche Welle 2020

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