Ein kritischer Moment, warnt der bekannte Extremismusforscher Michael Kiefer. "Wenn clevere Kader-Persönlichkeiten zurückkommen, die in ihren Ansichten noch sehr gefestigt sind, dann werden sie mit ihrer Agitation in den Gefängnisse nicht aufhören."

Als Krimineller in den Knast - als Radikaler wieder raus

Der Großteil islamistischer Terrorakte in Europa wurde von Menschen begangen, die sich im Gefängnis radikalisiert hatten. Wie die Attentäter von Paris und Brüssel. Und wie Anis Amri, der im Dezember 2016 mit einem LKW in einen Berliner Weihnachtsmarkt raste und elf Menschen tötete.

Mehr als die Hälfte der über 5.000 Dschihadisten, die aus Westeuropa in die Kampfgebiete des IS ausgereist sind, hat eine kriminelle Vergangenheit. Viele waren Bandenmitglieder, Drogenhändler oder Diebe. Zu diesem Ergebnis kommt eine 2018 herausgebrachte Studie des Internationalen Zentrums für Radikalisierungsforschung am Londoner King's College.

Die deutschen Gefängnisse versuchen darauf zu achten, dass Extremisten nicht missionieren und keinen Kontakt zu Gleichgesinnten haben. Sie werden in Haft verstärkt beobachtet und von anderen Häftlingen getrennt. Doch sie werden nicht 24 Stunden komplett isoliert. Dass sie versuchen könnten, andere zu beeinflussen, hält der Bochumer Häftling Batuhan für möglich. "Hier drinnen ist es einfacher, jemanden zu überzeugen." Selbst erlebt habe er das aber noch nicht, versichert er.

Leichte Beute für Islamisten

Numan Özer ist davon überzeugt, dass Gefängnisse der perfekte Nährboden für extremistische Gruppen sind. Der junge Jurist mit türkischen Wurzeln arbeitet seit sieben Jahren für die Kölner Initiative "180 Grad Wende", die inzwischen auch mit Bundesmitteln finanziert wird.

Freitagsgebet in der Justizvollzugsanstalt der Landeshauptstadt Düsseldorf; Foto: DW
Der Islamwissenschaftler Mustafa Doymus fordert, auf jeden Gefangenen einzeln zu blicken. "Wenn man die individuellen Befindlichkeiten der Muslime und ihrer Kultur kennt, fällt es leichter, der Radikalisierung vorzubeugen."

Özer besucht seit 2015 regelmäßig die Gefängnisse in Nordrhein-Westfalen. In vier bietet seine Initiative regelmäßige Gesprächskreise für muslimische Gefangene an. Darin geht es um Regeln für ein gutes Miteinander, um Selbstreflexion und Einsicht. "Die Häftlinge befinden sich in einem Loch, zumindest emotional", berichtet Özer. Damit würden sie zur leichten Beute für Islamisten. Die würden ihnen dann erklären, dass das System schuld an ihrer Lage sei. Manchmal, so Özer, würden Verbrechen regelrecht religiös verklärt.

Nach radikal-islamistischer Lesart führt der Westen Krieg gegen die Muslime. Und im Krieg erlaube es der Koran, Beute zu machen. Mit diesem Argument würden dann Einkünfte aus Diebstahl, Raub oder Drogenhandel kurzerhand zur legitimen Kriegsbeute erklärt und Kleinkriminelle zu Helden stilisiert. "Damit können die Extremisten diese jungen Männer ohne weiteres abholen", glaubt Özer.

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