Islamismus unter türkischen Kurden
Wachsender Einfluss der Hizbullah in Batman

Im kurdischen Südosten der Türkei macht derzeit eine neue politische Bewegung von sich reden: die islamistische Hizbullah. In kleineren Gruppen organisiert, ist sie nach dem Beispiel der palästinensischen Hamas vor allem in Flüchtlingsghettos aktiv. Von Amalia van Gent

Im kurdischen Südosten der Türkei macht derzeit eine neue politische Bewegung von sich reden: die islamistische Hizbullah. In kleineren Gruppen organisiert, ist sie nach dem Beispiel der palästinensischen Hamas vor allem in Flüchtlingsghettos aktiv. Amalia van Gent informiert.


Die neue türkische Hizbullah unterscheidet sich von der alten, weil sie staatsfeindlich und kurdisch-nationalistisch orientiert ist.

​​Von seiner zentralen Verkehrsachse aus gesehen, könnte Batman eine wohlhabende, pulsierende Stadt im Westen der Türkei sein. Der breite Boulevard, nach dem verstorbenen, hier noch beliebten früheren Staatspräsidenten Turgut Özal benannt, ist von modernen Glaspalästen und teuren Einkaufszentren gesäumt.

Glänzende Limousinen und Jeeps drängen sich auf dem Parkplatz vor dem schmucken Mado-Café, das tagsüber auch von jungen Frauen in kurzen Röcken oder hautengen Jeans frequentiert wird. In den Parks entlang des Boulevards wird Musik bis spät in die Nacht gespielt.

Aktivitäten in den Armutsghettos

Batman liegt aber nicht im Westen, sondern im fernen Südosten der Türkei, unweit der irakischen und syrischen Grenze. Der Augenschein auf dem Boulevard Turgut Özal trüge, sagt ohne Umschweife Batmans Bürgermeister Hüseyin Kalkan im Gespräch.

Batman, vor zwei Jahrzehnten noch ein verschlafenes Städtchen, habe im Laufe des Bürgerkriegs zwischen den türkischen Sicherheitskräften und den kurdischen Nationalisten der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) Ströme von Flüchtlingen aufnehmen müssen und sei plötzlich zu einer Metropole von fast 400.000 Einwohnern aufgequollen.

Nicht der Boulevard Turgut Özal sei bezeichnend für seine Stadt, sondern die Ghettos der Aussenviertel seien es, wo die Flüchtlinge am Rande des Hungers lebten. Fast 16.000 Personen müssten regelmässig von der Gemeinde mit Nahrungsmitteln versorgt werden.

Hüseyin Kalkan ist Mitglied der prokurdischen Partei DTP. Diese hatte bei den letzten Lokalwahlen 74 Prozent der Stimmen erhalten, läuft aber nun Gefahr, in den Ghettos Batmans von einer neuen politischen Kraft verdrängt zu werden. Dort würden sich islamistische Gruppen mit erstaunlicher Geschwindigkeit breitmachen, sagt Arif Arslan, Herausgeber der grössten regionalen Tageszeitung, "Batman Cagdas".

Die einflussreichste islamistische Gruppe Batmans, genannt "Umut dernegi", verteile finanzielle Hilfe an die Bedürftigen und sorge dafür, dass Kinder mittelloser Eltern ausgebildet würden. "Umut dernegi" sei nach dem Beispiel der palästinensischen Hamas oder des Hizbullah in Libanon vor allem in der Umgebung von Schulen und Spitälern aktiv.

Von einem Wiederaufleben des kurdischen Islamismus und der Hizbullah wird mittlerweile aus fast allen Ecken Südanatoliens berichtet. Als eine dänische Zeitung die umstrittenen Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, demonstrierten in der kurdischen Metropole Diyarbakir rund 100.000 Personen gegen "die Arroganz der Europäer" und "die Schmähung des Islams". Es waren weit mehr Teilnehmer als bei Kundgebungen sonstwo in der Türkei.

Ein blutiges Terrorregime

Dabei ist der Hizbullah in Diyarbakir wie auch in Batman mit einer sehr dunklen Ära der Geschichte verbunden. Der Hizbullah in der Türkei wurde 1983 gegründet, hatte mit dem Hizbullah in Libanon ausser dem Namen nichts gemein und gewann an Bedeutung erst 1991 im vom Krieg zerrütteten kurdischen Südosten der Türkei.

In Diyarbakir war der Hizbullah in die "Ilim"- und die "Menzil"-Gruppe unterteilt: Die "Ilim"-Gruppe fühlte sich der ägyptischen Muslim-Bruderschaft nahe und schreckte vor dem Einsatz von Gewalt nicht zurück. Anfang der neunziger Jahre griff die "Ilim"-Gruppe in Diyarbakir die rivalisierende "Menzil"-Gruppe an. Bei den wochenlang anhaltenden blutigen Kämpfen wurde die "Menzil"-Gruppe, welche sich zuvor von Gewaltakten distanziert hatte, vernichtet.

Damals liess sich der Gründer der türkischen Hizbullah, Hüseyin Velioglu, in Batman nieder. Seine bärtigen Kämpfer führten auf der zentralen Verkehrsachse der Stadt, die damals noch nicht nach Turgut Özal benannt war, schwer bewaffnet Machtdemonstrationen durch, ordneten die Verschleierung der Frauen an und bestraften auch minderjährige Mädchen, wenn sie auf der Strasse etwa mit ihren Mitschülern zu sprechen wagten.

Sein Terrorregime wurde von Ankara damals nicht nur geduldet, sondern sogar unterstützt. Denn Velioglu bekämpfte erbittert die kurdischen Nationalisten der PKK, denn sie waren in seinen Augen Atheisten. Der ehemalige türkische Gendarmerie-Kommandant Teoman Koman lobte damals die Kämpfer Velioglus als "Personen mit tiefen religiösen Empfindungen, die sich gegen den Druck der PKK zu wehren suchen".

Der damalige Chef der Nachrichtendienste der Polizei, Hanefi Avci, gestand später vor einer parlamentarischen Untersuchungskommission, dass der Hizbullah zu Beginn der neunziger Jahre unter dem Schutz des Nachrichtendienstes der Gendarmerie gestanden habe. Dutzende von Morden an kurdischen Aktivisten gehen auf das Konto des Hizbullah. Auch der kurdische Abgeordnete Mehmet Sincar fiel ihm im Zentrum Batmans zum Opfer.

Velioglu geriet Ende der neunziger Jahre in Ungnade, als seine Organisation Erpressungsgelder von Geschäftsleuten auch im Westen des Landes forderte und Zahlungsunwillige ermorden liess. 52 Personen waren auf brutalste Weise ums Leben gekommen, bevor bei einer Polizeirazzia im Istanbuler Viertel Beykoz im Jahr 2000 Velioglu getötet wurde. Rund 6000 Hizbullah-Mitglieder sind seither festgenommen worden. Die gefürchtete Organisation zog sich damals aus Batman zurück.

Einflussreiche Bruderschaften

Die Erinnerung an Velioglus Hizbullah ist in den Ghettos mittlerweile verblasst. Die junge Generation der Flüchtlinge macht den Krieg der PKK-Nationalisten für den Verlust der angestammten Heimat verantwortlich - und den Staat für ihre Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit.

Der Kampf der palästinensischen Hamas beflügelt sie nun. So suchen sie Zuflucht in islamischen Bruderschaften, die schon immer ein wichtiges Element der kurdischen Identität bildeten. In Batman ist die Naksibendi-Bruderschaft besonders einflussreich. Die Moscheen füllten sich, wenn der aus Syrien stammende Naksibendi-Scheich Hiznavi Batman besuche, sagte ein junger Journalist.

Laut dem Experten Önder Aytac ist der neue Chef der türkischen Hizbullah Isa Altsoy, ein in Deutschland wohnhafter Kurde. Unter seiner Führung rekrutiert die Hizbullah seine Mitglieder auch in der kurdischen Diaspora, veröffentlicht Bücher und Magazine und verfügt in Diyarbakir, wie vor einem Jahrzehnt die "Ilim"- und die "Menzil"-Gruppe, über eigene Buchhandlungen.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger lehnt Altsoy die Struktur einer von einem Zentrum aus geleiteten Organisation ab, er befürwortet vielmehr kleine Verbände und Nichtregierungsorganisationen, die schnell überall einsetzbar sind. So macht in Diyarbakir die Nichtregierungsorganisation Mustazaflar von sich reden. Die neue Hizbullah unterscheidet sich von der alten auch, weil sie staatsfeindlich und kurdisch-nationalistisch orientiert ist.

Batmans Bürgermeister Hüseyin Kalkan macht kein Hehl aus seinem Unmut über die jüngsten Entwicklungen in seiner Stadt. Sollte dieser Trend anhalten, könnten sich die kurdischen Islamisten als gefährlicher als die Hamas erweisen, sagt er. Dann wäre auch die vom Staat so erbittert bekämpfte PKK für die Erhaltung der säkularen Republik Türkei "keine Gefahr, sondern eine Chance".

Amalia van Gent

© Neue Zürcher Zeitung 2006

Qantara.de

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