Islamismus in Österreich

Vielfältig und widersprüchlich

Der Islamismus in Österreich ist bisher kaum akademisch erforscht. Jetzt hat erstmals ein Team aus Wissenschaftlern und Journalisten ein "Handbuch des politischen Islam" herausgebracht. Götz Nordbruch hat das Buch mit dem Titel "Zwischen Gottesstaat und Demokratie" gelesen.

Der Angeklagte Mohammed Mahmoud in Begleitung von zwei österreichischen Polizisten beim Prozess in Wien; Foto: dpa
Im März diesen Jahres erlebte Österreich seinen ersten Terrorprozess. Der Angeklagte, Mohammed Mahmoud, bestreitet jede Schuld, wurde aber zu vier Jahren Haft verurteilt.

​​ "Islamisten drohen Deutschland und Österreich" – so lautete die Schlagzeile, als im März 2007 ein deutschsprachiges Video aus dem Umfeld der al-Qaida auftauchte, in dem vor Anschlägen gegen deutsche und österreichische Ziele gewarnt wurde. Ein Wiener Gericht verurteilte die Urheber des Videos mittlerweile in erster Instanz zu Haftstrafen.

In dem turbulenten Prozess ging es unter anderem darum, ob es rechtens sei, die 21-jährige Mitangeklagte von den Verhandlungen auszuschließen, weil sie sich geweigert hatte, ihren Gesichtsschleier abzulegen. Erst Ende August entschied der Oberste Gerichtshof nun, das Verfahren aus Formalgründen neu aufzurollen.

Einheimische islamische Strömungen

Der Prozess machte deutlich, dass auch in Österreich eine Auseinandersetzung mit einheimischen islamistischen Strömungen überfällig ist. Das "Handbuch des politischen Islam", das von Thomas Schmidinger und Dunja Larise herausgeben wird, ist ein gelungener Beitrag zu dieser Debatte. Das Buch will "weder relativieren noch diabolisieren, sondern den kritischen Blick schärfen helfen", schreiben die Herausgeber in ihrer Einleitung.

Bei diesem Unternehmen ist es ein großes Plus, dass sich einige der sechzehn Autoren selbst als Muslime verstehen.

Die "Islamisierung des Islam"

Unter dem Begriff des "politischen Islam" fassen die Autoren all jene Strömungen, die den Islam als "Richtschnur politischen Handelns verstehen und eine wie auch immer geartete Islamisierung von Gesellschaft und Politik anstreben". Betont wird, dass sich die Problematik des politischen Islam nicht auf antidemokratische und Gewalt legitimierende Facetten beschränkt.

Die Gesellschaft, die von islamistischen Akteuren propagiert wird, zeichne sich auch durch antiliberale, antisemitische und misogyne Feindbilder aus. Es gehe Islamisten eben nicht nur um den Kampf gegen äußere Feinde der islamischen Gemeinschaft, sondern auch um die Durchsetzung der vermeintlich wahren islamischen Werte und Traditionen nach innen, um eine "Islamisierung des Islam".

Es wäre daher falsch, geben die Autoren zu bedenken, die Auseinandersetzung mit dem Islamismus auf die Verhinderung von Terroranschlägen und politischer Gewalt zu beschränken. Oft geht es Islamisten um ganz alltägliche Dinge.

Herrschaft über sexuelle Moral

Screenshot eines islamistischen Drohvideos, dass sich gegen Österreich und Deutschland richtet; Foto: dpa
Screenshot eines islamistischen Drohvideos, dass sich gegen Österreich und Deutschland richtet.

​​ "Sex stellt ein weiteres, in seiner Bedeutung oft unterschätztes Feindbild des politischen Islam dar. Sexuelle Praktiken, die sich außerhalb von patriarchalisch-konservativen Vorstellungen einer religiös geregelten Moral bewegen, gehören zu den stärksten Verunsicherungen für konservative islamische Männer, denen integralistische Bewegungen die alten Sicherheiten der patriarchalischen Ordnung versprechen", heißt es über die Visionen, die von islamistischen Gruppierungen propagiert werden. "Die Herrschaft über die sexuelle Moral ist, ähnlich wie bei vielen anderen totalitären und autoritären gesellschaftlichen Konzepten, eine der wichtigsten Agenden des politischen Islam."

Etwas enttäuscht ist man beim Lesen des Buches daher, dass gerade dieser Aspekt in den Darstellungen der islamistischen Akteure in Österreich nur am Rande behandelt wird. Man erfährt viel über die historischen und politischen Hintergründe der diversen Strömungen, aber auch über deren personellen und organisatorischen Verbindungen in Österreich, nach Deutschland und in die Herkunftsregionen von Migranten.

Die getrennte Darstellung der Strömungen mit arabischem, türkischem, bosnischem, südostasiatischem, schiitischem und mehrheitsösterreichischem Hintergrund gibt einen guten Einblick in die sehr unterschiedlichen Zusammenhänge, in denen islamistische Vereine in Europa agieren.

Verbindungen in die österreichische Politik

​​ Dabei werden die oft widersprüchlichen Einflüsse deutlich, die zum Beispiel die Politik der islamistischen Gruppierungen bosnischer Prägung bestimmen. Für sie ist nicht nur das Verhältnis zur österreichischen Mehrheitsgesellschaft spannungsreich. Auch die Konflikte in Bosnien zwischen gemäßigten Akteuren und den so genannten Vehabije, den Wahabiten, spiegeln sich in der Ausrichtung dieser Vereine.

Umso hilfreicher sind die kurzen Steckbriefe im Anschluss der Kapitel, in denen die einzelnen Gruppierungen vorgestellt werden. Hier informieren die Autoren detailreich über die Entstehungsgeschichte, die Repräsentanten und die politischen Ziele der einzelnen islamistischen Vereine.

So erfährt man nicht nur etwas über die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen und deren ideologische Nähe zum gemäßigten Flügel der Muslimbruderschaft, sondern auch über deren Verbindungen in die österreichische Politik und zu Nichtregierungsorganisationen in verschiedenen europäischen Ländern. Auch kleinere Gruppierungen wie die in Deutschland verbotene Organisation Hizb ut-Tahrir oder die von Muslimen aus Pakistan dominierte Tablighi Jamaat werden von den Autoren kritisch beleuchtet.

Gewaltfrage und Demokratieverständnis

Cover Handbuch des politischen Islam
Das "Handbuch" stellt erstmals Strukturen, Methoden und Verlinkungen einflussreicher und mutmaßlich gefährlicher islamischer Organisationen weitreichend dar.

​​Im Mittelpunkt dieser Charakterisierungen der einzelnen Gruppierungen steht dabei das Verhältnis zur Gewaltfrage und zur Demokratie. Für Informationen beispielsweise zum propagierten Geschlechterverhältnis und zur angestrebten Wertordnung blieb dagegen nur wenig Platz – ein Manko, das dadurch ausgeglichen wird, dass viele Quellen, auf die sich die Autoren des Buches stützen, auf der Website des Verlages verlinkt sind.

Das Handbuch liefert damit auch einen Anreiz, sich die Veröffentlichungen von islamistischen Organisationen einmal selbst anzuschauen. Wer Informationen über islamistische Positionen zu Themen sucht, die von den Autoren nur am Rande angesprochen werden, wird auf einschlägigen Internetseiten dieser Gruppierungen schnell fündig. Das Handbuch ist eine zuverlässige Hilfe, um diese Positionen einzuordnen und zu "verstehen". Für all jene, die sich für islamistische Strömungen in Europa interessieren, bieten die Autoren viele Hinweise. Die Unterschiede, vor allem aber auch die Gemeinsamkeiten machen den Blick nach Österreich gerade auch für den deutschen Leser interessant.

© Qantara.de 2008

Thomas Schmidinger/Dunja Larise (Hrsg.), Zwischen Gottesstaat und Demokratie. Handbuch des politischen Islam (Wien: Deuticke, 2008).

Qantara.de

Perspektiven auf den radikalen Islamismus
Generationen des Zorns
Was nährt den radikalen Islamismus, und wie lässt er sich differenzieren? Volker Perthes, ausgewiesener Nahostexperte und Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, liefert in seiner Analyse fünf konkrete Ansatzpunkte, wie Europa in der muslimischen Welt konstruktiv agieren könnte.

Interview mit Olivier Roy
"Radikale Muslime sind verwestlicht"
Die aufstrebende muslimische Mittelschicht in Europa will als eine westliche Glaubensgemeinschaft beachtet werden und nicht etwa als fremde Kultur, meint der französische Politologe Olivier Roy. Michael Hesse hat sich mit dem renommierten Islamismus-Experten unterhalten.

Interview mit Tayeb Tizini
Zirkel der Hoffnungslosigkeit
Für Tayeb Tizini, Professor für Politikwissenschaft und Philosophie an der Universität Damaskus, ist der radikale Islam in der arabischen Welt das Ergebnis der Perspektivlosigkeit der jüngeren Generation, für das vor allem die arabischen Eliten verantwortlich seien. Mit ihm hat sich Afra Mohamed unterhalten.

Verwandte Themen