Eine Frau hatte wegen des auffälligen Verhaltens ihres Mannes die Befürchtung, er könnte sie dazu verleiten, gegen religiöse Vorschriften zu verstoßen. Als sie sich an den Propheten mit dem Wunsch wandte, die Ehe aufzulösen, fragte Mohammed, ob sie bereit wäre, ihrem Ehemann den Garten, den er ihr geschenkt hatte, bei der Scheidung zurückzugeben. Als die Frau dies bejahte, bat der Prophet den Mann, einzuwilligen.

Zentrale Bedeutung des Familienrechts

Wie im Falle des tunesischen Familienrechts von 1957 wurde nun auch in Ägypten eine bekannte Schriftquelle neu interpretiert: Hatten aus Sicht der islamischen Rechtsgelehrten die Personen im genannten Hadith die Ehe im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst, wurde jetzt hervorgehoben, dass der Mann erst durch den Propheten zur Auflösung der Ehe bewogen wurde.

Seit 2000 übernehmen am Nil die Vermittlerrolle stellvertretend die Richter, die bei einem Verzicht der Frau auf alle rechtlichen Vermögensansprüche die Ehe auch gegen den Willen des Mannes – nach einem vorgeschriebenen Versöhnungsversuch – scheiden können.

Ebenfalls unter Berufung auf die Hadith-Literatur wurde 2004 bei der Reform des marokkanischen Familiengesetzes (Mudawana) die Unterordnung der Frau unter den Ehemann abgeschafft. Die dafür herangezogene Hadith-Stelle preist als ehrenwert den Mann, der seine Frau würdigt, und geißelt denjenigen als Schurken, der sie erniedrigt. Ein weiterer zitierter Hadith erinnert daran, dass Männer und Frauen ebenbürtig seien.

Über die Art, wie der Rückgriff auf islamische Schriftquellen und Rechtstraditionen gegenwärtige Rechtsdiskurse in muslimischen Ländern prägt, wird auch in Göttingen geforscht. Im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts "Understanding Sharia: Past Perfect, Imperfect Present" leitet die Islamwissenschaftlerin Irene Schneider eine Forschergruppe mit dem Schwerpunkt auf Genderfragen in Israel und den Palästinensergebieten.

Bezug auf islamische Traditionen

In der Einleitung zu dem von ihr gemeinsam mit Nijmi Edres herausgegebenen Sammelband "Uses of the Past: Sharia and Gender in Legal Theory and Practice in Palestine and Israel" (Harrassowitz, Wiesbaden 2018) stellen die beiden Wissenschaftlerinnen ähnlich wie ihre amerikanischen Kolleginnen fest, dass die bisherigen Gesetzesreformen in der muslimischen Welt, die das Verhältnis zwischen den Geschlechtern beträfen, nicht auf den westlichen Diskurs, sondern auf die islamische Tradition rekurrierten.

Diese Tendenz kennzeichnet auch die Debatte über die Schaffung eines palästinensischen Familiengesetzes, das die bis heute gültigen Varianten – die ägyptische von 1954 im Gazastreifen und die jordanische von 1976 im Westjordanland – ersetzen soll.

Wie Lara-Lauren Goudarzi-Gereke in ihrem Beitrag im Band berichtet, scheiterten die bisherigen Anläufe sowohl an der innerpalästinensischen Rivalität von Fatah und Hamas als auch an den unterschiedlichen Ansichten von Frauenorganisationen und religiösem palästinensischen Establishment.

Im jüngsten Gesetzentwurf von 2013 wird der Spielraum der Frauen, durch Selbstloskauf die Ehe zu beenden, zwar vergrößert. Aber während die Urheber des vorgeschlagenen Gesetzes diese Neuerung mit der innovativen Kombination der Auffassungen verschiedener islamischer Rechtsschulen rechtfertigen, halten sie an der konservativen islamischen Rechtsmaxime fest, die dem Ehemann – mit nur wenigen hinzugefügten Auflagen – erlaubt, seine Frau einseitig zu verstoßen.

Wie auch sonst für die islamische Welt, so gilt Goudarzi-Gereke zufolge für den palästinensischen Fall, dass für die Reformer ohne das Bemühen genuiner Scharia-Traditionen kein Weiterkommen möglich ist. Zumal bei den Palästinensern, denen wiederholt Rechtssysteme von Fremdmächten aufgezwungen worden sind, die Institution Familie für das kollektive Selbstverständnis von zentraler Bedeutung ist – und damit auch das Familienrecht.

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2019

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