“Sterbt bevor ihr sterbt”

Auch Rumi suchte im Fasten immer wieder Geborgenheit vor den Attacken der nafs (Seele): “Da schließlich der Prophet gesagt hat ‘Fasten ist Schutz’, ergreife diesen, verwirf dieses Schutzschild nicht im Angesichte des pfeilschießenden Egos!”. Die Transformation der nafs klingt im prophetischen Ausspruch “Sterbt bevor ihr sterbt” an, den Rumi zu einem Dreh- und Angelpunkt seines Masnawi macht. Gemeint sei damit, betont Rumi, um Missverständnissen vorzubeugen, “nicht ein Tod, mit dem du in ein Grab wanderst, sondern der Tod, der aus Transformation besteht, sodass du in ein Licht gehst”.

Verkäufer von Brot im Basar von Marrakesch; Foto: Marian Brehmer
Das Brot vor Augen, ohne zu essen. Ziel dieses einmonatigen, bewussten Verzichts ist nicht etwa eine Demütigung des Körpers, sondern die Schärfung des Gottesbewusstseins. Die Aufmerksamkeit wird von außen nach innen gelenkt. Geduld, Genügsamkeit und Empathie werden kultiviert und das eigene Ego tritt zurück. In dieser Zeit der Einkehr könnten die unerkannten Egomuster — unser “Schatten”, wie es Carl Gustav Jung genannt hat — deutlicher zutage treten, schreibt Marian Brehmer.

Jeder Kontrollverlust des Ego ist wie ein kleiner Tod, auf den die Wiedergeburt in ein ganzheitlicheres Bewusstsein folgt. So gesehen, ist der menschliche Reifungsprozess ein kontinuierliches Sterben und Geborenwerden. Gleichzeitig könnte man das Fasten auch als Vorbereitung auf den physischen Tod betrachten, jener unausweichlichen Realität, die unsere moderne Kultur mit all ihren Ablenkungs- und Zerstreuungsstrategien systematisch auszuklammern versucht.

Die islamischen Glaubenspraktiken sollen diese innere Transformation besonders im Ramadan unterstützen. Das muslimische Ritualgebet etwa ist aus der Perspektive der Mystiker keine trockene Pflichterfüllung, sondern eine bewusste Rückbesinnung auf das Wesentliche. Salah (Gebet) bedeutet hier, fünfmal am Tag in perfekter Absicht konzentriert in Gottes Gegenwart zu treten und mit der Niederwerfung das “kleine Ich” einer höheren Realität zu überlassen. Gleichzeitig ist das Gebet ein Ausbruch aus dem Spannungsfeld unserer wirren Außenwelt, um gestärkt und gesammelt den Herausforderungen des Alltags begegnen zu können.

Eine ähnliche Funktion erfüllt auch die Koranlektüre im Ramadan. Wenn die Wiederholung von koranischen Formeln beim Gebet kein Automatismus auswendig heruntergeleierter Mantren ist, dann dient sie der unmittelbaren Anbindung der Seele an das Göttliche. Nach muslimischer Überlieferung nahm die Offenbarung des Koran in einer der letzten Nächte des Ramadan ihren Anfang. Mithilfe von Meditation über Klang und Bedeutungsgehalt der Suren strebt der Sufi sein eigenes Offenbarungserlebnis an, damit ihm der innere Sinn des Gotteswortes unmittelbar zuteil wird.

Rumi geht in einem seiner Verse zum Fasten sogar noch einen Schritt weiter: “Wer sich von Stroh und Gerste ernährt, wird zum Opfertier; doch wer sich durch Gottes Licht nährt, wird zum Koran”. Zum Koran werden bedeutet hier, dass das Buch der menschlichen Seele für die göttlichen Geheimnisse empfänglich wird. In der Folge wird der Mensch in seinen Handlungen zu einem Instrument der fortwährenden göttlichen Offenbarung auf Erden. Er hilft dabei, “göttliche Eigenschaften” in die Welt zu tragen — etwa jene grenzenlose Barmherzigkeit, wie sie im islamischen Gottesnamen ar-Rahman (der Barmherzige) umschlossen ist. Für den Mystiker ist die Natur in all ihrer Fülle ein “lebendiger Koran”, der sich uns in jedem Moment neu offenbart, solange wir nur dafür empfänglich sind. 

Dankbar auf das eigene Leben blicken

Viele der türkischen Sufi-Lehrer aus den Instagram-sohbets weisen darauf hin, wie der Ramadan eine Gelegenheit bietet, die besten menschlichen Charakterzüge — Werte wie Demut, Mitgefühl und Güte — in sich zu kultivieren. Auf unmittelbar physische Weise erinnert der leere Magen den Fastenden daran, mit Dankbarkeit auf das eigene Leben zu blicken. Denn zu schnell, so warnt auch Rumi, wird uns unser täglicher Wohlstand zur Gewohnheit, zu schnell verfallen wir in Beschwerden, ohne die Fülle in unserem Leben wahrzunehmen.

Sufis üben sich darin, Dankbarkeit gerade auch für Schwierigkeiten zu entwickeln, ohne die es für sie kein Weiterkommen auf dem spirituellen Pfad geben kann. In ihren Augen ist der Ramadan eine Probe für das gesamte Leben. Doch wie bei jeder anderen religiösen Handlung braucht es beim Fasten eine reine Absicht, sonst kann Frömmigkeit — wie Rumis persischer Dichterkollege Hafis seine Zeitgenossen im 14. Jahrhundert immer wieder warnte — zur staubtrockenen Orthodoxie verkommen, oder noch schlimmer, heuchlerisch vor Anderen zur Schau gestellt werden. Religiöse Praxis, so Hafis, sei nur mit Liebe vollkommen: “Den Lohn fürs Fasten und die Pilgerfahrt erntet jener / Der die Erde des Weinhauses der Liebe aufgesucht hat.”

Für die islamischen Mystiker beginnt die Alchemie des Fastens mit der Einladung zu einer tiefen Innenschau, die nur mithilfe von starker Willenskraft und einem gewissen Maß an Selbstdisziplin möglich ist. In einer exzessiv beschleunigten Welt, die unsere Aufmerksamkeit ständig nach außen zieht und immer weniger Gelegenheit zur Selbsterkenntnis lässt — was wiederum zu immer größerem Chaos in unseren Gesellschaften führt — ist diese Einladung auch für Nicht-Muslime von äußerster Relevanz.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2021

Marian Brehmer hat Iranistik studiert und schreibt als freier Autor mit Schwerpunkt auf islamischer Mystik aus Istanbul. 

 

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