Islamische Unterhaltungsmusik

Zwischen Schlager und Hip-Hop

Musik mit religiösen Inhalten ist im Kommen – auch unter jungen Muslimen in Europa. Martina Sabra hat nachgefragt, was "islamische" Unterhaltungsmusik ist und welchen Stellenwert sie für muslimische Jugendliche in Deutschland und Europa hat.

Cover der letzten CD von Sami Yusuf
Sami Yusuf propagiert einen neoliberalen Islam, der mit Orient und Okzident kompatibel sein will: züchtig, familienorientiert, unpolitisch, gewaltfrei

​​Nicht nur in Dänemark, sondern weit darüber hinaus erfreut sich die Band "Outlandish" seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit. In England wird der Islam-Sänger Sami Yusuf mittlerweile von Mainstream-Medien wie der BBC oder der Tageszeitung "The Guardian" porträtiert. Und auch in Deutschland gibt es erste Ansätze zu einer "islamischen" Unterhaltungsmusik. Ammar, ein junger äthiopisch-deutscher Frankfurter, der mit 19 Jahren zum Islam konvertierte, hat bereits über ein Dutzend Rap-Stücke kreiert, die ihn nicht nur als talentierten Texter ausweisen, sondern auch eine satirische Begabung vermuten lassen: Unter anderem erzählt er im Stakkato, wie US-Präsident George W. Bush sich einen Bart wachsen lässt und zum Islam konvertiert.

Der Lehramtsstudent aus Frankfurt spricht mit seiner derzeit ausschließlich im Internet hörbaren Mischung aus Satire und Missionarseifer zwar nur eine kleine Minderheit an. Doch er hat eine wichtige Botschaft für die besonders frommen jungen MuslimInnen: Ja zur friedlichen Koexistenz der Religionen und Kulturen, nein zur pauschalen Verteufelung des Westens: "An jeden Feigling, der Hass und Terror toleriert. Und sich freut, wenn in der Öffentlichkeit ne Bombe explodiert. Jeder, der so was unterstützt und ausführt. Im Namen des Islam den Frieden attackiert: Ihr betreibt Unrecht und folgt dem Schaitan, euren inneren Schwächen, aber nicht dem Islam. Ihr zieht unsere Religion tief in den Dreck. Hast du die Nase voll, dann schreib lieber nen Rap."

Idol: Yusuf Islam

Das musikalische Idol vieler frommer Muslime ist Yusuf Islam alias Cat Stevens, der 1977 zum Islam konvertierte und danach die Musik für einige Jahre aus religiösen Gründen an den Nagel hängte. Die Annahme, dass der Islam Musik verbiete, ist unter muslimischen Fachleuten allerdings umstritten: "Das haben einige islamische Gelehrte im Lauf der Geschichte immer wieder behauptet. Doch im Koran gibt es kein Verbot der Musik, weder explizit noch implizit", meint Anes Sabitovic, bosnischstämmiger Lehrer für klassische Gitarre und Musikjournalist bei der Islamzeitung in Berlin.

Musik ist im Koran nicht verboten

Deshalb und wohl auch unter dem Eindruck wachsender Intoleranz und Gewalt im Namen des Islam weltweit hat Yusuf Islam schon vor einigen Jahren in Interviews und offenen Briefen an seine Fans eingeräumt, dass der Prophet Muhammad Poesie und erbauliche Musik durchaus befürwortet habe. Yusuf Islams Konzerte und Alben sind jedoch nach wie vor ganz und gar vom Islam geprägt. Die Texte preisen Gott und die Religion. Musikalisch dominiert der "Nasheed": ein mystisch-religiöser Gesang, meist a cappella, allenfalls mit etwas Rhythmus aufgelockert. Yusuf Islam hat auch alte Cat-Stevens-Hits wie "Peace Train" in diesem Stil aufgenommen.

Doch eine wachsende Zahl frommer muslimischer Jugendlicher will mehr: Sie sind begeistert, wenn islamische Unterhaltungsmusiker die religiöse Botschaft in Form von Rap, Hip-Hop oder Soft-Rock präsentieren - wie zum Beispiel von dem Briten Sami Yusuf. "Das sind keine traditionellen Formen", erklärt der Berliner Musiker und Journalist Anes Sabitovic, "das ist typische Pop-Musik. Nur die Texte sind islamisch."

Sami Yusuf: Züchtig, unpolitisch, gewaltfrei

Sami Yusuf, 1980 als Sohn aserischer Einwanderer geboren und in England aufgewachsen, studierte Musik an der renommierten Royal Academy in London. Mittlerweile tourt er mit seinem islamischen Erbauungs-Repertoire rund um die Welt. Seine schnell wachsende Popularität verdankt Sami Yusuf seiner klaren Absage an Gewalt und Terror ebenso wie dem saudischen Fernsehsender "Iqraa". Mit seinen Musikvideos propagiert Sami Yusuf einen neoliberalen Islam, der mit Orient und Okzident kompatibel sein will: züchtig, familienorientiert, unpolitisch, gewaltfrei.

Klare moralische Botschaften statt islamistischer Propaganda, der Aufruf zu konkretem sozialem Tun: Bei vielen Jugendlichen kommt die pragmatische Botschaft gut an. Für die 24-jährige Saloua Muhammad, eine deutsch-marokkanische Studentin der islamischen Theologie aus Spich bei Bonn, ist Sami Yusuf der muslimische Xavier Naidoo. "Der macht eine Musik, die Jugendliche anspricht, mit Themen, die für Jugendliche wichtig sind: Was ist der Sinn des Lebens? Wer ist Allah? Wer ist der Prophet? Wie sieht ein geregeltes Leben aus?"

Frömmigkeit Fehlanzeige

Saloua Muhammad, die mit der von dem ägyptischen Prediger Amr Khaled gegründeten islamischen Jugendorganisation "Lifemakers Deutschland" unter anderem regelmäßig Obdachlose besucht und sich auch sonst sozial engagiert, betrachtet Sami Yusuf als ein Vorbild. Doch ob islamische Unterhaltungsmusik im deutschsprachigen Raum ein breites Publikum finden wird, ist mehr als fraglich. Viele Jugendliche mit muslimischem Hintergrund in Deutschland sagen zwar, dass die Religion ihnen wichtig sei.

Doch die große Mehrheit der Jugendlichen ist nicht praktizierend und schon gar nicht fromm. Wenn sie überhaupt Musik mit Bezug auf den Islam hören, dann eher Gruppen wie Outlandish oder Rapper wie Everlast – junge Musiker, die zwar die muslimische Identität unterstreichen, doch ohne missionarischen Anspruch. So geht es auch Anes Sabitovic: "Ich kann da unterscheiden. Für mich steht doch die Kunst im Vordergrund", erklärt der muslimische Gitarrist und Journalist aus Berlin. Privat höre er am liebsten Klassik und Jazz.

Martina Sabra

© Qantara.de 2006

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Leserkommentare zum Artikel: Zwischen Schlager und Hip-Hop

Dear Martina!

I think it is time to review your article: "Zwischen SchIager and Hip Hop". Maybe the situation you are describing was true for 2006, but now with the success of Maher Zain and his music this may have changed. This is definitively true for South East Asia. Have a look at the article published by Oxford Islamic Studies online by Dr. Sean Foley "Maher Zain, Technology, and Southeast Asia's Place in Modern Islam".
regards
Gabriele

Gabriele Froemming28.01.2012 | 05:00 Uhr