Sorge um die Deutungshoheit

Wie schwierig diese Zusammenarbeit sein kann, zeigte sich besonders deutlich in Münster. Dort leitet Mouhanad Khorchide das Zentrum für Islamische Theologie. Khorchide will den Islam von innen heraus erneuern. Vernunft und Mündigkeit des Gläubigen stellt er dabei in den Mittelpunkt. Die Verbandsfunktionäre fürchteten um ihre Deutungshoheit des Islams in Deutschland. Der in ihren Augen viel zu liberale Professor würde sich außerhalb des Islams bewegen und nicht bekenntnisgebunden lehren. Sie forderten seinen Rücktritt und ließen ein entsprechendes Gutachten erstellen, das seine angeblichen Verfehlungen aufzeigen sollte. Die Universitätsleitung hielt zu Khorchide. Seitdem herrscht eine Art Burgfrieden.

Eine weitere Hürde stellte die Besetzung der Stellen dar. Woher soll das wissenschaftliche Personal so schnell kommen? Die Professoren sollten nicht nur eine qualifizierte theologische Ausbildung besitzen, sondern auch in der Lage sein, auf Deutsch zu lehren. Nicht alle Stellen konnten optimal besetzt werden. Aber die Startschwierigkeiten sind größtenteils überwunden.

In der Zwischenzeit sind viele Lehrstühle besetzt, es hat sich eine Vielfalt entwickelt, die Zentren haben unterschiedliche Schwerpunkte, die einen konzentrieren sich mehr auf die Koranexegese, die anderen mehr auf Islamisches Recht. In Münster etwa ist einer der Forschungsschwerpunkte Islamische Normenlehre und ihre Methodologie, in Frankfurt/Gießen ist ein Schwerpunkt etwa Islamische Religionspädagogik. Allen gemeinsam ist: Sie wollen eine historisch-kritische Lesart des Korans ermöglichen und eine Brücke zur Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland schlagen.

Trennung von Glauben und Wissenschaft

Und wie ist es um die Studierenden bestellt? „Viele von ihnen streben nach Glaubensvertiefung, nicht nach wissenschaftlichem Arbeiten“, sagt etwa Harry Harun Behr, Professor für Religionspädagogik in Frankfurt am Main.

 Auch Mouhanad Khorchide kennt die Herausforderung, den Studierenden klarzumachen, was Theologie an einer säkularen Universität bedeutet. Vielen falle es noch schwer, zwischen Glauben und Wissenschaft zu trennen. „Sie wollen ihren Glauben bestätigt sehen, die Universität ist aber ein Ort, um über den Glauben zu reflektieren.“ Es werde wohl noch ein bis zwei Studentengenerationen dauern, bis das wirklich bei allen angekommen sei.

Das Fach Islamische Theologie steht in Deutschland noch am Anfang. Trotzdem kann sich die Entwicklung sehen lassen. In Deutschland ist eine größere Freiheit des Denkens möglich als in den meisten islamischen Herkunftsländern. Eine Chance, die es zu nutzen gilt.

Das Graduierten-Kolleg, das die Universitäten gemeinsam mit der Mercator-Stiftung ins Leben gerufen haben, ist ein Schritt in diese Richtung. Ziel des Kollegs ist es, den Mangel an in Deutschland ausgebildeten Wissenschaftlern zu beheben.

Es hat bereits fast 20 hervorragend qualifizierte Nachwuchswissenschaftler hervorgebracht. Sie werden die Theologie in Deutschland in Zukunft prägen, Muslime in Wissenschaft, Schule und Öffentlichkeit repräsentieren – Islam made in Germany.

Arnfrid Schenk

© Goethe-Institut 2017

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