Islam und Psychoanalyse

Von Dschinnen besessen

Fethi Benslama erklärt, warum der Islam der Psychoanalyse widerspricht. Das auffälligste Merkmal, den Fundamentalismus, sieht er als Antwort auf die Schuldgefühle der Gläubigen in einer Welt, die sich nicht mehr mit ihrer Religion in Einklang bringen lässt.

Fethi Benslama; Foto: Gabriela M. Keller
Fethi Benslama: "Im Gegensatz zu Christentum und Judentum ist der Islam die einzige große monotheistische Religion, der die Thesen von Freud keine Rechnung tragen."

​​Seit den achtziger Jahren forscht Fethi Benslama, Professor für Psychopathologie an der Universität Paris VII, in einem Schnittfeld, das es eigentlich gar nicht gibt. Islamische Welt und psychoanalytische Theorie, sagt der Tunesier, ignorieren sich bis heute gegenseitig. Um die beiden Bereiche anzunähern, analysiert Benslama die Seele dieser Religion, diagnostiziert ihre Krise und erklärt die Symptome.

Sie arbeiten daran, dem Islam die Psychoanalyse nahe zu bringen. Warum halten Sie das für nötig?

Fethi Benslama: Weil die Ansätze der Psychoanalyse im Orient bis heute weitgehend unbekannt sind. Psychologie ist zum Beispiel das einzige Fach, das an den Universitäten der arabischen Länder so gut wie nicht unterrichtet wird. Die muslimische Welt verweigert sich der Psychoanalyse.

Wie erklären Sie sich diese Verweigerung?

Benslama: Zunächst einmal ist die Psychoanalyse die einzige wissenschaftliche Disziplin, die von einem einzigen Mann erfunden wurde: Sigmund Freud. Freud war Jude, daher nehmen Muslime die Psychoanalyse als Form des Judentums wahr. Und wegen des Israel-Palästina-Konflikts weist die arabische Welt alles Jüdische prinzipiell zurück.

Dabei stellt die Psychoanalyse jede Religion in Frage – sei es Judentum oder Islam.

Benslama: Richtig. Und das ist der zweite Grund für die Ablehnung: Viele Muslime denken, dass die Psychoanalyse den Atheismus propagiert. Die Art, wie psychische Krankheiten im Orient gesehen werden, ist außerdem eine ganz andere als im Westen: Es herrscht die Theorie vor, dass der Kranke von Dschinnen besessen ist. Also bringt man ihn nicht für eine Therapie zum Psychologen, sondern für einen Exorzismus zum Imam.

Das ist die normale Behandlungsform. Psychische Krankheiten werden nicht als medizinisches, sondern als übernatürliches Problem angegangen. Oder aber ein Arzt verschreibt Psychopharmaka, ohne die Wirkung der Medikamente mit einer Therapie zu stützten.

Nun ist die Religion ein grundlegender Faktor in den Werken von Freud. Was hatte Freud zum Islam zu sagen?

Benslama: So gut wie nichts, die Ignoranz beruht auf Gegenseitigkeit. Im Gegensatz zu Christentum und Judentum ist der Islam die einzige große monotheistische Religion, der die Thesen von Freud keine Rechnung tragen. Grundlegend trifft aber auf den Islam zu, was auf jede Religion zutrifft: Freud nennt den Glauben eine Illusion, eine Konstruktion. Diese Konstruktion ist eine Antwort auf das, was Freud die Verzweiflung des verlassenen Kindes nennt. Religion bietet eine Linderung dieser Verzweiflung, indem sie Erlösung aus der Verlorenheit verspricht.

Und worin weicht der Islam von Freuds Thesen ab?

Benslama: Freud sagt, dass Gott nichts anderes ist als die Figur eines idealisierten Vaters, von dem die Gläubigen Schutz und Rettung erwarten. Entsprechend bezeichnen die Juden Gott als Vater, im Christentum hat Gott sogar einen menschlichen Sohn gezeugt.

Der Islam aber verneint jeden Zusammenhang zwischen Gott und einer Vaterfigur, nirgends im Koran wird Gott "Vater" genannt. Der Mensch ist im Islam kein Kind Gottes. Stattdessen sagt der Koran: Gott ist nicht gezeugt und zeugt nicht. Es ist keine Abstammungslinie zwischen Gott und Mensch möglich. Damit widerspricht der Koran den Thesen Freuds.

Was bedeutet das praktisch für die Ausübung dieser Religion?

Benslama: Im Prinzip verlangt der Islam damit etwas, das den psychologischen Bedürfnissen der Menschen zuwiderläuft. Er setzt voraus, dass der Mensch sich von einem infantilen Bedürfnis befreit. Denn jedes Kind, auch jedes muslimische Kind, wird seinen Vater als Gott betrachten.

Der Islam verneint diese kindliche Gottesvorstellung aber rigoros und wird damit zu einer sehr, sehr abstrakten Religion. Gott ist weit von den Menschen entfernt, weil er nicht mit der Idee des Menschlichen in Verbindung gebracht werden kann und darf. Eine göttliche Zeugung, wie etwa bei Jesus, wäre im Islam unvorstellbar.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat diese Ferne Gottes?

Benslama: Ein ferner, abstrakter Gott gibt dem Menschen die Freiheit, auf der Erde zu tun, was er will. In dieser Freiheit steckt auf der einen Seite viel Willkür, sie überträgt dem Menschen aber auf der anderen Seite große Verantwortung. Diese Sichtweise war traditionell im Islam sehr stark ausgeprägt und äußert sich in einer extrem der Welt zugewandte Auslegung der Religion. So gibt es im Islam kein Zölibat und keine Klöster, in das sich Gläubige vor der Welt zurückziehen.

Prägt diese Sichtweise die muslimische Welt auch heute noch?

Benslama: Es gibt noch eine zweite Möglichkeit, wie sich die Ferne Gottes auf das Weltbild auswirken kann. In Europa zum Beispiel gibt es den Ausspruch: "Gott ist tot." Wenn Gott aber, wie im Islam, nicht vermenschlicht wird, kann er auch kein Teil der Geschichte werden und oder gar sterben.

Also ist Gott immer gegenwärtig, der Mensch kann auf der Erde nie allein sein, jede seiner Bewegungen findet unter den Augen Gottes statt. Das ist eher die Vorstellung, die heutzutage in der muslimischen Welt dominiert.

Inwieweit können Gewalt und Fundamentalismus psychoanalytisch erklärt werden?

Benslama: Seit den achtziger Jahren leidet die muslimische Welt an einer Krankheit, die ihre Basis erschüttert hat. Diese Krise beruht auf einem Bruch zwischen Tradition und einer Moderne, die die Menschen als Katastrophe empfinden. Sie kennen keine Mittel, die Veränderungen zu verstehen – die Tradition liefert keine Erklärungen, und Vermittler gibt es nicht, da in den arabischen Staaten demokratische Freiheiten fehlen. Intellektuelle können sich nicht mitteilen, es gibt keinen freien Diskurs, niemand schlägt die Brücke.

Dieser Bruch wird als sehr schmerzhaft erlebt und löst große Ängste aus. Also wenden sich die Muslime wieder stärker der Religion zu, in der Hoffnung, dort Antworten zu finden. Doch die religiöse Wendung verschärft den Konflikt mit der modernen Welt nur noch weiter. Dieses Dilemma verhilft dem Fundamentalismus zu großem Einfluss, als Ausdruck des Wunsches, zu den Ursprüngen zurückzukehren, um der Moderne zu entkommen.

Worin besteht denn der Konflikt der muslimischen Welt mit der Moderne?

Benslama: Die Moderne bringt die Muslime unwillentlich dazu, ständig die Grenzen ihrer Religion zu überschreiten, etwa, wenn sie überall, im Fernsehen oder auf Plakaten, leicht bekleidete Frauen sehen. So entsteht der Eindruck, dass das Leben nicht mehr den Vorgaben der Religion entspricht, die Gläubigen haben das Gefühl, permanent etwas Verbotenes zu tun. Sie leiden unter der Last einer enormen Schuld, die sich ständig steigert.

Stellt der Islam eine Lösung für diese Schuldgefühle bereit?

Benslama: Freud nennt die Religion ein Fundament des gesellschaftlichen Lebens, denn sie hält die Triebe unter Kontrolle und verwaltet die Schuldigkeit des Menschen. Damit kann Religion die Menschen zu vielem antreiben. Eine Möglichkeit, Schuld zu sühnen, kann ein Opfer des Gläubigen sein.

Eine Frau etwa, die sich schuldig fühlt, weil ihr Körper sexuell provoziert, kann sich verschleiern und so ihren Körper als Objekt des Begehrens opfern. Das extremste Beispiel sind die Selbstmordattentäter, die ihr eigenes Leben opfern.

Interview Gabriela M. Keller

© Qantara.de 2006

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