Abdolkarim Soroush; Foto: ISNA
"Soroush argumentiert, es gebe prinzipiell auch außer- oder meta-religiöse Werte und Rechte. Diese würden nicht durch die Religion begründet, widersprächen ihr aber auch nicht.Grundsätzlich könne kein vernünftiges Gebot oder Recht der Religion widersprechen – und schon gar nicht dem schiitischen Islam, der besonders vernunftorientiert sei", schreibt Amirpur

Soroush hinterfragt damit auch die Behauptung Khomeinis, das islamische Recht müsse angewendet werden. Anders als Khomeini ist ihm wichtiger, dass die Seele der Regierung religiös ist. Sein Argument ist: Nicht eine Gesellschaft, in der das islamische Recht angewendet wird, ist religiös, sondern eine Gesellschaft, in der die Menschen sich freiwillig zum Glauben bekennen. Allein durch die Anwendung der Scharia schaffe man keine "religiöse Gesellschaft", sondern nur "eine nach dem islamischen Recht lebende". Wichtiger als die Anwendung des islamischen Gesetzes ist für Soroush aber, dass einer religiösen Handlung auch ein frommer Antrieb zugrunde liegt. Diese Frömmigkeit sei aber nicht erzwingbar.

Heuchelei und Verstellung sind die größeren Sünden, nicht Alkoholgenuss und Glücksspiel. Aber in der Regierung des islamischen Rechts wird der äußerlichen Handlung mehr Bedeutung beigemessen und nicht der Aneignung des Herzens.

Soroushs Ideal ist ein religiöser Staat, in dem der Glaube herrscht, aber nicht als gesetzgeberische oder politische Instanz, sondern als Geist und Gewissen der Gesellschaft. Ihr Ziel ist Frömmigkeit, die aber nur durch Freiheit verwirklicht werden kann. Freiheit ist in Soroushs Utopie vom islamischen Staat eine notwendige, gottgefällige Vorbedingung für frei gewählte Religiosität und damit ein Argument für die Überlegenheit der demokratischen Ordnung. Zwischen Soroushs religiös-demokratischer Regierung und einer normalen demokratischen Regierung gibt es dabei keinen formalen Unterschied. Soroush schreibt:

Tatsächlich muss man nicht erwarten, dass eine religiöse Regierung sich dem Wesen nach von einer nicht-religiösen unterscheidet. Es ist ja auch nicht so, dass auf dieser Welt die vernünftigen Menschen auf zwei Beinen laufen und die religiösen auf dem Kopfe. Was soll schlecht daran sein, wenn die Völker anderer Gesellschaften in der Frage der Regierung dieselben Methoden akzeptiert haben, auf die wir durch unsere Definition der religiösen Regierung gestoßen sind?

Hier wird eine traditionelle Norm in ein modernes Prinzip bzw. eine moderne Norm übersetzt. Als vernacularization hat dies die Ethnologin Sally Engle Merry bezeichnet. Oder als framing. Diese Art der Übersetzung scheint sehr hilfreich und kann nicht als apologetisch zurückgewiesen werden: Das framing der Demokratie als ein islamisches Schlüsselkonzept der Gerechtigkeit mobilisiert die Gesellschaft, dieses soziale und politische Ziel anzustreben. Noch aus einem anderen Grund ist framing notwendig. Nur wenn Ideen wie die Demokratie wirklich angeeignet werden – die Philosophin Seyla Benhabib hat diesen Prozess Iteration genannt –, verliert sich der Verdacht eines westlichen Paternalismus.

Wie sehr sich die Haltung zur Demokratie verändert hat, zeigt sich nicht nur an den Positionen progressiver Denker wie Shabestari und Soroush, die in Iran nouandishan-e eslami, wörtlich "Islamische Neudenker", "Islamic Newthinkers", genannt werden. Es zeigt sich auch an der Reaktion der Nicht-Demokraten. Der gegenwärtige Parlamentspräsident Ali Larijani (geb. 1958) beispielsweise bezieht sich auf das Lincoln’sche Diktum, Demokratie sei die Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk. In dem Sinne, sagt er, sei auch das iranische System, die velayat-e faqih, eine Demokratie, schließlich sei auch die velayat-e faqih "für das Volk", und die anderen beiden Komponenten seien weniger wichtig und vernachlässigenswert, argumentiert er. Genauso argumentiert auch Revolutionsführer Khamenei (geb. 1939).

Demokratie als Maßstab

Entscheidend ist nicht, wie unsinnig diese Aussage ist. Wichtig ist vielmehr: Offenbar ist die Demokratie inzwischen so sehr zur Norm und zum allgemeinen Maßstab geworden, an dem man sich messen zu lassen bereit ist, dass diese beiden es vorziehen, das eigene System eher als Demokratie zu deklarieren als die Demokratie rundum abzulehnen – wie es noch vor einigen Jahrzehnten ausgesprochen selbstbewusst Khomeini getan hatte. Natürlich lässt ihre Demokratiedefinition zu wünschen übrig, aber dennoch bietet es den Demokratietheoretikern Soroush und Shabestari andere Ansatzpunkte, wenn auch die undemokratischen Herrscher beginnen, sich auf das Konzept Demokratie einzulassen.

Bedeutsam aber ist, dass Theoretiker wie Soroush und Shabestari der Demokratie eine argumentative Einbettung, ein inner-islamisches framing gegeben haben. Ob es tatsächlich ihr Verdienst ist, dass die iranische Bevölkerung heute demokratiebereiter scheint denn je (so der Eindruck, wenn man die Ereignisse der letzten Jahre betrachtet), ist eine andere Frage. Aber eine islamische Begründung für die Demokratie zu haben, kann sicher nicht schaden.

Der Text basiert auf der Antrittsvorlesung der Autorin an der Universität Zürich im Mai 2011 und wurde auf Deutsch zuerst in der Zeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2011 publiziert.

Katajun Amirpur ist die erste deutsche Professorin auf einem Lehrstuhl für Islamische Studien und Theologie. Die 42-Jährige lehrt an der Hamburger Akademie der Weltreligionen.

© Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann

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Leserkommentare zum Artikel: Die Geschichte einer Aneignung

Ich fand diese Arbeit ganz hervorragend. Ich habe den Artikel für mich ausgedruckt und hebe ihn auf. Ich habe schon ein Buch von Katajun Amirpur gelesen, das mir sehr gut gefallen hat. Sie zeigt den richtigen Weg auf. Alles Gute weiterhin für sie und ihre Arbeit !!

Renee Schwaller19.08.2016 | 10:44 Uhr