Mohammad Mojtahed Shabestari; Foto: Humboldt Universität Berlin
Shabestari trug einiges zum Wandel des Diskurses über die Demokratie im Iran bei. Für ihn ist maßgebend, dass die Demokratie eine Herrschaftsform ist, die Tyrannei verhindert – und Gerechtigkeit schafft.

Ein weiteres Argument Khomeinis ist die Tatsache, dass Gott ein Gesetz, zum Beispiel das Strafgesetz, offenbart hat. Dieses muss folglich auch angewendet werden. Damit lässt Khomeini allerdings bewusst außer Acht, dass die Durchführung des Strafgesetzes nach Ansicht der meisten zu den Prärogativen des entrückten zwölften Imams zählt, und deshalb gemäß der traditionellen schiitischen Sicht in der Zeit der großen Verborgenheit ausgesetzt ist. Khomeini postuliert mit einer Sicherheit, die keinen Widerspruch zulässt:

Keiner kann sagen, dass es nicht mehr notwendig ist, […] die Steuern, die Kopfsteuer, den Fünft und die Almosensteuer zu zahlen oder einzunehmen, und dass das Strafrecht, das Blutgeld und das Recht auf Vergeltung ausgesetzt werden.

Wichtiger als diese umstrittene Argumentationsführung aber war, dass Khomeini sich perfekt als Besetzung der Rolle anbot, die Shari‛ati beschrieben hatte. Jeder, der Shari'atis Aussagen über die imamitische Führung hörte und las, dachte in den siebziger Jahren an Khomeini – den aufrührerischen Geistlichen, der vom Irak aus gegen den Schah wetterte. Shari‛ati verschaffte Khomeini enorm viele Anhänger, vermutlich mehr als sein eigenes Werk über den islamischen Staat, das kaum jemand kannte und kaum jemand verstand und niemand ernst nahm. Shari‛ati dagegen galt als weltläufig, denn er hatte in Paris im Fach Soziologie promoviert. Er war ein mitreißender Redner, ein Charismatiker, belesen und gut aussehend. Tausende hingen an seinen Lippen, wenn er in den siebziger Jahren im Teheraner Versammlungsort Hosseini-ye ershad sprach.

Dabei favorisierte Shari'ati selbst mitnichten die velayat-e faqih, die Führung durch einen Rechtsgelehrten, wie Khomeini sie beschrieben hatte. Shari‛ati greift die Idee nicht auf; es lässt sich nicht einmal sagen, ob er Kenntnis von der Vorlesung Khomeinis hatte. Zudem schwebte Shari‛ati mit Sicherheit kein Geistlicher als Prototyp des Führers vor, denn er stand der Geistlichkeit sehr kritisch gegenüber. Dessen ungeachtet bleibt: Das Konzept Demokratie ließ sich nicht in den iranischen Kontext übersetzen: weder praktisch noch theoretisch. Erfolgreicher war in den siebziger Jahren im vorrevolutionären Iran die Idee, die in Konkurrenz zur Idee der Demokratie antrat, der Gedanke eines – wenn man so will – Philosophenstaates. Das Ergebnis war 1979 die Etablierung des Systems der sogenannten velayat-e faqih, der Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten.

Iran heute

Iran nennt sich seit der Revolution von 1978/79 "Islamische Republik Iran". Tatsächlich hat das iranische, in der Welt vom Staatsaufbau her einzigartige, System republikanische Elemente, wenn diese auch durchgängig von den theokratischen ausgehebelt werden. Khomeini hatte sich im Vorfeld der Abstimmung über die zukünftige Regierungsform explizit gegen den Begriff "Demokratische Islamische Republik" gewandt; er hatte erklärt, die Nation wolle eine islamische Republik, nicht nur eine Republik, nicht eine demokratische Republik, nicht eine islamische demokratische Republik. Man solle den Begriff "demokratisch" nicht benutzen, denn das sei eine westliche Begrifflichkeit. Dass auch Republik eine westliche Begrifflichkeit ist, wurde von Khomeini dabei geflissentlich übergangen.

Zwar ist Iran, seit Khomeini 1979 seine Ablehnung der Demokratie bekundete, nicht demokratischer geworden, aber der Diskurs über die Demokratie hat sich in den letzten Jahren vollständig gewandelt. Ein Beispiel hierfür ist Mohammad Mojtahed Shabestari (geb. 1936). Shabestari ist heute einer der wichtigsten Denker Irans. Auch er wurde intellektuell durch Shari'ati, Tabatabai und Khomeini sozialisiert, hat sich aber inzwischen von ihren Ansichten emanzipiert. Shabestari hat ein sehr eindeutiges Plädoyer für die Demokratie vorgelegt. Er befürwortet die Demokratie aus mehreren Gründen: So widerspreche sie nicht dem Willen des Schöpfers – was Khomeini bestritten hätte.

Das zentrale Argument Shabestaris ist jedoch, dass die Demokratie verwirkliche, was bereits Imam 'Ali, der erste Imam der Schiiten, in seinem Regierungsauftrag von der idealen Regierung forderte. 'Ali, der Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammad, ernannte in seiner Amtszeit als Kalif Malik al-Ashtar zu seinem Statthalter in Ägypten und gab ihm einen Regierungsauftrag mit auf den Weg. Zwar bezweifelt die westliche Islamwissenschaft die Authentizität dieses Dokuments, doch das ist für die Frage seiner Wirkmächtigkeit unerheblich. Denn dessen ungeachtet nimmt der Regierungsauftrag in der schiitischen Staatsphilosophie eine ganz zentrale Position ein. 'Ali erklärt darin seinem Statthalter, wie dieser herrschen soll, um sich Gottes Wohlgefallen sicher zu sein. Der Regierungsauftrag gilt deshalb als normativ für good governance in der Schia.

Weil der Regierungsauftrag von den meisten Schiiten als normativ angesehen wird, spielt Shabestari mit seinem Argument auf einer wohlbekannten Klaviatur. Der Inhalt des Regierungsauftrags gibt Shabestaris Behauptung durchaus Recht, dass die Herrschaft in erster Linie eines sein muss, nämlich gerecht. Detaillierte oder konkrete inhaltliche Anweisungen wie die von Khomeini behauptete Notwendigkeit, die im Koran erwähnten Strafgesetze auch anzuwenden, finden sich dagegen in diesem Dokument nicht. Auch das betont Shabestari, und es ist tatsächlich insofern bedeutsam, als 'Ali den Schiiten als der wichtigste Koraninterpret überhaupt gilt. Wenn 'Ali, der erste Imam der Schiiten, seinem Statthalter nicht die Anweisung gibt, beispielsweise das ius talionis oder die hadd-Strafen anzuwenden, hat er den Koran offensichtlich nicht so verstanden als müsse dies geschehen. Stattdessen schreibt 'Ali seinem Statthalter:

Oh Malik, sei gerecht gegenüber Gott und dem Volk. Wer immer die Diener Gottes unterdrückt, macht sich Gott zum Feind und ebenso jene, die er unterdrückt. Das Schlimmste, was einem Volke widerfahren kann und was den Zorn Gottes und seine Vergeltung unwiderruflich hervorruft, sind Unterdrückung und Tyrannei über die Geschöpfe Gottes. Davor möge sich der Herrscher hüten, denn der barmherzige Gott hört die Rufe der Unterdrückten.

Empirisch gesehen, so Shabestari, erfülle die Demokratie, die als diejenige Regierungsform zu gelten hat, welche die Unterdrückung und Tyrannei am wirksamsten verhindert, das wesentlichste von Imam 'Ali festgelegte Kriterium für good governance. Für Shabestari ist maßgebend, und damit steht er im Übrigen ganz in der Tradition der konstitutionalistischen Bewegung der Jahre 1906 bis 1911, dass die Demokratie eine Herrschaftsform ist, die Tyrannei verhindert – und Gerechtigkeit schafft.

Ähnlich sieht dies Abdolkarim Soroush (geb. 1945), der wohl bedeutendste Intellektuelle Irans. Anfang der neunziger Jahre wandte sich Soroush, der auf dieselbe Sozialisation zurückblickt wie Shabestari, vom Islamismus ab und begann, die Idee einer sogenannten hokumat-e demukratik-e dini, einer religiös-demokratischen Regierung, zu propagieren. Seiner Meinung nach kann eine Regierung sowohl religiös als auch demokratisch sein, denn religiöse Vorschriften, die der Demokratie widersprächen, könnten einer neuen Interpretation unterzogen werden. Hierfür hat Soroush in zahlreichen seiner Schriften plädiert und sie mit der Theorie von der sogenannten "Theoretischen Verengung und Erweiterung der Scharia" argumentativ untermauert.

Die religiöse Demokratie, die Soroush vorschwebt, unterscheidet sich dabei nicht von einer herkömmlichen westlichen Demokratie, und seine Akzeptanz der Menschenrechte ist keine bedingte, sondern eine absolute. Das ist schon insofern bemerkenswert, als noch Ayatollah Khomeini die Menschenrechte als eine Sammlung korrupter Normen bezeichnete, die von den Zionisten ausgedacht worden seien, um alle wahren Religionen zu zerstören. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde ganz in diesem Sinne von Iran, aber auch von Sudan, Pakistan und Saudi-Arabien wegen der fehlenden Einbeziehung des kulturellen und religiösen Bezugs der nichtwestlichen Länder kritisiert. Es wurden Stimmen laut, denen sie als eine säkulare Interpretation der judäo-christlichen Tradition galt, die von Muslimen nicht ohne Bruch des islamischen Rechts befolgt werden könne. 

Religion als Gewissen der Gesellschaft

Soroush dagegen argumentiert, es gebe prinzipiell auch außer- oder meta-religiöse Werte und Rechte. Diese würden nicht durch die Religion begründet, widersprächen ihr aber auch nicht. Grundsätzlich könne kein vernünftiges Gebot oder Recht der Religion widersprechen – und schon gar nicht dem schiitischen Islam, der besonders vernunftorientiert sei. Um ein Beispiel zu geben, wie Soroush das meint: Während es bei den Sunniten heißt, Lügen ist schlecht, weil die Religion dies sagt, meinen die Schiiten – in der Tradition der Mutaziliten, der großen Rationalisten des Islam –, weil Lügen schlecht ist, sagt dies auch die Religion aus. Aus ebendiesem Grund, befindet Soroush, müssten Schiiten die Menschenrechte akzeptieren, weil sie nämlich schlicht und ergreifend eines sind, vernünftig.

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Leserkommentare zum Artikel: Die Geschichte einer Aneignung

Ich fand diese Arbeit ganz hervorragend. Ich habe den Artikel für mich ausgedruckt und hebe ihn auf. Ich habe schon ein Buch von Katajun Amirpur gelesen, das mir sehr gut gefallen hat. Sie zeigt den richtigen Weg auf. Alles Gute weiterhin für sie und ihre Arbeit !!

Renee Schwaller19.08.2016 | 10:44 Uhr