Jalal al-e Ahmed; Foto: IRDC.ir
Im Jahre 1962 veröffentlichte Al-e Ahmad den Essay Gharbzadegi, Das Vom-Westen-Besessensein bzw. wörtlich Das Vom-Westen-Geschlagensein. Dieser Essay stellte für über zwei Jahrzehnte das Vokabular iranischer Sozialkritik bereit und formulierte die Essenz der anti-westlichen Disposition des Diskurses.

Das galt vor allem für Jalal Al-e Ahmad (1923-1969), der einige dieser Autoren ins Persische übersetzte. Im Jahre 1962 veröffentlichte Al-e Ahmad den Essay Gharbzadegi, Das Vom-Westen-Besessensein bzw. wörtlich Das Vom-Westen-Geschlagensein. Hier schrieb er:

Ich sage gharbzadegi, das Vom-Westen-Befallensein, wie von der Cholera befallen sein (vaba zadegi). Oder wenn das nicht gefällt, wie ein Sonnenstich (garma zadegi) oder wie eine Frostbeule (sarma zadegi). Oder nein. Es ist mindestens so wie Wanzenbefall (senzadegi). Habt ihr gesehen, wie sie Weizen verderben? Von innen. Mit heiler Hülle steht der Weizen, aber er ist nur Hülle. Wie die Hülle, die vom Schmetterling am Baum bleibt. Jedenfalls ist die Rede von einer Krankheit.

Wenn es einen einzigen wirklich einflussreichen Text in der modernen iranischen Geschichte gegeben hat, dann sei es dieser, heißt es gemeinhin in der iranistischen Forschung. Gharbzadegi gilt als das "heilige Buch" mehrerer Generationen. Dieser Essay stellte für über zwei Jahrzehnte das Vokabular iranischer Sozialkritik bereit und formulierte die Essenz der anti-westlichen Disposition des Diskurses. Al-e Ahmads Thesen waren für alle Intellektuellen prägend, und vermutlich gab es am Vorabend der Revolution niemanden, der an Al-e Ahmads Analyse der iranischen Gesellschaft gezweifelt hätte.

Al-e Ahmad behauptete, dass die Krankheit Irans in der gedankenlosen Übernahme westlicher Verhaltensweisen und Ideen bestehe. Zwar griff er damit die Demokratie nicht direkt an, aber er entdeckte den Islam als einzig authentische Komponente iranischer Kultur wieder. Al-e Ahmad erläuterte einem erstaunten, säkularen Publikum die potentielle Macht und Kraft der Religion und erklärte die Geistlichkeit zum bedeutendsten Teil der authentischen Identität: Die Geistlichen seien die einzigen, die sich dem negativen Einfluss des Westens entzögen, und es sei der Islam gewesen, der verhindert habe, dass der Westen Iran christianisierte, kolonialisierte und ausbeutete. Al-e Ahmad machte als der wichtigste säkulare Intellektuelle der Sechziger den Islam zum Thema – und er bereitete damit dem größten und wirkungsmächtigsten Demokratiekritiker der Siebziger den Weg.

Fortschritt durch Revolution

Ali Shari'ati (1933-1977) beeinflusste die Generation, die später eine Revolution machen sollte, um den westlichen Einfluss abzuschütteln, in kaum zu überschätzender Weise. Einer seiner einflussreichsten Texte und der erwähnte Aufsatz von Tabatabai haben zusammen mit der berühmt gewordenen Vorlesung Ayatollah Khomeinis über die islamische Regierung exakt dieselbe Stoßrichtung: Sie alle kritisieren den Westen im Allgemeinen, sind deshalb gegen die Demokratie und stattdessen für eine islamische Regierung. Außer Acht sei hier gelassen, wie naiv und unkritisch die drei Autoren die von ihnen als islamisch bezeichnete Regierung sehen oder wie fehlerhaft ihre Definition der westlichen Demokratie ist. Es geht darum festzuhalten, dass der Westen und mit ihm der Demokratiegedanke von diesen drei Denkern so heftig attackiert und der weise Führer dagegen so hoch gelobt wurde, dass die Hinwendung einer ganzen Generation von Studenten zum Islamismus quasi unausweichlich war. Sie alle waren durch diese Denker intellektuell sozialisiert worden, und als Ali Shari'ati schrieb, der Westen behaupte zwar, die Demokratie sei diejenige Staatsform, welche die Menschenrechte am meisten achte, doch er wolle die Menschenrechte nur für sich selber, folgten ihm Hunderttausende. Shari‛ati schrieb:

Wir verdanken den Kolonialismus, der Massenmord an Völkern, Vernichtung der Kulturen, Reichtümer, Geschichten und Zivilisationen der nicht-europäischen Menschen mit sich brachte, den Regierungen, die demokratisch gewählt wurden, Regierungen, die an Liberalismus glaubten. Diese Verbrechen wurden nicht von Priestern, Inquisitoren und Cäsaren begangen, sondern im Namen der Demokratie und des westlichen Liberalismus.

Doch nicht nur das Verhalten der Demokraten spricht für Shari'ati gegen die Demokratie. Eine weitere Frage, die er stellte, war, ob die Demokratie an jedem Ort, in jeder Gesellschaft und zu jeder Zeit im Interesse der zurückgebliebenen Massen ist. Shari‛atis Einwände richteten sich vor allem gegen die Demokratie als Regierungsform für Iran. Man könne mit ihr nicht das erreichen, was er für das Wichtigste hält: Fortschritt. Shari'ati wollte revolutionäre Veränderung, hielt es aber für undenkbar, dass die iranische Bevölkerung die Regierung wählt, die diese herbeiführt, nämlich eine, wie Shari‛ati schrieb, imamitische Führung. Sogar deren totalitäre Politik hält Shari'ati für vertretbar, weil sie sonst gegen die Wagenburg der beharrenden Kräfte keine Chance hätte.

Der nächste Denker, der dazu beitrug, dass sich nach der Revolution von 1978/79 eine Ein-Mann-Führung gegenüber der Demokratie durchsetzte, war natürlich Ayatollah Khomeini (1902-1989). Khomeinis Kritik an der Schah-Regierung betraf in den sechziger Jahren zunächst die zunehmende staatliche Kontrolle vor allem in der Rechtsprechung, die Säkularisierung insgesamt und die damit einhergehende Schwächung der islamischen Institutionen, die staatliche Repression und den Einfluss der USA auf die Politik.

Wegen dieser Kritik ins Exil nach Najaf geschickt, hielt Khomeini im Winter 1971 eine Vorlesungsreihe, die niedergeschrieben und unter dem Titel Hokumat-e eslami, "Die islamische Regierung", veröffentlicht wurde. Sie enthält Khomeinis Grundgedanken über die Weisungen des Islam, zum islamischen Staat, zur Notwendigkeit, einen solchen Staat zu schaffen, und zu seiner Zielsetzung. In weiten Teilen liest sich die Vorlesung allerdings wie eine anti-imperialistische Kampfschrift: Die einzig wahre iranische Identität sei die islamische, deshalb könne nur die Rückbesinnung auf den Islam das Land vor dem Untergang retten. Deshalb attackiert Khomeini die Geistlichen, die sich von der Politik fernhalten. Laut Khomeini werde heute in den theologischen Hochschulen ein falscher, weil unpolitischer Islam unterrichtet. Die Geistlichen hätten eine kolonialistische Haltung angenommen und würden inzwischen selber glauben, was die Ausbeuter, Unterdrücker und Kolonialisten ihnen weismachen wollten: Dass man Islam und Staat und Politik trennen sollte. Dagegen behauptet Khomeini, es sei seit Jahrhunderten unter den Geistlichen Konsens, dass die Geistlichen die Aufgaben des Propheten und der Imame zu übernehmen hätten. Dies begründet er folgendermaßen:

Erstens: Es ist historisch belegt, dass der Prophet einen Staat begründet hat. […] Zweitens: Er hat auf Befehl Gottes für die Zeit nach seinem Ableben einen Herrscher bestimmt. Wenn Gott, der Erhabene, für die Gesellschaft nach dem Propheten einen Herrscher bestimmt, bedeutet das, dass der Staat auch nach dem Ableben des Propheten notwendig ist. Und da der Prophet die Anweisung Gottes testamentarisch mitteilt, erklärt er damit die Notwendigkeit der Gründung eines Staates.

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Leserkommentare zum Artikel: Die Geschichte einer Aneignung

Ich fand diese Arbeit ganz hervorragend. Ich habe den Artikel für mich ausgedruckt und hebe ihn auf. Ich habe schon ein Buch von Katajun Amirpur gelesen, das mir sehr gut gefallen hat. Sie zeigt den richtigen Weg auf. Alles Gute weiterhin für sie und ihre Arbeit !!

Renee Schwaller19.08.2016 | 10:44 Uhr