Islam und Demokratie im Iran

Die Geschichte einer Aneignung

Über Demokratie ist in den vergangenen Jahrzehnten in der islamischen Welt viel geschrieben worden. Wie hat sich der Demokratie- und Menschenrechtsdiskurs in Iran im Laufe der Zeit gewandelt? Von Katajun Amirpur

„Kann der Islam Demokratie?“ So titelten deutsche Medien auf dem Höhepunkt der Ereignisse in Ägypten im Januar / Februar 2011 ein ums andere Mal. Das Überspringen der Forderung nach Demokratie und Freiheit auf die anderen Staaten der arabischen Welt erweckt allerdings den Eindruck, dort bestünde wenig Zweifel, dass "der Islam Demokratie kann" – um diese zweifelhafte Formulierung noch einmal zu bemühen.

Über das Thema „Demokratie“ ist in den vergangen Jahrzehnten in der islamischen Welt viel nachgedacht und viel geschrieben worden. Und die Ansichten haben sich im Laufe der Jahrzehnte sehr gewandelt.

Im Folgenden soll der Demokratie- und Menschenrechtsdiskurs in Iran untersucht werden – und zwar sowohl aus einer historischen als auch einer aktuellen Perspektive. Es soll beschrieben werden, wie die Demokratie in den sechziger und siebziger Jahren von einigen namhaften Intellektuellen jener Zeit gesehen wurde – negativ nämlich. Und es soll dargelegt werden, wie es dann mit dem Beginn der neunziger Jahre in den Texten einiger herausragender Denker zu einer Hinwendung zur Demokratie kam.

Diese Hinwendung war ein Resultat des real existierenden Islamismus, der abschreckend gewirkt hatte. Der demokratische Post-Islamismus jedoch, wie er hier genannt werden soll, bedurfte einer argumentativen Einbettung. Es musste in einem Staat, in dem Demokratie und Menschenrechte als unislamisch galten – so Ayatollah Khomeinis Diktum –, eine Begründung gegeben werden, warum sie doch islamisch sind oder dem Islam wenigstens nicht widersprechen.

Demokratie und Gewalt

Für den Diskurs der sechziger und siebziger Jahre war ein markantes Ereignis ausschlaggebend. Dieses Ereignis bedingte, wie über den gedacht wurde, der für die Demokratie zu stehen behauptete, den Westen. Die Rede ist vom Sturz des iranischen Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh: Der US-Geheimdienst stürzte Mossadegh, weil dieser die iranischen Erdölvorkommen verstaatlicht hatte, und brachte den bereits geflohenen Diktator Mohammad Reza Pahlavi wieder zurück auf den Pfauenthron. Von diesem Zeitpunkt an baute Mohammad Reza Pahlavi seine diktatorische Herrschaft mit amerikanischer Hilfe aus. Seither galt der demokratische Westen in den Augen vieler iranischer Intellektueller als diskreditiert.

Unter dem Eindruck dieses Ereignisses schrieb Mohammad Hosein Tabatabai (1903-1981), genannt Allame, der Hochgelehrte, über die Demokratie. Als der Hochgelehrte gilt er in Iran, weil er der Verfasser des wichtigsten schiitischen Korankommentars des 20. Jahrhunderts ist, des Tafsir al-mizan. Außerdem war Tabatabai Philosoph und vertrat damit eine Disziplin, die vom klerikalen Establishment zwar nur wenig geschätzt wurde, unter jungen Geistlichen jedoch um so mehr.

Tabatabai trat im Jahre 1961 mit einem Text an die Öffentlichkeit, in dem es um die politische Herrschaft der Geistlichen geht. Bis dato hatte gegolten, dass bis zur Rückkehr des zwölften Imams jedwede politische Herrschaft illegitim ist. Deshalb dürften die Geistlichen nicht herrschen, sondern müssten sich in geduldigem Warten üben. Eine säkulare Herrschaft sei anzuerkennen, hatte Hosein Boroujerdi, die wohl wichtigste religiöse Autorität jener Zeit, in den fünfziger Jahren dekretiert. Von der Monarchie versprach sich Boroujerdi mehr Kontinuität und Achtung der islamischen Gesetze als von einem republikanischen System, und er hatte jedwede anderslautende Meinung verboten. Die meisten Geistlichen, auch Ayatollah Khomeini, waren ihm in dieser Haltung widerspruchslos gefolgt, doch nun war sein Tod im Jahre 1961 neuerlicher Auslöser für die Frage geworden, wer in einem schiitischen Staat der legitime Herrscher sei.

Was Tabatabai als Antwort auf die Frage nach der legitimen Herrschaft formuliert, muss vor dem Hintergrund einer Monarchie gesehen werden, die sich konstitutionalistisch nennt und demokratisch zu sein behauptet: Es gibt in ihr einen Ministerpräsidenten, Wahlen und ein Parlament. Tabatabai scheint anzunehmen oder behauptet zumindest, dass dieser Staat dem entspreche, was im Westen Demokratie genannt wird. Das dürfte an der Unterstützung liegen, die der Schah durch den Westen erfährt. Weil also das iranische System eine Demokratie zu sein behauptet und dennoch tyrannisch ist, wendet sich Tabatabai von der Demokratie insgesamt ab. Tabatabai schreibt:

Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass wir die Herrschaft und die Vorschriften der Demokratie angenommen und in der Reihe der fortschrittlichen westlichen Länder Platz genommen haben. Doch wir sehen, wie sich unser Zustand Tag für Tag verschlechtert und schlimmer wird. Und von diesem Baum, der für die anderen voller Segen und voller Früchte ist, pflücken wir nur die Früchte des Unglücks und der Schande.

Zwar fordert Tabatabai statt der Demokratie nicht direkt die politische Führung durch die Rechtsgelehrten und erklärt nur, dass er die Demokratie als Regierungsform für diskreditiert halte. Aber er sagt andererseits deutlich, dass das Volk eine Art Oheim brauche, der sich kümmere wie ein Vormund um die Waisen. Der Vormund muss ein Rechtsgelehrter sein, weil nur ein solcher gerecht ist. Ihm kommt eine Führungsbefugnis, velayat, über das Volk zu, denn dies sei ein Gesetz des Islam.

Die Rezeption der westlichen Kulturkritik

Die grundsätzliche Frage, ob man dem Westen und damit seinem Regierungssystem nacheifern sollte oder sich auf eigenes besinnen, war in den sechziger Jahren nicht auf die Geistlichkeit beschränkt. Auch für die säkularen Intellektuellen war das wichtigste Thema die Auseinandersetzung mit dem Westen, mit seinen Ideen, seiner Kultur und ihren Auswirkungen auf Iran. Die säkularen Intellektuellen jener Jahre waren zugleich vom Westen inspiriert, standen ihm aber auch kritisch gegenüber. Nach Hiroshima und Vietnam, Algerien, dem Kalten Krieg und dem sowjetischen Expansionismus hatten Liberalismus und Sozialismus als Ideen ihre Anziehungskraft verloren, und viele iranische Denker stimmten in die Kritik ein, die im Westen Intellektuelle wie Albert Camus, Erich Fromm, Herbert Marcuse und Jean-Paul Sartre formulierten.

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Leserkommentare zum Artikel: Die Geschichte einer Aneignung

Ich fand diese Arbeit ganz hervorragend. Ich habe den Artikel für mich ausgedruckt und hebe ihn auf. Ich habe schon ein Buch von Katajun Amirpur gelesen, das mir sehr gut gefallen hat. Sie zeigt den richtigen Weg auf. Alles Gute weiterhin für sie und ihre Arbeit !!

Renee Schwaller19.08.2016 | 10:44 Uhr