Islam und Aufklärung

Vorsicht vor dem Mythos

Wer in Europa fordert, der Islam müsse endlich eine Phase der Aufklärung durchlaufen, sollte zuerst einmal damit anfangen, unseren eigenen Aufklärungsbegriff kritisch zu reflektieren. Drei Überlegungen. Von Ulrich Rudolph

Die aktuelle Debatte über den Islam bringt immer wieder die Forderung hervor, die Muslime sollten (endlich) eine Phase der Aufklärung durchlaufen. Damit verbinden sich in der Regel zwei komplementäre Annahmen: eine diagnostische, die besagt, zahlreiche Probleme der islamischen Welt seien darauf zurückzuführen, dass in ihr bislang keine Aufklärung stattgefunden habe; und eine therapeutische, derzufolge das "Nachholen" der Aufklärung diese Probleme über kurz oder lang einer Lösung zuführen werde.

Beide Annahmen sind plakativ, denn sie ruhen auf einer eindimensionalen, ganz auf das europäische Epochenmodell (Mittelalter, Renaissance, Reformation, Glaubenskriege, Aufklärung etc.) fokussierten Konstruktion von Geschichte. Trotzdem wird man die Forderung als solche nicht einfach zurückweisen können.

Der Anspruch, der sich mit dem Begriff der "Aufklärung" verbindet, ist nämlich ein kategorischer. Er gründet streng genommen nicht in historischen Erwägungen, sondern gilt grundsätzlich für alle Menschen. Hinzu kommt, dass viele Muslime der Gegenwart genau dieses Anliegen teilen, weil sie sich davon eine Befreiung aus verkrusteten Denkstrukturen erhoffen, die einseitig auf die Verklärung einer idealisierten Vergangenheit setzen und damit eher einem mythischen als einem vernunftorientierten Diskurs verpflichtet sind.

Das Streben nach Emanzipation und Mündigkeit darf nicht nur mit dem Westen identifiziert werden

Man sollte bei der aktuellen Diskussion allerdings darauf achten, dass die Aufklärung nicht selbst zum Mythos wird. Genau das geschieht nämlich, wenn man sie absolut setzt und wie ein magisches Passepartout beschwört, das quasi automatisch das Tor zum intellektuellen und gesellschaftlichen Fortschritt garantieren soll. Auch Aufklärung unterliegt Voraussetzungen und Einschränkungen. Diese müssen aber offengelegt werden, wenn die Debatte darüber ihren eigenen kritischen Ansprüchen genügen und nicht zur bloßen Schulmeisterei verkommen will.

In diesem Sinne erscheint es unerlässlich, die Bedingungen der Anwendung des Aufklärungsbegriffs auf die islamische Welt genauer zu reflektieren, wozu die folgenden drei Überlegungen beitragen sollen.

Ein erstes Problem der aktuellen Debatte besteht darin, dass "Aufklärung", also das menschliche Streben nach Emanzipation und Mündigkeit, ausschließlich mit dem europäischen 18. Jahrhundert identifiziert wird. Wie wir inzwischen wissen, gab es aber allein in Europa verschiedene Phasen und Initiativen von Aufklärung.

Holzschnitt "Arabische Astrologen mit Messgeräten, Venedig 1513; Foto: picture-alliance
Blütezeit des Islams: Unter der Herrschaft der Abbasiden-Dynastie (749-1258) erfuhren Geistes- und Naturwissenschaften einen gewaltigen Aufschwung. Insbesondere die Hauptstadt des Abbasidenreichs, Bagdad, entwickelte sich zu einer Drehscheibe für Forschung und Bildung.

Dazu gehörten die Renaissance, möglicherweise das 13. Jahrhundert (wenn man einer These von Kurt Flasch folgt), die griechische Sophistik und vor allem die Philosophie Platons und Aristoteles', die auf nichts anderes als die vernünftige Selbständigkeit des Menschen zielte und deswegen unter anderen von Jürgen Mittelstraß als Aufklärung bezeichnet worden ist.

Hinzu kommen ähnliche Tendenzen in anderen Kulturkreisen und gewiss in der islamischen Welt. Dort lassen sich - je nach Verständnis des Aufklärungsbegriffs - verschiedene Denker als Aufklärer bezeichnen: Philosophen wie Abu Nasr al-Farabi, Avicenna und Averroes wegen ihres Eintretens für die Selbständigkeit der Vernunft, Abu Hamid al-Ghazali wegen seiner Vernunftkritik, Abu Bakr ar-Razi wegen seines Plädoyers für eine vernunftgemäße Religion, aber auch einige politische Denker der osmanischen Zeit wie Hasan Kafi al-Aqhisari wegen ihrer Herrschaftskritik. Es gibt folglich islamische Autoren, die das menschliche Streben nach Emanzipation und Mündigkeit klar artikuliert haben und die neu zu entdecken sowohl für Muslime als auch für Nicht-Muslime lohnend wäre.

Niemand würde heute noch sagen, dass die Aufklärung in Europa nur positive Konsequenzen hatte

Gleichwohl gilt, und das ist ein zweiter wichtiger Punkt für die Debatte: Multiple Phänomene von Aufklärung anzuerkennen heißt keineswegs, die Bedeutung der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts zu mindern. Im Gegenteil: Gerade wenn Aufklärung als ein universales Konzept verstanden wird, ist es auch möglich, jeder einzelnen Erscheinungsform davon allgemeine Gültigkeit zuzusprechen und Muslime von heute aufzufordern, sich intellektuell damit auseinanderzusetzen.

Das mag manchen Muslimen der Gegenwart als Zumutung erscheinen, entspricht aber einer Haltung, die lange Zeit in der islamischen Welt gepflegt wurde. Den Hintergrund dazu bot eine andere gesellschaftliche Herausforderung, nämlich die Frage, wie die Muslime der Frühzeit mit dem intellektuellen Erbe der Antike umgehen sollten. Die Antwort darauf war damals selbstbewusst.

So formulierte Abu Yusuf al-Kindi bereits im 9. Jahrhundert: "Wir dürfen uns nicht schämen, die Wahrheit anzuerkennen und zu übernehmen, woher sie auch kommen mag, und sei es von fernen Geschlechtern und anderen Völkern." In diesem Sinne agierte man auch, indem viele Texte griechischer Philosophen, insbesondere von Aristoteles, ins Arabische übersetzt wurden.

Interessant ist dabei die Haltung, mit der man dem "fremden" Wissen begegnete. Es galt nicht als "Kulturgut", das einer bestimmten Nation oder Religion zugeordnet werden könnte, sondern als universales Erbe der Menschheit. Deswegen konnte Sa'id al-Andalusi im 11. Jahrhundert eine Genealogie der Völker aufstellen, denen er wichtige Beiträge zur Entwicklung der wissenschaftlichen Studien zusprach.

Wissen, Vernunft und Mündigkeit im universalen Maßstab

Dazu zählten Inder, Perser, Mesopotamier, Griechen, Römer, Ägypter, Araber und die Bewohner Spaniens, deren besondere Klugheit ihm zufolge darin bestand, dass dort Muslime, Juden und Christen zusammenarbeiteten. Das aber heißt: Sa'id al-Andalusi anerkannte, dass der Geltungsbereich von Wissen, Vernunft und Mündigkeit universal ist und keinem Volk exklusiv zugesprochen werden sollte.

Drittens: Dass Plädoyers für Aufklärung auf Misstrauen stoßen können, hat auch damit zu tun, wie sie vorgetragen werden. Das führt uns zurück zu einem Punkt, der bereits eingangs angedeutet wurde: Die Forderungen, die in der aktuellen Debatte an die Muslime herangetragen werden, ruhen oftmals auf einem mythischen Bild von Aufklärung. Das ist insofern erstaunlich, als die Aufklärung, wenn es um Europa selbst geht, schon lange nicht mehr glorifiziert wird.

Niemand würde heute noch behaupten, dass sie in Europa nur segensreiche Konsequenzen hatte, weil nicht nur die europäische Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte, sondern auch die theoretischen Einwände, die seit Max Horkheimers und Theodor W. Adornos "Dialektik der Aufklärung" immer wieder formuliert worden sind, gegen eine Verklärung dieser Epoche sprechen.

Junge beim Studium des Korans in Tripoli; Foto: MAHMUD TURKIA/AFP/Getty Images
"Die intellektuellen Traditionen der islamischen Welt sind in Europa im Zuge der Aufklärung markant abgewertet worden. Diese Abwertung wirkt noch heute nach, wenn manche Europäer von den Muslimen ultimativ eine Orientierung an 'unserer Aufklärung' einfordern oder, noch selbstherrlicher, behaupten, dass 'der Islam' gar nicht zur Aufklärung fähig sei", schreibt Rudolph.

Wie steht es nun aber mit dem Blick über Europa hinaus? Wie sahen die Aufklärer andere Gesellschaften und Kulturen? Und welche Folgen ergaben sich daraus für die Betroffenen? Hier zeigen sich ebenfalls Risse im Bild mancher prominenter Denker, die klarer artikuliert und offengelegt werden sollten.

Die frühen Aufklärer hatten mit außereuropäischen Traditionen in der Regel keine Schwierigkeiten. Sie schätzten einen arabischen Philosophen wie Abu Bakr Ibn Tufail und studierten Werke aus verschiedenen Kulturkreisen.

So konnte etwa Gottfried Wilhelm Leibniz zu Beginn des 18. Jahrhunderts schreiben: "Wenn die Lateiner, die Griechen, die Hebräer und die Araber einmal erschöpft sein werden, so werden die Chinesen ... an die Reihe kommen und der Wissbegierde unserer Kritiker Stoff geben. Ohne hier von manchen alten Büchern der Perser, der Armenier, der Kopten und Brahmanen zu reden, die man mit der Zeit aus der Verborgenheit ziehen wird, um keine Aufklärung zu vernachlässigen..."

Dass "der Islam" nicht zur Aufklärung fähig sei, ist eine selbstherrliche Behauptung

Später wurde die Anerkennung anderer philosophischer Traditionen dagegen zum Problem. Immanuel Kant konzentrierte sich ganz auf die eigene Philosophie, die für ihn nicht nur das Ziel, sondern auch das Maß jeder Vernunfterkenntnis darstellte. Das führte bei seinen Nachfolgern dazu, dass die Philosophiegeschichte insgesamt eine teleologische Tendenz erhielt, was unter anderem bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel unübersehbar wird.

Für ihn existiert lediglich eine einzige Philosophie, deren Geschichte der Selbstoffenbarung der Vernunft gleichkommt und letztlich auf sein eigenes philosophisches System zuläuft. Ihr gegenüber können andere Denkentwürfe "nur ein Vorläufiges" sein, wie Hegel schreibt, insbesondere die "orientalische Philosophie" (mit der er die chinesische und die indische Philosophie meinte). Aber auch "die Araber", die zwar das griechische Denken an die lateinische Scholastik vermittelt hätten, aber ansonsten "nichts Eigentümliches" aufweisen könnten.

Solche Urteile haben die europäische Forschung bis ins 20. Jahrhundert begleitet. Sie betrafen im Übrigen nicht nur die Studien zur Philosophiegeschichte, sondern markieren eine grundsätzliche Haltung, die sich mit dem Fortschreiten der Aufklärung erst in voller Schärfe herausgebildet hat. Je selbstgewisser die Aufklärer ihre eigenen Begriffe formulieren konnten, desto kritischer äußerten sie sich über die Denkentwürfe anderer.

Oder, um es in Abwandlung eines Diktums aus der "Dialektik der Aufklärung" auszudrücken: Der vollends aufgeklärte Europäer erstrahlte im Zeichen seines triumphalen Urteils, das all jene traf, die seinen eigenen Einsichten, wie er meinte, nicht standhalten konnten.

Auch das muss man bedenken, wenn man mit Muslimen eine Debatte über Aufklärung führen möchte. Die intellektuellen Traditionen der islamischen Welt sind in Europa im Zuge der Aufklärung markant abgewertet worden. Diese Abwertung wirkt noch heute nach, wenn manche Europäer von den Muslimen ultimativ eine Orientierung an "unserer Aufklärung" einfordern oder, noch selbstherrlicher, behaupten, dass "der Islam" gar nicht zur Aufklärung fähig sei.

Ulrich Rudolph

© Süddeutsche Zeitung 2016

Der Autor lehrt Islamwissenschaft an der Universität Zürich.

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Leserkommentare zum Artikel: Vorsicht vor dem Mythos

Bei uns ist weithin unbestritten, daß die islamische Welt dem Westen einmal intellektuell und kulturell weit überlegen war. Ebenso wenig bestritten wird, daß sich dieses Verhältnis mit der Zeit völlig umgekehrt hat.

Umso erstaunlicher ist unter diesen Umständen, daß in der derzeitigen Überlegenheit des Westens selten mehr gesehen wird als eine Momentaufnahme, die vielleicht schon längst an Farbkraft und Schärfe verloren hat. Die Überzeugung, daß die Entwicklung von Zivilisationen nicht linear verläuft, sondern eher den Gesetzen des schiefen Wurfs gehorcht, wird doch eigentlich schon seit Jahrhunderten kultiviert. Und wer in Ibn Chaldun bloß einen Muslim und somit einen schlechten Gewährsmann sieht, kann Ähnliches auch bei Arnold Toynbee und anderen nachlesen.

Stattdessen immer wieder diese Furcht vor dem Parallel- oder gar Gegenentwurf, die in der Forderung nach einer Aufklärung zum Ausdruck kommt. Wahlweise auch nach einer Reformation, jener Zwillingsschwester der Aufklärung, welcher der Islam angeblich ebenso dringend bedarf. Wobei die Muslime es einem ohnehin nicht recht machen können: Lehnen sie die Forderung ab, sind sie reformunfähig. Geben sie sich die Blöße und gehen auf sie ein, dann erweist sich darin ihre Unterlegenheit. Nur Selbstgenügsamkeit erscheint als Stärke.

Dieses Problem mit der Eigenwahrnehmung zeigt sich auch in einem Bereich, der auf den ersten Blick wenig mit Philosophie und Aufklärung zu tun hat:

Wir halten uns für das Volk der Dichter und Denker. Was praktisch heißt: Verwalter eines überkommenen Kulturerbes, dem zunehmend die Relevanz für den modernen Bildungskanon abgesprochen wird. Als philosophisch oder politisch bedeutsam werden Lessing oder Schiller (mit denen meine Tochter, mittlerweile 10. Jahrgangsstufe/G12, bisher nicht behelligt wurde) jedenfalls kaum wahrgenommen. Eher zufällig scheinen sie zeitlich mit der Aufklärung zusammenzufallen. Und was davor kam, können wir ohnehin nicht mehr lesen, sofern wir uns nicht auf die Eigenheiten des Frühneuhochdeutschen oder gar des Mittelhochdeutschen verstehen.

Im Iran z.B. wird dagegen 1000 Jahre alte Lyrik heute noch gelesen und verstanden. Und klar ist auch, daß die Gewächse in Saadis Rosengarten nicht nur betörend duften, sondern gelegentlich auch stechen: "Ein ungerechter Herrscher stellte einst einem Eremiten die Frage: 'Welche Art, Gott zu verehren, hältst du für die beste?' 'Für dich', antwortete der Fromme, 'ist das der Mittagsschlaf. Denn dann können deine geplagten Untertanen ein Stündchen oder zwei aufatmen und sich von dir erholen.'"

Ich weiß nicht, ob sich hier die Wunschträume der Unterdrückten artikulieren oder ob von der Respektlosigkeit gegenüber den Herrschenden, die in solchen Texten immer wieder thematisiert wird, auch intellektuelle und politische Sprengkraft ausging und -geht. Aber der Boden dafür bleibt bereitet.

Auch von der Religion ist die Dichtung kaum zu trennen. Die spätmittelalterliche Mystik in Europa fand in jedem Menschen eine Synapse zum Göttlichen. Damit drohte die Emanzipation des Individuums an den für die Heilsvermittlung zuständigen kirchlichen Institutionen vorbei. Folgerichtig kamen Mystiker wie Meister Eckhart oder Theologen wie John Wycliffe in den Ruch der Häresie.

Schon 300 Jahre früher hatte z.B. Nasir Chusrau Ähnliches gedacht und gedichtet. Daß bei ihm das Bindeglied zum Göttlichen kein Seelengrund war, sondern ein Rubin - geschenkt! Jedenfalls wird er heute sicher mehr gelesen als Eckhart, und mystische Spiritualität mit ihrem emanzipatorischen (leider meist nur:) Potential ist in vielen Teilen der islamischen Welt seit jeher viel präsenter als bei uns, wo sie erst in letzter Zeit wiederentdeckt wird und weitgehend Sache des Individuums ist.

Die Liste der Gemeinsamkeiten ließe sich zwar fortsetzen, aber eigentlich finde ich das eher langweilig, weil es dazu verführt, andere nur insofern zu respektieren, wie sie einem selbst ähneln. Immerhin aber können Gemeinsamkeiten auch dazu dienen, aus der klaustrophobischen Enge herauszutreten und sich selbst weniger einzigartig vorzukommen. Besser als gar nichts.

Matthias Quasch...02.12.2016 | 10:15 Uhr