Islam in Deutschland

Mit zweierlei Maß

In Deutschland wird erwartet, dass sich die Religionen an staatlichen Standards ausrichten, und diese Standards orientieren sich wiederum an den Strukturen der christlichen Religion. Dies führt dazu, dass Nichtchristen, insbesondere Muslime, das Verhältnis des Staates zu religiösen Gruppen nicht mehr für legitim halten. Von Alexander Görlach

Religion ist in Deutschland keine Privatangelegenheit. Auf allen Regierungsebenen werden Religionsgemeinschaften als öffentliche Einrichtungen anerkannt und die Menschen ermutigt, ihnen beizutreten. Die Deutschen lassen sich als Katholiken, Protestanten oder Juden staatlich registrieren und zahlen eine "Kirchensteuer", die an die jeweilige Einrichtung weitergeleitet wird. Außerdem haben religiöse Gruppen die Möglichkeit, an öffentlichen Schulen Religionsunterricht zu erteilen: Dass ein Pastor, Priester oder Laienanhänger einer Religionsgemeinschaft zum Lehrkörper einer weiterführenden Schule gehört, ist nicht ungewöhnlich.

Um diesen privilegierten Status zu erlangen, müssen religiöse Gemeinschaften über ein klar definiertes Glaubenssystem verfügen, sie müssen historisch und sozial bedeutsam sein, und ihre Mitglieder registriert sein. Die Religionsgemeinschaften der Katholiken, Protestanten und Juden – und in Berlin auch die Zeugen Jehovas und die Mormonen – sind als öffentliche Einrichtungen organisiert.

Man sollte annehmen, dass der Islam mit 4,3 Millionen Anhängern in Deutschland diese Kriterien leicht erfüllen könnte. Aber bislang hat die deutsche Regierung diese Religionsgemeinschaft außen vor gelassen.

Der Grund dafür ist sowohl einfacher als auch komplexer Natur: Die muslimischen Gemeinschaften sind in ethnischer und konfessioneller Hinsicht gespalten – in Sunniten, Schiiten und Alawiten. Oft vertreten diese Gruppen sehr unterschiedliche Ansichten, also scheitern sie am wichtigsten staatlichen Kriterium: Sie bilden keine einheitliche religiöse Gruppe mit gemeinsamen Zielen und Glaubensvorstellungen.

Religionsrecht statt Staatskirchenrecht

Diese Anforderungen, die eine Religion erfüllen muss, um in Deutschland einen privilegierten Status zu bekommen, verdeutlichen das anachronistische Verhältnis der säkularen Bundesrepublik zum Glauben. Die Idee, der Staat könne mit religiösen Gruppen auf die gleiche Weise zusammenarbeiten wie beispielsweise mit den Gewerkschaften, setzt innerhalb dieser Gruppen eine gewisse Einheit und Hierarchie voraus. Aber der Islam funktioniert nicht so. Die Kriterien, die für die streng strukturierten christlichen Kirchen aufgestellt wurden, die Europa geprägt haben und von Bischöfen und Taufregistern bestimmt sind, treffen auf den Islam einfach nicht zu.

Der Theologe und Linguist Alexander Görlach; Foto: Lars Mensel
Alexander Görlach ist als Gastwissenschaftler an der Harvard-Universität, wo er am Center for European Studies im Themenfeld Politik und Religion arbeitet. Der promovierte Theologe und Linguist hat für seine wissenschaftliche Arbeit unter anderem an der Al-Azhar Universität in Kairo und der Theologischen Fakultät der Universität Ankara geforscht. Görlach ist der Gründer und Herausgeber des Magazins www.saveliberaldemocracy.com, Autor der New York Times und Senior Advisor des Berggruen Institutes, eines Think-Tanks mit Sitz in Los Angeles.

Und Deutschland ist christlicher, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Christliche Feste wie Ostern, Himmelfahrt, Reformationstag und Fronleichnam sind offizielle Feiertage, doch die wichtigen heiligen Tage des Judentums und des Islams sind es nicht. In den deutschen Städten und Dörfern ertönen die Kirchenglocken, und im staatlichen Radio und Fernsehen werden die Programme der christlichen Kirchenvertreter ausgestrahlt. Der Name des entsprechenden Gesetzes sagt bereits alles: "Staatskirchenrecht".

Bereits seit einiger Zeit gibt es Forderungen, das Gesetz in "Religionsrecht" umzubenennen und weitere Religionen darin aufzunehmen. Während sich auf nationaler Ebene kaum etwas verändert hat, gab es in den Bundesländern, wo die meisten der Religionsgesetze des Landes verabschiedet werden, Fortschritte. Obwohl im konservativen, katholischen Bayern Fremdenfeindlichkeit und Flüchtlingsangst verbreitet sind, gibt es dort die ältesten Moscheen Deutschlands, und an den Schulen findet ein Pilotprogramm für Islamunterricht statt. Vielleicht sind die Bayern genau deshalb, weil sie ihre eigenen religiösen und kulturellen Traditionen so vehement verteidigen, auch am ehesten bereit, andere Traditionen anzuerkennen und zu unterstützen.

"Der Islam gehört zu Deutschland"

Aber nicht nur in Bayern gibt es Reformen. Im überwiegend protestantischen Norden hat der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff an den Universitäten Münster und Osnabrück Trainingskurse für zukünftige Imame und islamische Religionslehrer eingerichtet. Als er später deutscher Bundespräsident war, sagte er: "Der Islam gehört zu Deutschland".

Obwohl Wulff, bevor er 2012 der Korruption beschuldigt (und freigesprochen) wurde, nur zwei Jahre Bundespräsident war, hat sein Einsatz für den Islam eine Debatte ausgelöst, die in Deutschland bis heute geführt wird. Kritiker einer islamischen Religionsausbildung in Schulen, darunter viele Muslime, behaupten, im Land gäbe es keine Gruppe, die für alle Muslime sprechen könnte. Und tatsächlich wird geschätzt, dass der Zentralrat der Muslime und der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland, die zwei Gruppen, die für eine Vertretung des Islam in Deutschland noch am besten geeignet scheinen, nicht mehr als 20 Prozent der deutschen Muslime repräsentieren.

Deutschland ist ein säkulares Land, aber die deutschen Gesetze behandeln die institutionalisierten Religionen nicht unparteiisch. Es wird erwartet, dass sich die Religionen an staatlichen Standards ausrichten, und diese Standards orientieren sich wiederum an den Strukturen der christlichen Religion.

Dies führt dazu, dass viele Nichtchristen, insbesondere Muslime, das Verhältnis des Staates zu religiösen Gruppen nicht mehr für legitim halten – eine gefährliche Entwicklung in einer Zeit, in der eine schnelle Integration nötig ist, um den sozialen Frieden zu bewahren. Angesichts einer wachsenden muslimischen Gemeinde und immer mehr Bürgern, die gar keiner Religion angehören, muss Deutschland diese Ordnung, die vor vielen Generationen entstanden ist, wohl ändern.

Alexander Görlach

© Qantara.de 2016

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der New York Times am 15. Dezember 2016.

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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Leserkommentare zum Artikel: Mit zweierlei Maß

liegt in Niedersachsen? Oder wie ist der entsprechende Passus im Artikel zu verstehen?

Es geht mir nicht darum nickelig zu sein, es geht darumzu zeigen, daß dieser Artikel leider ziemlich oberflächlich ist und schlecht fundiert daher kommt, so schlecht fundiert, daß sich die Kernaussage um 180° drehen ließe.

In Deutschland sind inzwischen Juden, Aleviten, Muslime und Atheisten in einigen Bundesländern(!) als weltanschauliche Gemeinschaften den Kirchen gleichgestellt, wenn sie denn die Anforderungen erfüllen.
Die Anforderungen lassen sich aus dem GG ableiten. Die Konformität zu den Grundwerten des GG ist eine notwendige Voraussetzung, um den Privilegien einer Körperschaft öffentlichen Rechts teilhaftig zu werden.
Wenn nach Ansicht des Autors also Muslime diese Anforderung nicht erfüllen können, sind wir genau bei der propagandistischen Aussage von AfD, Pegida und Konsorten, nämlich der Islam sei grundsätzlich nicht GG konform.

Diese Auffassung teile ich nicht.
Eine weitere Anforderung für Privilegien einer Organisation ist nämlich ein Minimum an Organisationsqualität und Repräsentanz der organisierten Gruppe. Genau daran hapert es aber in der muslimischen Community. Die muslimischen Gemeinden organisieren sich eher weniger entlang religiöser Schulen, sondern sind mehr an nationaler Herkunft oder politischer Ausrichtung (z. B. DİTİB versus Millî Görüş) orientiert. Heimatvereine und politische Parteien, die zufällig mehrheitlich einer Glaubensrichtung angehören, fallen aber in Deutschland nicht in die Zuständigkeitsbereiche des Staatskirchenrechts.
Damit sind wir m. E. beim tatsächlichen Haupthindernis, warum Muslime noch nicht in der wünschenswerten Qualität und Quantität anerkannt sind. Der intrareligiöse Dialag der Muslime findet auf einem denkbar niedrigen Niveau statt. Die Kooperationsfähigkeit der Moscheevereine und Verbände, die immer noch sehr stark von Ideen und Organisationsformen der Heimatländer geprägt sind, ist völlig unterentwickelt. Die Teilorganisationen der zersplitterten muslimischen Community sind groß genug um sich selbst genug zu sein. Aber auch Selbstgenügsamkeit ist nach Staatskirchenrecht kein förderungswürdiges Projekt.
Im Gegensatz dazu hat die fehlende Selbstgenügsamkeit, die sich z. B. Juden, und Aleviten (die gerne als muslimisch eingemeindet werden) aufgrund ihrer geringen Größe nicht leisten konnten, zu einer Qualität im innerreligiösen Dialog geführt, der die entsprechende Kooperationsfähigkeit beförderte, um plausibel eine Organisation als Repräsentant der Glaubensgemeinschaft zu etablieren.

In den USA gelten allerdings andere Regeln, die mit denen in Deutschland schon im Ansatz nicht vergleichbar sind. Immerhin erfährt man aus dem Artikel etwas über den "Amiblick" auf Deutschland, der sich scheinbar völlig beratungsresistent (man denke an den Scientology Prozeß wegen Sozialbetrugs in Hamburg) auch in Thinktanks zu perpetuieren scheint.

Wolfram Obermanns28.12.2016 | 12:25 Uhr

"Dies führt dazu, dass viele Nichtchristen, insbesondere Muslime, das Verhältnis des Staates zu religiösen Gruppen nicht mehr für legitim halten – eine gefährliche Entwicklung in einer Zeit, in der eine schnelle Integration nötig ist, um den sozialen Frieden zu bewahren." Das historisch sehr wohl gerechtfertigte deutsche Staatskirchenrecht zeigt sich gerade in den Chancen, die es allen Religionsgemeinschaften bietet als "Körperschaften öffentlichen Rechts" den säkularen Konstrukten gegenüber als wesentlich integrationsfördernder , wie es der Autor ja mit den Beispielen Bayern und dem islamischen Religionsunterricht in öffentlichen Schulen auch andeutet. Zurecht verlangt das deutsche Recht von Religionsverbänden Mindeststandards an Kooperation mit staatlichen Institutionen, genau das trägt zum sozialen Frieden mehr bei, als es beispielsweise französischen Verhältnisse tun.

Felix Härpfer05.01.2017 | 19:27 Uhr

"Obwohl im konservativen, katholischen Bayern Fremdenfeindlichkeit und Flüchtlingsangst verbreitet sind ...."
Fremdenfeindlichkeit gibt es auch in anderen Bundesländern, das ist kein bayerisches Alleinstellungsmerkmal. Nichtmal ein Deutsches, denn auch in anderen Ländern Europas, ja der ganzen Welt, findet man Fremdenfeindlichkeit. Und, werter Herr Görlach, soviel ich weiß, werden Christen in muslimischen Ländern auch nicht gerade gefeiert.
Herr Görlach, sie sollten, ganz im Sinne dieses Portals, Brücken schlagen und nicht wahllos einzelne Bevölkerungsgruppen diffamieren.

Martin Steinberger09.01.2017 | 21:12 Uhr