An das erste Treffen erinnert sich die Leiterin noch genau. "Ich habe bei Anna von Anfang an bewundert, wie zielstrebig sie in ihrem Alter schon war. Sie wollte sich wirklich sehr intensiv mit dem Islam auseinandersetzen." Anna habe viele Fragen gestellt: zum richtigen Gebet, zum Fasten, zum Verhalten auf Klassenfahrten. Und einmal habe sie wissen wollen, ob der Islam ein Nasenpiercing erlaube.

Ungefähr ein Jahr lang sei Anna regelmäßig einmal pro Woche in die Mädchengruppe gekommen, berichtet die Leiterin. In der Moschee hätte es auch eine Jungengruppe für Abdul gegeben, doch Annas Freund habe kein Interesse gezeigt. "Er kam einmal zu einem Treffen. Aber das schien ihm eher unangenehm zu sein."

Als radikal würde sie Abdul nicht einstufen, sagt die Leiterin der Mädchengruppe. "Mir schien er eher naiv zu sein und selbst Unterstützung zu brauchen. Er ist sehr traditionell geprägt. Aber viel Wissen über den Islam hat er nicht."

Alptraumvorstellung Afghanistan

Seit ein paar Monaten kommt auch Anna nicht mehr in die Moschee. "Sie meinte, sie wolle ihren Schwerpunkt woanders legen." Gründe habe Anna nicht genannt. Nach wie vor würde sie sich aber per Whatsapp melden, wenn sie Fragen habe. Ob Anna heute eine andere Moschee besucht, weiß sie nicht.

Annas Mutter weiß es auch nicht. Elke Müller lebt weiter in Angst. Auch sie hält Abdul nicht für einen religiösen Fanatiker. Dennoch ist da etwas, was ihr keine Ruhe lässt. Wiederholt habe er davon gesprochen, nach Afghanistan zurückzugehen, zu seiner kranken Mutter. "Er saß hier bei uns und sagte: Wenn Anna volljährig ist, dann heiraten wir. Ich dachte nur: Oh Gott! Wenn sie mit ihm nach Afghanistan geht, dann sehe ich sie nicht lebend wieder." Elke Müller weiß nicht einmal, wo im Land das Heimatdorf des jungen Mannes liegt. Afghanistan – das bedeutet für sie vor allem Krieg, Terror und Taliban.

Anna selbst hat ihrer Mutter versichert, dass sie mit Abdul in Deutschland zusammenleben will. An diese Aussage klammert sich Elke Müller. Und daran, dass ihre Tochter berufliche Pläne hat. Dennoch fürchtet sie, dass Anna nach ihrer Hochzeit aus Liebe alle Pläne über Bord werfen könnte.

"Dass ein Mädchen seiner großen Liebe ins Ausland folgt, ist nicht so ungewöhnlich", sagt Sozialpädagogin Susanne Wittmann von "Grenzgänger". Auch eine spätere Radikalisierung schließt die Pädagogin bei Anna noch nicht aus. "In diesem Alter kann es immer sein, dass sie durch eine Krise den Halt verliert." Wie würde Anna zum Beispiel reagieren, wenn Abdul tatsächlich von einer Abschiebung bedroht wäre?

Immer näher kommt der Tag, vor dem Elke Müller sich so fürchtet. Ihr Tag X, an dem Anna volljährig wird. Danach, so sagt sie, "werde ich wissen, ob ich verloren habe".

Esther Felden

© Deutsche Welle 2019

* Hinweis: Die Redaktion hat die Namen der Beteiligten geändert.

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