Anna habe das Bedürfnis gehabt, schnell so viel wie möglich über ihre neue Religion zu erfahren und habe begonnen, im Internet darüber zu recherchieren. Auch auf "irgendwelchen komischen Seiten", erinnert sich ihre Mutter - wie beispielsweise der des bekannten Konvertiten Pierre Vogel. Der evangelisch getaufte Vogel ist mittlerweile 40 Jahre alt. Er galt über Jahre als Führungsfigur in der radikalen Islamisten-Szene in Deutschland und wird überwacht.

Früher trat Vogel in Fußgängerzonen vor hunderten Anhängern als Prediger auf, heute ist er vor allem im Internet aktiv. Sein Youtube-Kanal hat rund 30.000 Follower. Auch Anna landete irgendwann bei ihm. Und Elke Müller ebenfalls, als sie sich die Seiten anschaute, auf denen ihre Tochter im Internet unterwegs war. Müller kannte den Namen Pierre Vogel aus den Medien, die ihn oft als Hassprediger bezeichneten. Deshalb schrillten bei ihr alle Alarmglocken. "Ich habe mich gefragt, wie ich mich verhalten soll. Ob ich etwas verbieten kann oder soll. Das war einfach alles zu viel für mich."

Das fremde, eigene Kind

Die überforderte Mutter suchte sich Hilfe. Bei einer evangelischen Erziehungsberatungsstelle. Bei der "Beratungsstelle Radikalisierung" beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Und schließlich bei "Grenzgänger" in der Stadt Bochum im Ruhrgebiet. Dorthin können sich Angehörige oder Lehrer wenden, die mit Jugendlichen zu tun haben, bei denen sich Anzeichen für religiösen Extremismus zeigen. Das Projekt wird aus Bundesmitteln finanziert.

Illustration: Mutter mit besorgtem Gesichtsausdruck vor ihrem Laptop; Foto: DW/Gesa Kuis
Besorgt über die Entwicklung der Tochter: Bei Elke Müller kam bereits kurz nach der Beziehung zwischen Abdul und Anna bald ein mulmiges Gefühl auf. Denn ihre Tochter veränderte sich. Sie fing plötzlich an, ein Kopftuch zu tragen und zu Allah zu beten. Mit 15 Jahren teilte Anna ihrer Mutter mit, dass sie zum Islam konvertiert sei.

Das "Grenzgänger"-Team besteht aus Sozialarbeitern, Psychologen und Islamwissenschaftlern. Seit 2012 haben sie mehrere hundert Fälle betreut, schätzt Pädagogin Susanne Wittmann im Gespräch mit der DW. "Frau Müller hat sich sehr früh an uns gewandt". Es sei schnell klar gewesen, dass auch bei Anna eine reale Gefahr bestand, abzugleiten. Wenn Jugendliche sich im Internet "auf eigene Faust über den Islam informieren wollen, landen sie immer bei den Falschen", glaubt Wittmann.

Die Falschen - damit sind vor allem Salafisten wie Pierre Vogel gemeint, die eine besonders konservative Strömung des Islam vertreten. Sie werben im Netz gezielt neue Anhänger für ihre harsche Interpretation des Koran an. Einige suchen auch nach Rekruten für den bewaffneten Kampf. In Nordrhein-Westfalen hat die salafistische Szene etwa 3.000 Anhänger. Nach Angaben des Landesverfassungsschutzes waren unter den 255 Personen, die aus NRW in die IS-Gebiete nach Syrien und in den Irak ausreisten, rund 70 Frauen.

Nachdem Elke Müller sich bei "Grenzgänger" gemeldet hatte, besuchte Sozialpädagogin Susanne Wittmann die Familie in ihrem Zuhause. Dort lernte sie auch Anna kennen. Und erlebte sie als eine Suchende. "Sie war nicht gefestigt, sondern noch offen - für die Szene, aber eben auch für uns." Das Beratungsziel war, Anna davon abzuhalten, mit radikal-salafistischem Gedankengut in Berührung zu kommen. Gleichzeitig sollte das Mädchen die Möglichkeit haben, ihren neuen Glauben auszuleben.

Auf der Suche nach einem geeigneten Anlaufpunkt für Anna holte sich das "Grenzgänger"-Team auch Rat bei der Polizei. Dort empfahl ein Beamter, der engen Kontakt zu muslimischen Institutionen hält, eine Moschee in Annas Heimatstadt, in der es eine eigene Frauen- und Mädchengruppe gibt. Diese Gruppe wurde für Anna zunächst zu einem festen Anlaufpunkt. Und die Leiterin zu einer Art persönlicher Mentorin. Teilweise habe sie fast täglich mit Anna Kontakt gehabt, schildert sie.

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