Islam in Deutschland

Anna, die Liebe und die Suche nach Allah

Elke Müller kämpft um ihre Tochter. Anna ist zum Islam konvertiert, weil sie sich in einen Afghanen verliebt hat. Ihre Mutter erzählt: von Überforderung, Entfremdung und ihrer Angst, die Tochter zu verlieren. Von Esther Felden

Immer näher kommt der Tag im Juli, vor dem Elke Müller* sich so sehr fürchtet. Der Tag, an dem Anna 18 Jahre alt wird. "Wenn sie volljährig ist, kann ich sie rechtlich gesehen nicht mehr zurückhalten." Anna* möchte ihre erste große Liebe heiraten. Abdul*. Wenn das passiert, so glaubt Elke Müller, könnte sie ihre Tochter verlieren.

Anna weiß nicht, dass ihre Mutter mit der DW spricht. Das war Elke Müller wichtig. Sie befürchtet, dass Anna ihr diesen Schritt übelnehmen würde. Trotzdem wollte die Mutter über ihre Ängste sprechen. Und damit andere Eltern in ähnlicher Lage Mut machen, sich Hilfe zu suchen. Frau Müller zeigt Fotos ihrer Tochter: Anna als Kind, mit langen Haaren, lachend. Und Anna heute: mit ernstem Blick auf ihrem Personalausweisfoto, die Haare unter einem Kopftuch verborgen.

Elke Müller lebt allein mit ihren zwei Töchtern in einer Großstadt im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW). Vom Vater der Mädchen trennte sie sich, als Anna noch in den Kindergarten ging. Anna wächst evangelisch auf, aber regelmäßig in die Kirche geht die Familie nicht.

Die große Liebe

Als Anna 14 Jahre alt war, lernte sie einen afghanischen Jungen kennen. Abdul, ein gut aussehender Teenager mit großen braunen Augen. Er war im Herbst 2015 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Einer von insgesamt über 22.000 Minderjährigen, die nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Jahr 2015 allein nach Deutschland flüchteten.

Illustration: Anna und Abdul gemeinsam mit Annas Mutter am Essenstisch; Foto: DW/Gesa Kuis
Ungewisser Aufenthaltsstatus: Abdul kam im Herbst 2015 nach Deutschland. Er war einer von mehr als 7.500 unbegleiteten Minderjährigen, die in diesem Jahr aus Afghanistan flohen, um sich in Deutschland niederzulassen. Als Abdul Anna traf, konnte er nur sehr wenig Deutsch und hatte keinen Schulabschluss. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Seitdem ist sein rechtlicher Status prekär. Da er nun 19 Jahre alt und nicht mehr minderjährig ist, könnte er jederzeit abgeschoben werden.

Neben seiner Muttersprache Paschtu beherrschte Abdul damals nur ein paar Brocken deutsch. Einen Schulabschluss hat er nicht. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er ist nur geduldet in Deutschland. Mit mittlerweile 19 Jahren ist er nicht mehr minderjährig und kann jederzeit abgeschoben werden.

Der Junge habe ihr leid getan, sagt Elke Müller. "Ich habe für ihn fast so etwas wie Mutterinstinkt gefühlt." Sie zeigte sich dem neuen Freund ihrer Tochter gegenüber aufgeschlossen, lud ihn zu sich nach Hause ein. Anna sei von Abdul regelrecht verzaubert gewesen. "In ihren Augen waren nur noch Herzchen", erinnert sich Elke Müller.

Bei ihr dagegen kam schon bald ein mulmiges Gefühl auf. Denn Anna veränderte sich. Sie fing plötzlich an, ein Kopftuch zu tragen und zu Allah zu beten. "Ich habe Abdul darauf angesprochen. Er meinte, sie täte es freiwillig, er hätte das nie von ihr verlangt." Mit 15 Jahren teilte Anna ihrer Mutter mit, dass sie zum Islam konvertiert sei. Zu diesem Zeitpunkt war sie seit gut neun Monaten mit Abdul zusammen. Für Elke Müller war der Islam eine fremde Religion, mit der sie bisher keine Berührungspunkte hatte. Das Fremde machte ihr Angst. Ihr eigenes Kind wurde ihr fremd.

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