Hysterische Überfremdungsängste

Udo Tworuschka: Die als Neorassismus auftretende gruppenbezogene Islamfeindlichkeit macht aus Menschen bestimmter Herkunftsländer eine fiktive Einheit. Menschen unterschiedlicher geografischer Herkunft, religiöser oder nicht-religiöser Weltanschauung, politischer Gesinnung, Bildung und Sozialisation werden dann mit dem Etikett Islam/Muslim versehen.

Aber jede Persönlichkeit, selbstverständlich auch eine islamische, setzt sich aus vielen verschiedenen und veränderbaren Identitäten zusammen, von denen die Religion nur eine ist – und auch diese ist nicht statisch. Es ist eine unverantwortliche Verkürzung, dem Islam als Religion die Hauptschuld an allen mit Migration, Integration, Gewalt, Demokratieferne, Menschenrechtsverletzungen und Benachteiligung von Frauen zusammenhängenden Problemen zuzuweisen.

Der bekannte Islamwissenschaftler Thomas Bauer konstatiert eine Erosion der Ambiguitätstoleranz in vielen islamisch geprägten Ländern. Aus einer relativ großen Toleranz habe sich eine bisweilen extreme Intoleranz gegenüber Phänomenen von Vieldeutigkeit und Pluralität entwickelt. Sie schreiben: „Das Schwarz-Weiß-Denken, welches große Teile der Islam-Debatte prägt, lässt sich auch als extremer Ausdruck einer fehlenden Ambiguitätstoleranz deuten.“ Lassen sich beide Phänomene überhaupt miteinander vergleichen?

Monika Tworuschka: In der islamischen Welt sind das Schwinden der Ambiguitätstoleranz und das vermehrte Auftreten von Intoleranz gegenüber Vieldeutigkeit und Pluralität eng mit der Auseinandersetzung mit Europa, mit dem Kolonialismus sowie dem gegenwärtigen machtpolitischen Auftreten des Westens verbunden. Je weniger sich Vertreter der islamischen Welt vom Westen anerkannt fühlen, desto mehr verweigern sie Toleranz und Vieldeutigkeit.

Das im Westen vorherrschende Schwarz-Weiß-Denken über den Islam liegt auch in unterschwelligen Ängsten begründet. Seit seiner Entstehung wurde der Islam in Europa als Bedrohung begriffen, wenn es auch Phasen toleranten Zusammenlebens gegeben hat.

Religionswissenschaftler Monika und Udo Tworuschka. (Foto: Privat)
Wer hat Angst vor dem Islam? Monika und Udo Tworuschka, ausgewiesene Islam- und Religionswissenschaftler, zeigen sachkundig und gut lesbar in 38 Thesen die wichtigsten Grundzüge dieser vielschichtigen Religion, ihre Verwandtschaft zu Judentum und Christentum, ihre kulturellen Blüten und ihre hochproblematischen politischen Abzweigungen.

Udo Tworuschka: In jüngster Zeit äußert sich dieses Gefühl von Bedrohung in einer irrational anmutenden Angst vor den Muslimen, die angeblich durch einen ungebremsten „Geburten-Dschihad“ Deutschland islamisieren und unseren Rechtsstaat mit seiner demokratischen Grundordnung in Frage stellen. Diese Angst vor dem Islam führt zu holzschnittartigen Pauschalisierungen und zur Verurteilung einer ganzen Weltreligion.

Beide Phänomene lassen sich insofern vergleichen, als Unsicherheit, Angst und mangelnde Anerkennung durch den jeweils anderen zu fehlender Ambiguitätstoleranz führen. Je mehr sich Muslime bei uns anerkannt und wertgeschätzt fühlen, desto eher werden sie bereit sein, Doppeldeutigkeiten zu ertragen und Kompromisse einzugehen.

Sie möchten die „Islam-Debatte“ versachlichen und einen Beitrag zu Verständigung und Dialog leisten. Dazu favorisieren Sie eine „Hermeneutik des Vertrauens“. Was meinen Sie damit?

Monika Tworuschka: Wir favorisieren eine „Hermeneutik des Vertrauens“ und wenden uns gegen ein von Misstrauen geleitetes Verstehen des Islam. Denn wir wollen Verständigung, gutes Zusammenleben und Dialog mit Muslimen. Ohne  problematische Züge zu verschweigen, stellen wir die starken Seiten des Islam heraus. Vor Gutgläubigkeit schützt uns eine „Hermeneutik des Verdachts“: eine Form der Ideologiekritik, die uns in die Lage versetzt, Hasspredigern entgegenzutreten und die Unterdrückung von Frauen oder die Verfolgung Andersgläubiger und Abtrünniger als das zu ächten, was sie sind: inhuman und asozial.

Udo Tworuschka: Eine unter anderem bei „Islamkritikern“ beliebte „Hermeneutik der Denunziation“ lehnen wir dagegen grundsätzlich ab, weil wir diese für gefährlich und sozialschädlich halten. Sie stellt nämlich ganze Menschengruppen – die Juden, die Muslime, die Roma, die Fremden – unter Generalverdacht.

Gespräche und Begegnungen, Offenheit bei kritischen Fragen, gemeinsame Projekte, gute Nachbarschaft, Zusammenarbeit in Gemeinden, Kindergärten, Schulen und sozialen Einrichtungen tragen dagegen dazu bei, dass man sich besser versteht und noch mehr auf den anderen zugeht. Dafür gibt es genügend praktische Beispiele!

 

Interview: Lucy James

© Qantara.de 2019

"Der Islam: Feind oder Freund. 30 Thesen gegen eine Hysterie." Kreuz Verlag 2019

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