Lassen Sie uns über die erste zentrale These in Ihrem Buch reden. Sie kritisieren die „Islamisierungs-Hysterie“ hierzulande und deren „verschwörungstheoretische Züge“. Wie konnte sich eigentlich dieser Mythos in Deutschland, einem funktionierenden Rechtsstaat, festsetzen? Schließlich lässt sich die Behauptung einer „islamischen Überfremdung“ empirisch leicht widerlegen.

Monika Tworuschka: Dieser Mythos, der längst die Mitte der Gesellschaft erreicht hat, besitzt viele Facetten: So glaubt fast die Hälfte aller Deutschen, dass Politiker Marionetten geheimer Mächte sind. Genauso viele glauben, dass „die Juden“ an den Schaltzentren der Macht sitzen oder dass Medien und Politik gemeinsame Sache machen. Jeder Zweite vertraut seinen Gefühlen mehr als Experten.

Hinter solchen Mythen steht ein Misstrauen gegenüber dem Staat und seiner als bösartig empfundenen Bürokratie. Gegen den wachsenden Vertrauensverlust in die seriösen Medien und die diffusen Ängste vor der Globalisierung kommt man mit Fakten schwer an.

Udo Tworuschka: Einfache Erklärungen haben Hochkonjunktur in einer unüberschaubaren und höchst komplexen Welt, die viele Menschen überfordert und ihnen Angst macht.

Vor allem bei Extremisten jeglicher Couleur sind geschlossene „Großerzählungen des Extremen“ beliebt, die die Vielfalt politischer und religiöser Weltdeutungen zu einer einzigen großen, jedoch unterkomplexen Erzählung verdichten. In solchen Erzählungen erscheint der Islam als gewaltige „menschenfressende Maschine“ und die Muslime als ferngesteuerte, mechanisch agierende „Islam-Täter“, die lediglich einprogrammierten Befehlen gehorchen.

Diese „Islam-Maschine“ bildet einen statischen und monolithischen Block, der wenig bis nichts mit anderen Kulturen gemeinsam hat. Diesem Weltbild gilt der Islam als barbarisch, irrational, primitiv, sexistisch und homophob. Die „Islam-Maschine“ ist aggressiv und intolerant. Sie unterstützt Terrorismus und fördert den „Kampf der Kulturen“. Muslime gelten in diesem Kontext als kulturell und materiell zurückgebliebene, traditionsfixierte Modernitätsverweigerer.

 

 

Ein Islambild voller Vorurteile und Vereinfachung

Sie meinen, das negative öffentliche Islambild sei keine randständige Erscheinung mehr, sondern längst "salonfähig". In Ihrem Buch klagen Sie, dass „sich in unserem Land eine Grundstimmung ausgebreitet hat, die jede nur halbwegs positive Äußerung zum Islam als `Zugeständnis` oder gar als `Kapitulation` wertet. Woran machen Sie dies fest und wo sehen Sie die Ursachen dieser Entwicklung?

Monika Tworuschka: Islamfeindlichkeit, Rassismus und rechte Gesinnung sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Medien führen keine Islamdebatte, sondern eine Islambild-Debatte. In diesem Islambild sind alle Unterschiede aufgehoben. Es steckt voller Vorurteile, ist vielfach unzutreffend und oft einseitig. Das hier vermittelte Bild des Islam versperrt den Zugang zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit einer der größten und faszinierendsten Weltreligionen.

Wir sehen erschreckende Parallelen zum nationalsozialistischen Antijudaismus. Die in manchen Kreisen geäußerten Schuldzuweisungen, Diffamierungen und rassistischen Vorurteile gegenüber den Muslimen erinnern fatal an eine Zeit, in der alles „Jüdische“ unter Generalverdacht stand.

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