IS-Terror in Europa

Die psychologische Grenze überschritten

Nach den verheerenden Anschlägen von Paris kommen französische Terrorismusexperten zu dem Schluss, dass in der Wahrnehmung der Dschihadisten eine radikale Veränderung stattgefunden haben muss, da sie in Paris genauso agierten wie in Syrien oder im Irak. Hat der "Islamische Staat" seine Strategie geändert? Eine Analyse von Birgit Kaspar

Frankreichs Präsident François Hollande erklärt, das Land befände sich im Kriegszustand gegen den selbsterklärten "Islamischen Staat". Premierminister Manuel Valls sagt, die Attentate von Paris vom vergangenen Freitag, bei denen bisher 129 Menschen ums Leben kamen, seien in Syrien zentral geplant und organisiert worden. Paris geht davon aus, dass der IS weitere Terroranschläge geplant hat. Nicht nur in Frankreich, auch in anderen europäischen Staaten. Die französische Luftwaffe antwortete mit Bombardierungen auf mutmaßliche Kommandozentralen und ein Trainingscamp der "Daesh"-Extremisten in der nordsyrischen Staat Raqqa.

Ein solches Kriegsszenario dürfte den Ideologen und Sympathisanten von IS willkommen sein. Es ist die Logik, die sie verbreiten möchten und in der sie operieren. Die Franzosen, die in Paris, Toulouse und Lyon auf die Straße gehen in diesen Tagen, lehnen diese Logik bislang ab. Auch Intellektuelle wehren sich dagegen.

Der Islamexperte der Pariser Universität Science Po, Gilles Kepel, warnt, man befände sich nicht in einer Situation, die der Logik eines konventionellen Krieges entspricht. "Was sich in Paris ereignet hat, ist die Projektion eines Kriegsszenarios auf französischem Boden. Sie haben für einen bislang kurzen Moment die Kriegssituation nach Paris gebracht, die wir im Libanon, in Syrien und anderswo sehen – d.h. Leute, die sich in die Luft sprengen, junge Männer mit Kalaschnikows."

Eng verbunden mit dem Kriegsschauplatz Nahost

Die Europäer hatten bislang trotz einiger Anschläge und der enormen Flüchtlingswelle aus Syrien und dem Irak das Gefühl, dass das, was sich im Nahen Osten abspiele, weit weg sei. Das hat sich seit vergangenem Freitag schlagartig geändert. Europa sei eng verbunden mit dem Kriegsschauplatz Nahost, so Kepel. Vor allem durch die Rückkehr der europäischen Dschihadisten. "Es ist ein neues Phänomen, diese 'Jean Pierre Abdallah Duponts', die nach Syrien gehen, um sich dort in die Luft zu sprengen oder um zurückzukehren und auf französischem Boden Anschläge zu verüben."

Der Pariser Politikwissenschaftler Gilles Kepel; Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images
Eine neue Qualität des Terrors: Der Islamexperte der Pariser Universität Science Po, Gilles Kepel, warnt, man befände sich nicht in einer Situation, die der Logik eines konventionellen Krieges entspricht. "Was sich in Paris ereignet hat, ist die Projektion eines Kriegsszenarios auf französischem Boden. Sie haben für einen bislang kurzen Moment die Kriegssituation nach Paris gebracht, die wir bereits im Libanon, in Syrien und anderswo sehen."

Der ehemalige Pariser Anti-Terror-Richter, Marc Trévidic, hatte direkten Kontakt zu einigen dieser Rückkehrer. Bereits Ende September warnte er vor einem fürchterlichen Blutbad. "Diejenigen, die bereit waren auszupacken, sagten uns, dass der IS beabsichtige, uns systematisch und hart zu attackieren." Er fügte hinzu, die Männer von "Daesh" hätten dazu die Mittel: das Geld, die Fähigkeit sich so viele Waffen zu beschaffen wie sie wollten und die Fähigkeit, Massenattentate zu organisieren.

Die blutigen Anschläge von Paris zeigen in mehrfacher Hinsicht ein Überschreiten des Rubikons: Die Täter waren Augenzeugenberichten zufolge von einer erschreckenden professionellen Kaltblütigkeit. Es handelte sich bisherigen Ermittlungserkenntnissen zufolge um eine zentral geplante Operation mit dem Ziel, so viele Menschen zu töten wie möglich – egal welcher Religion oder Herkunft. Dies sei eine neue Qualität, betont Gilles Kepel. Denn bisher hätten die Dschihadisten auf französischem Boden ihre Opfer nach klaren Gesichtspunkten ausgewählt.

Dabei habe es drei Hauptziele gegeben, die der Chefideologe des modernen Dschihad, Abu Musab al Souri, in einem voluminösen Werk aufgelistet hat: die laizistischen islamkritischen Intellektuellen, die Juden und die sogenannten Apostaten, die schlechten Muslime. Kepels Fazit: "Heute gibt es im Denken dieser radikalen, salafistischen Dschihadisten weder Christen, noch Juden, noch andere Muslime. Es existieren nur noch die Mitglieder der eigenen Sekte. Und wenn man nicht so radikal ist, wie sie selbst, dann wird man zum Abschuss freigegeben."

Zahlreiche Islam- und Terrorexperten sprechen von einem Strategiewechsel gegenüber dem "Islamischen Staat". Der IS konzentrierte sich lange darauf, territoriale Gewinne in Syrien und im Irak zu erzielen bzw. diese zu konsolidieren. Anders als die inzwischen konkurrierenden Terroristen von Al-Qaida – der Organisation, aus der der IS als radikalerer Ableger im Irak hervorgegangen ist – sind das eigene Territorium und eine quasi-staatliche Organisation für die Legitimierung des selbsternannten Kalifats unabdingbar.

Eine Reaktion auf militärischen Druck?

IS-Dschihadisten im Irak; Foto: picture-alliance/AP
Mit dem Rücken zur Wand: Der IS ist in den letzten Wochen militärisch stärker unter Druck geraten – einerseits durch die russischen Truppen und die radikal-schiitische Hisbollah, die beide an der Seite der Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad kämpfen, andererseits durch die Bombardements der französischen Luftwaffe.

Dass der "Heilige Krieg" und die rohe Gewalt jetzt stärker exportiert werden, könnte damit zusammenhängen, dass der IS in den vergangenen Wochen militärisch stärker unter Druck geraten ist. Einerseits durch russische Truppen und die radikal-schiitische Hisbollah, die beide an der Seite der Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad kämpfen. Die französische Luftwaffe begann zudem im September als Teil einer multinationalen Anti-IS-Koalition, "Daesh"-Ziele zu bombardieren. Die jüngsten Attentate auf ein russisches Charterflugzeug über dem Sinai, auf eine schiitische Hisbollah-Hochburg südlich von Beirut und jetzt in Paris könnten als Reaktion auf diesen militärischen Druck gesehen werden.

Über die Motivationen dahinter kann bisher nur spekuliert werden: Eine "Strafexpedition" mag Teil davon sein. Es könnte aber auch darum gehen, das angekratzte Image des bisher siegreichen IS in den Augen seiner Sympathisanten und möglicher Rekruten aufzupolieren.

Wenn man den Aussagen eines ehemaligen IS-Spions glauben darf, so hat der "Islamische Staat" nach einigen großen Verlusten derzeit Bedarf an neuen Rekruten. In bestimmten Hochphasen hätten bis zu 3.000 ausländische Kämpfer täglich um Aufnahme gebeten, heute seien es gerade mal 50 bis 60, sagt der Mann, den der "Daily-Beast"-Journalist Michael Weiss "Abu Khaled" nennt.

Mit Blick auf die ausländischen Rekruten habe es zudem einen Strategiewechsel gegeben, sagt "Abu Khaled". Die IS-Führung wolle jetzt westliche Sympathisanten ermuntern, in ihren Heimatländern zu bleiben und dort gewaltsame Operationen auszuführen. Andere westliche Dschihadisten, die bereits in Syrien trainiert und einer Gehirnwäsche unterzogen worden seien, würden mit dem gleichen Auftrag in ihre Heimat zurückgeschickt.

Eher Europa als die USA im Visier

Terrorismus-Experte Mathieu Guidère von der Universität Toulouse; Foto: AFP
Terrorismus-Experte Mathieu Guidère: "In der Wahrnehmung der Terroristen gibt es eine radikale Veränderung: Sie können in Paris genauso agieren wie in Syrien oder in Bagdad."

Französische Politiker haben diese Syrien-Rückkehrer schon vor einiger Zeit als eine der größten Gefahrenpotenziale ausgemacht. Daneben sollte man jedoch nicht vergessen, dass Europa für die neue Generation von Dschihadisten ohnehin als ein bevorzugtes, "weiches Ziel" im Westen gilt.

In den Augen des Dschihad-Ideologen Abu Musab al-Souri sollten eher in Europa als in den USA gewaltsame Anschläge verübt werden, erläutert Gilles Kepel. Ihr Ziel sei es, die Bevölkerung zu spalten und scharfe Reaktionen gegen die Muslime zu provozieren. Das Kalkül dahinter: Die in ihrem eigenen Land angegriffenen Muslime sollten es mit der Angst zu tun bekommen, sich der extremistischen Sichtweise der Dschihadisten anschließen und diese unterstützten. Dies hätte im Idealfall bürgerkriegsähnliche Szenarien zur Folge, so die Theorie.

Doch davon ist man in Paris weit entfernt, dank der besonnenen Reaktionen vieler Politiker, aber vor allem der ganz normalen Franzosen. Es könnte sogar sein, dass "Daesh" mit seiner blutrünstigen Gewalt in Paris über das anvisierte Ziel hinaus geschossen ist. Anders als nach den Attentaten gegen "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt im Januar 2015, hat es dieses Mal in den einschlägig bekannten Sozialen Medien nur sehr wenig Zustimmung in Frankreich gegeben, beobachtet Gilles Kepel: "Wir haben sehr wenige Lobbekundungen für die Täter gefunden. Das liegt wohl daran, dass es sich um völlig blindwütige Attentate handelte. Die Anschläge haben eine neue Stufe erreicht. Auch wurden zum ersten Mal Kamikaze in Frankreich eingesetzt. All das hat zu einer Art Wiederbelebung der nationalen Einheit geführt."

Die Pariser Anschläge haben jedoch auch gezeigt, dass IS in der Lage ist, einen gut koordinierten, verheerenden Angriff an mehreren Orten gleichzeitig vorzunehmen, der von mehreren Zellen durchgeführt wurde – und das tausende Kilometer vom selbsternannten Kalifat entfernt.

Die Vorbereitungen hierfür müssen lange, das Training intensiv gewesen sein. Für den Terror-Spezialisten an der Universität Toulouse, Mathieu Guidère, wurde damit eine psychologische Grenze überschritten. "In der Wahrnehmung der Terroristen gibt es eine radikale Veränderung: Sie können in Paris genauso agieren wie in Syrien oder in Bagdad."

Birgit Kaspar

© Qantara.de 2015

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