IS-Propaganda

Medien als Teil des Schreckens

Der sogenannte „Islamische Staat“ inszeniert seine Selbstmordattentäter in Zeitschriften, Videos oder im Internet und wirbt damit Nachwuchs an. Einzelheiten von Joseph Croitoru

Der Radiosender der Terrormiliz „Islamischer Staat“, der seit einigen Monaten regelmäßig auch in Englisch, Französisch, Russisch, Türkisch und Kurdisch sendet, nennt sich „Al-Bayan“. Der Name ist Programm – umso mehr, als der Begriff Moderne und Tradition verbindet, steht er im Arabischen doch zugleich für „Bekanntmachung“ und für den Koran und dessen Verkündung.

Die tägliche, etwa siebenminütige arabischsprachige Nachrichtenausgabe – im Wesentlichen Kriegsberichterstattung – folgt schon seit Monaten dem immer gleichen Muster: Nach der kurzen Einblendung eines dschihadistischen Lieds (Naschid), das die islamische Umma preist und als leiser O-Ton den Nachrichtentext untermalt, werden stets „erfolgreiche“ Selbstmordanschläge von IS-Angehörigen gemeldet.

Dabei verwendet der radikalsunnitische Sender den Terminus „amaliya istischhadiya“ (Märtyrertod-Operationen), den die schiitischen Erzfeinde und heutigen Kriegsgegner des IS geprägt haben: Die proiranische Hisbollah hatte den Begriff in den achtziger Jahren eingeführt.

Die Suizidattentäter – „Istischhadiyin“ – der IS-Terrormiliz kommen, wie sie wissen lässt, sowohl offensiv wie defensiv zum Einsatz. Mal bomben sie den Weg für eine nachrückende Kampftruppe frei, dann wieder bremsen sie mit der Detonation ihrer gepanzerten, mit Sprengstoff beladenen Fahrzeuge den vorrückenden Gegner.

Damit solche täglichen Meldungen von „Al-Bayan“ nicht im ständigen Informationsfluss untergehen, wird periodisch auf der Internetseite des IS über die von ihm verübten Selbstmordattentate gesondert Bericht erstattet – in einer Grafik für Oktober sind für Irak und Syrien 65 solcher Anschläge verzeichnet.

Zwanzigminütige „Märtyrer“-Abschiede

Derartige Angaben auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen ist nicht zuletzt deshalb mit einigem Aufwand verbunden, weil in den arabischen Medien für die in der Tat sehr zahlreichen Suizidoperationen des IS unterschiedliche Bezeichnungen zur Anwendung kommen. Auffallend ist, dass hier der Terminus „Selbstmord“ nicht fehlen darf, womit suggeriert wird, dass diese Form des Terrorismus, was die Islamisten gerne ausblenden, im Kern gegen das Suizidverbot im Islam verstößt.

Der „Islamische Staat“ inszeniert seine Selbstmordbomber in Zeitschriften, Videos oder im Internet. (Foto:donotgothere.org)
Bei der medialen Inszenierung seiner Selbstmordattentäter bedient sich der IS eines bereits seit drei Jahrzehnten etablierten Genres und verewigt sie einzeln auf Video oder zumindest in einer längeren Fotosequenz.

Bei der medialen Inszenierung seiner Selbstmordattentäter bedient sich der IS eines bereits seit drei Jahrzehnten etablierten Genres und verewigt sie einzeln auf Video oder zumindest in einer längeren Fotosequenz. Aber die Konkurrenz schläft nicht: Rivalisierende Terrormilizen, vor allem die Al Qaida nahestehende syrische „Nusra-Front“, sind in diesem Bereich ebenfalls äußerst produktiv. Der Konkurrenzdruck ließ die Abschiedsvideos zeitweise auf Längen von bis zu zwanzig Minuten anwachsen: Auf das Verlesen des „Testaments“, das nicht selten zur Hasspredigt geriet, folgten meist eine Abschiedsszene sowie das Besteigen des Fahrzeugs und die Fahrt zum Anschlagsziel. Den Schlussakkord bildete schließlich die Explosion, eine Szene, die meist mehrmals wiederholt wird.

Ausgestreckter Zeigefinger ist Pflicht

Die Abschiedsvideos der IS-Suizidbomber sind aber in letzter Zeit auffallend kürzer geworden, was wohl auch damit zusammenhängt, dass sie so zahlreich zum Einsatz kommen. Nach wie vor dürfen die Attentäter als Individuen in eigener, ganz unterschiedlicher Kleidung vor die Kamera treten. Es ist auch offenbar erwünscht, dass sie dabei ein wenig schauspielern. So mimt ein arabischer, ein kleines Koranbuch in der Hand haltender Minderjähriger – er soll sich mit einem Sprenggürtel in die Luft gejagt haben – den kontemplativen Frommen, ehe er einen Schwall dschihadistischer Parolen und Drohungen ausstößt. Bei einem tadschikischen Autobomber müssen dagegen zwei Sätze in gebrochenem Arabisch ausreichen, die er aus dem Fenster seines präparierten Panzerwagens murmelt, ehe er in den Tod verabschiedet wird.

Seit kurzem ist IS-Suizidattentätern offenbar vorgeschrieben, in ihren Abschiedsvideos irgendwann die rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger – er steht für die Ziffer eins – zu heben: Symbol für den islamischen Einheitsglauben und die Einigkeit der Dschihadisten. Die Geste populär gemacht hat schon vor Jahren die palästinensische Hamas, die aber keinesfalls mit dem IS in Verbindung gebracht werden will und auch deshalb nun wieder auf das altbewährte Victory-Zeichen zurückgreift.

Willkommen im „Kalifat“

Cover der türkischsprachigen IS-Zeitschrift  "Konstantiniyye"
Tödliches Ende: Die jüngste, insgesamt dritte Nummer der türkischsprachigen IS-Zeitschrift „Konstantiniyye“ zeigt auf ihrer Titelseite eine gewaltige Explosion – hier überschrieben mit „Märtyrertod-Operationen sind erlaubt und rechtmäßig“.

Der IS verherrlicht seine Todesterroristen auch in vier nicht arabischsprachigen Zeitschriften. Die englischsprachige und wohl bekannteste Ausgabe trägt den Titel „Dabiq“ – an diesem Ort in Nordsyrien soll es zur Endzeitschlacht gegen die „Ungläubigen“ kommen –, evoziert Apokalyptisches und damit einen vermeintlich globalen Krieg der Zivilisationen, den der IS auf muslimischer Seite zu führen beansprucht.

Immer wieder wird dabei das Selbstmordattentat zur bevorzugten Waffe erhoben, auch im französischsprachigen Pendant „Dar Al-Islam“ (Haus oder Herrschaftsbereich des Islams). Mit dieser Zeitschrift sollen frankophone Muslime darüber belehrt werden, wo sie angeblich wirklich hingehören. Besonders willkommen heißt man sie im „Kalifat“ des IS als Selbstmordsoldaten: Bereits in der dritten von bislang sechs Ausgaben von „Dar Al-Islam“ wurde ein aus Frankreich stammender, lächelnd am Steuer sitzender Todesfahrer glorifiziert.

Ähnlich wie in „Dar Al-Islam“ zeigt auch die jüngste, insgesamt dritte Nummer der türkischsprachigen IS-Zeitschrift „Konstantiniyye“ auf ihrer Titelseite eine gewaltige Explosion – hier überschrieben mit „Märtyrertod-Operationen sind erlaubt und rechtmäßig“.

Atatürk als Götze verunglimpft

Der Zeitschriftentitel „Konstantiniyye“ ist geschickt gewählt, denn er ist die osmanische Bezeichnung für Istanbul, womit an die islamische Eroberung des byzantinischen Konstantinopels und seine Umwandlung in die Hauptstadt des Osmanen-Kalifats erinnert wird. Damit macht man sich die Verklärung dieses Sieges über das oströmische christliche Reich zunutze, die Erdogans AKP seit einigen Jahren in ihrem neo-osmanischen Diskurs fest verankert hat. Allerdings wird Atatürk in „Konstantiniyye“konsequent als „kâfir“ (Ungläubiger) und „tagut“ (Götze) verunglimpft.

Solche Einteilung in Gut und Böse kennzeichnet auch die Rhetorik des russischsprachigen IS-Organs „Istok“ (Quelle, Ursprung), in dem die Thematik des Selbstmordanschlags ebenfalls nicht fehlt. Russischen, kaukasischen und zentralasiatischen Sympathisanten wird der Entschluss, eine „Istischhad Operacja“ auszuführen, nicht nur als Krönung einer fast schon mystischen Erleuchtung verkauft. Um auch noch letzte Zweifel auszuräumen, verwebt man sie mit der Erzählung von einer innigen Kameradschaft, wie man sie bei diesen nichtarabischen Mudschahedin für besonders typisch hält.

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2015

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