Bis Mitte der 1970er Jahre hatte die CISNU-Führung ihren Sitz in Frankfurt am Main. Hier fand auch die theoretische Auseinandersetzung der politisch aktiven Studenten mit Theodor W. Adorno statt. Führender Kopf dieser Auseinandersetzung war Hans-Jürgen Krahl, der in den Vorlesungen von Adorno das Wort ergriff und brillant auf die Widersprüche der Kritischen Theorie hinwies. Eines der Vorstandmitglieder der CISNU war zu dieser Zeit der theoretisch und praktisch an der Frankfurter Schule interessierte Changiz Pahlavan. Er, der die Anti-Schah-Demonstrationen in den Juni-Tagen 1967 verantwortlich organisierte, saß bei den theoretischen Auseinandersetzungen zwischen Krahl und Adorno mit im Hörsaal.

Pahlavan war einer der ersten Iraner, die sich mit der Frankfurter Schule und ihrer Kritischen Theorie befassten. Ihm folgte eine Reihe Jüngerer, die den Anschluss an die Frankfurter Schule suchten. Einige von ihnen zogen sich aus der Oppositionsarbeit zurück und kehrten nach ihrem Soziologie- und Philosophiestudium in den Iran zurück. Neben Adorno befassten sie sich hauptsächlich mit Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Erich Fromm und Jürgen Habermas.

Pahlavan kehrte 1969 in den Iran zurück. Er übersetzte später eines der Standardwerke über die Frankfurter Schule. Das von dem amerikanischen Wissenschaftler Martin Jay geschriebene Buch mit dem Titel "The Dialectical Imagination, A History oft the Frankfurt School and the Institut of Social Research, 1923-1950" wurde nach der ersten Ausgabe von Pahlavan ins Persische übersetzt und - für iranische Verhältnisse - in hoher Auflage verkauft.

Übersetzungen von Werken der Kritischen Theorie

Die zweite und dritte Generation der iranischen Linken kam zum Teil auf Umwegen zur Frankfurter Schule und ihrer Kritischen Theorie. Zwei Faktoren waren hierfür bestimmend: die Bekanntschaft mit der Postmoderne und die Entstehung einer religiös-intellektuellen Strömung innerhalb des herrschenden politischen Systems.

persische Übersetzung des Buches "Habermas: A Guide for the Perplexed" von Lasse Thomassen
Ungebrochene Popularität bei iranischen Intellektuellen: Jürgen Habermas war von jeher für die politisch aktiven Iraner von hohem Interesse. Seine Arbeiten wurden in den vergangenen 30 Jahren nach und nach ins Persische übersetzt. Habermas' Anwesenheit im Geistesleben der akademischen Iraner war so real, dass er auf Einladung des vom ehemaligen Staatspräsidenten Khatami errichteten "Zentrums für Dialog der Kulturen" Teheran besuchte.

Der erste Faktor bewirkte eine Welle neuer Lesarten im Marxismus. Tatsächlich waren die iranischen Neo-Marxisten bei der Ankunft des Postmodernismus von der Idee beseelt, die Linke könnte, gestützt auf Theoretiker wie Adorno, Horkheimer, Marcuse und Habermas, gegen "Feinde des Rationalen", "Mystiker" und "postmodernen Relativisten" bestehen, ohne im Dogmatismus zu erstarren oder sich wieder dem gescheiterten sowjetischen Experiment zu widmen.

Der zweite Faktor zwang sie wiederum zur Reaktion auf die gegen den Marxismus gerichteten "Angriffe" der sogenannten "religiösen Intellektuellen", namentlich des theoretischen Wortführers der islamischen Reformschule, Abdolkarim Soroush. Dieser übte, seiner intellektuellen Bezugsperson Karl Popper folgend, heftige Kritik am Marxismus. Die marxistische Linke reagierte ihrerseits mit einer Übersetzungsbewegung, die Werke der Kritischen Theorie und des Marxismus übertrug, um sich methodologisch auf die Debatte mit ihren Gegnern vorzubereiten.

Von Adorno bis Habermas

Einen wesentlichen Ansatz fanden sie in den Schriften derjenigen Denker, die als Väter der Frankfurter Schule und der Kritischen Theorie weltweit bekannt waren. In der Auseinandersetzung mit den "idealistischen" Gegnern des Materialismus wurden Adornos "Philosophische Terminologie", "Metakritik der Erkenntnistheorie" und "Negative Dialektik" in Teilen übersetzt und bei Kontroversen methodologisch herangezogen.

In der damals theoretisch und praktisch angespannten Atmosphäre meldete sich ein neuer Wortführer der neuen Linken, Morad Farhadpour, zu Wort. Neben ihm war auch Yousef Abazari bei der Vorstellung der Werke und Gedanken der Gründungsväter der Frankfurter Schule im Iran von Bedeutung.

Abazari übersetzte die von Martin Jay verfasste Arbeit "Die Frankfurter Schule und die Psychoanalyse". Eine weitere Arbeit Adornos aus dem Jahr 1957, die "Aspekte der Hegelschen Philosophie", wurde von den drei Neu-Linken Mohammad Mehdi Ardebili, Hessam Salamat und Yeganeh Khoi übersetzt.

Übersetzt wurde auch Stuart Jeffries Buch "Grand Hotel Abyss: the Lives oft the Frankfurt School" von Mohammad Memarian. Dieses Buch handelt vom Leben und Denken der Größen der Frankfurter Schule. Für seine Übersetzung wurde das Argument geltend gemacht, dass angesichts der offen zu Tage getretenen Mängel des neoliberalen Kapitalismus die Beschäftigung mit den Vertretern der Frankfurter Schule weiter an Bedeutung gewinne. Die Vertreter der Frankfurter Schule hätten sich mit dem Gedanken der Revolution nicht anfreunden können. Sie hätten den sinnentleerenden Charakter der kapitalistischen Gesellschaft gut erklärt, ohne sie ändern zu können.

"So viele Zuhörer habe ich in Deutschland nicht"

Von großem Interesse war bei den iranischen Intellektuellen auch ein 15-seitiges Papier von Elias Canetti mit dem Titel "Discussion with Theodor W. Adorno, Crowds and Power Totalitarism Death Transformation", das 1996 erschien. Der Übersetzer, Javad Ganji, meint, die Ähnlichkeit im Denken von Canetti und Adorno könne man in ihren Schriften gut verfolgen. Beide behandelten die Krise der Repräsentation von Machtinstitutionen und die komplexen Formen der Internalisierung von Herrschaft und Unterwerfung. Diese Aspekte im Denken von Canetti und Adorno sei auch für das Verständnis der Vorgänge im heutigen Iran wesentlich.

Jürgen Habermas war von jeher für die politisch aktiven Iraner von hohem Interesse. Seine Arbeiten wurden in den vergangenen 30 Jahren nach und nach ins Persische übersetzt. Habermas’ Anwesenheit im Geistesleben der akademischen Iraner war so real, dass er am 11. Mai 2002 auf Einladung des vom ehemaligen Staatspräsidenten Mohammad Khatami errichteten "Zentrums für Dialog der Kulturen" Teheran besuchte. Seine Vorträge wurden jeweils vom mehr als 3.000 Personen besucht: "So viele Zuhörer habe ich in Deutschland nicht", sagte Habermas damals in einem Interview.

Er beschrieb seine "philosophischen Erinnerungen" während seiner Iranreise in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Jahr 2002 ironisch und nüchtern: In der politisch-kulturellen Atmosphäre des Iran würden die Werke westlicher Denker originell oder gefälscht übersetzt, diskutiert und kritisiert, so Habermas damals. Er erzählt in dem Interview unter anderem von einem religiösen Universitätsdozenten, der von sich behauptete, er habe ebenso wie Karl Marx, der Hegels Theorie auf den Kopf gestellt hatte, Max Webers Theorie auf den Kopf gestellt. Der Westen werde sich deshalb in der Zukunft an ihn wie an Ibn Khaldun mit Respekt erinnern.

Mehran Barati

© Iran Journal 2019

Dr. Mehran Barati zählt zu den exponiertesten Oppositionellen aus dem Iran. Er ist unabhängiger Analyst für "BBC Persian" und gilt als Experte für internationale Beziehungen.

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