Irans Rennfahrerin Laleh Seddigh

Auf der Erfolgsspur für die Rechte der Frau

Am Beispiel des Stars des iranischen Rennsports, Laleh Seddigh, zeigt Fatma Sagir in ihrer Reportage auf, dass sich Irans Frauen keineswegs bedingungslos den gesellschaftlichen Zwängen und strikten Kleidungsvorschriften unterwerfen.

Am Beispiel des Stars des iranischen Rennsports, Laleh Seddigh, zeigt Fatma Sagir in ihrer Reportage auf, dass sich Frauen in der Islamischen Republik keineswegs bedingungslos den gesellschaftlichen Zwängen und strikten Kleidungsvorschriften unterwerfen.

Die iranische Rennfahrerin Laleh Seddigh, Foto: Fatma Sagir
Die 30-jährige Laleh Seddigh aus Teheran ist heute der Star des iranischen Autorennsports. Um ihren Overall tragen zu dürfen, musste sie hart kämpfen.

​​In Teherans Norden erlebt man derzeit einen Kulturschock: Erwartet man Tschadortrauben von Frauen und finstere bärtige Männer, wird man eines Besseren belehrt. Die amerikanische Mode der 50er Jahre gepaart mit Neopunk ist der vorherrschende Stil bei den jungen Iranern. Elvis lebt hier definitiv weiter.

Und die Frauen? Ein einziges Meer von Gucci, Chanel und Prada. Eng anliegende Wickelkleider aus fließenden Stoffen, Röhren-Jeans und das obligatorische Kopftuch. Darunter: Unmengen von Haarspray.

Wir warten inmitten von hupenden Taxis, vorbei eilenden Menschen, Polizisten und Sittenwächtern, die die Einhaltung der Kleidungsregeln und anderer Vorschriften mit strengem Blick kontrollieren. Ein silberfarbener Mercedes, neuestes Modell, verdunkelte Scheiben, löst sich aus dem Gewusel und fährt auf uns zu. Eine Tür geht auf. Wir schauen hinein: Ja, das ist sie. Das ist Laleh Seddigh, Irans größter weiblicher Star im Rennsport.

Lächelnd bittet sie uns, Platz zu nehmen. Rasend schnell geht es an hässlichen graubraunen Häuserfassaden vorbei. Weit hinaus. Auf dem Gelände eines stillgelegten Sägewerks befindet sich der Rennstall und die neue Teststrecke. Schnell schlüpft die 30-Jährige in ihren Overall.

"Ich liebe die Geschwindigkeit"

Seit acht Jahren ist das nun ihre Berufskleidung. Laleh, Tulpe zu Deutsch, kommt aus einer sportbegeisterten Familie. Zwei ihrer drei Geschwister sind ebenfalls aktive Sportler. Sie selbst hat bereits eine Karriere im Pferdespringen hinter sich. "Ich liebe die Geschwindigkeit", sagt sie. Ihr Blick ist kämpferisch. "Wir sind Muslime und können doch trotzdem das Leben lieben, wir leben", sagt sie.

Wenn man die Diskrepanz zwischen Staat und Volk mit Händen greifen möchte, dann muss man sich nur auf diesen großen Plätzen, wie es sie im Norden Teherans gibt, umsehen.

Die Kleidung, auch die der Männer, stellt das System in Frage. Dennn sie ist das persönlichste äußerliche Merkmal. Mehr als alles andere empfinden Iraner diese Kontrollen und Vorschriften als eine Demütigung. Mütter mit Kinderwagen werden angehalten und darauf hingewiesen, dass der Mantel zu kurz oder das Kopftuch unangemessen ist.

Kleidung als Protestsymbol

Polizisten nehmen eine Frau in Teheran fest, Foto: AP
Verstoß gegen die restriktiven Kleidervorschriften - eine junge Frau wird in Teheran von der Polizei festgenommen.

​​Während sich die Iranerinnen mit der islamischen Bekleidung nach der Revolution gegen das westlich geprägte Frauenbild abgrenzen wollten, setzen sie heute ein Statement gegen das Frauenbild, das noch drei Jahrzehnte nach der Revolution hochgehalten wird. Ihre Kleidung ist ihr Protest.

Manchmal steht nur das modische Aussehen im Vordergrund. Mutig spielen die Frauen dieses nicht ungefährliche Spiel und testen die Grenzen aus. Heute einmal das bunte Kopftuch weit zurückgeschoben, morgen etwas Nagellack, übermorgen offene Sandalen.

"Freiheit, verstehen Sie?"

Man sollte diese kleinen Freiheiten nicht überbewerten. Für die Iraner ist dies der Alltag. Viele im Westen bewerten das als den Sieg der westlichen Lebensart. Weit gefehlt, sagen die Iranerinnen. "Es geht nicht um die Überlegenheit des Westens. Wir sind Iranerinnen und wir wollen frei sein, um zu entscheiden, welchen Weg wir gehen, wie wir uns anziehen", sagt uns eine Frau. "Freiheit, verstehen Sie?"

Laleh Seddigh versteht. Hart hat sie eine Fatwa erstritten, die ihr und anderen Frauen erlaubt, gemeinsam mit Männern an Sportwettkämpfen teilzunehmen. Zuvor hatte man sie von einem Rennen mit der Begründung ausgeschlossen, dass Frauen ein Sicherheitsrisiko darstellten.

Heute ist sie der unangefochtene Star des iranischen Rennsports. Gerade hat sie mit dem größten Automobilhersteller in Iran, "Saipa", einen Werbevertrag unterschrieben. Bald wird sie die Juniorklasse der Damen trainieren.

Sie ist energisch, freundlich und lacht viel. Als sie einen kleinen Film vorführt, den ein italienisches Fernsehteam gedreht hat, freut sie sich. Eine eindrucksvolle und zugleich komische Szene in dem Film zeigt, welche Reaktionen Laleh Seddigh zum Teil hervorruft:

Sie befindet sich in der heiligen Stadt Mashad, mitten in der Wüste, im Osten des Iran. Laleh, in einen eng anliegenden hellblauen Mantel gekleidet, vorn im Bild, hinter ihr der riesige Sakralbau zu Ehren des schiitischen Imam Reza. Pilger strömen an ihr vorbei. Frauen im weiten schwarzen Tschador bleiben stehen und schauen verwundert und misstrauisch.

Während Laleh erzählt, dass sie gerne Klavier spielt, malt und reitet, stolpert ein Mann, weil er seinen irritierten Blick nicht von ihr lassen kann. Ungerührt erzählt Laleh weiter.

Die Hände nicht in den Schoß legen

Dann zeigt sie uns einen Film, in dem sie die Kamera einmal selbst in der Hand hat. Sie läuft durch den Rennstall, Rennfahrer stehen herum, es regnet, Rennwagen werden begutachtet, man hört ihr Lachen und wie sie munter ihre Kollegen mit Fragen bombardiert. Die wirken allesamt so, als hätten sie gerade ihre Eltern in der Disko getroffen. Es ist ihnen sichtlich unangenehm. Man bleibt dennoch höflich.

Weiß sie, dass sie selbst für westliche Maßstäbe ein ungewöhnliches Leben führt? Ja, selbst in den USA hätten die Menschen gestaunt. "Aber das ist ja mein Leben, also auch Alltag für mich." Weiß sie, dass Iran nicht mit Schönheit und Dynamik in Verbindung gebracht wird, dass man denkt, der Schleier sei das größte Problem der Frauen?

Darüber kann sie nur lachen. "Frauen haben doch überall auf dieser Welt Schwierigkeiten", meint sie, "vielleicht ist es hier im Iran schwieriger". Aber deshalb, daran glaube sie, legen die Iranerinnen nicht die Hände in den Schoß. Sie sind tapferer als andere; sie kämpfen, auf ihre Art, manchmal mit Gucci und manchmal in einem Rennwagen.

Fatma Sagir

© Qantara.de 2007

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