Irans Außenpolitik im Jemen und Irak

Schiitische Puzzlestücke

Die jüngste Eroberung Sanaas durch zaiditische Krieger feierten iranische Medien als "Sieg der Revolutionäre". Die arabische Presse hingegen warf dem Iran vor, nach dessen Einmischung im Irak und in Syrien nun auch im Jemen mitbestimmen zu wollen. Der Konflikt droht immer mehr verkürzt als ausschließlich sunnitisch-schiitischer Machtkampf wahrgenommen zu werden. Von Ali Sadrzadeh

"Die Islamische Revolution kontrolliert bereits drei Hauptstädte. Sehr bald kommt auch Jemens Hauptstadt dazu, danach ist Saudi-Arabien an der Reihe!"

Klingt so die Siegesmeldung eines Feldoffiziers, der stolz das bevorstehende Ende einer erfolgreichen Operation verkündet? Oder handelt es um die frohe Botschaft eines Spielers, der bald alle Puzzlestücke seines Bildes beisammen hat? Der iranische Parlamentarier Alireza Zakani hatte am 18. September in der nordostiranischen Stadt Maschhad Studenten der paramilitärischen Organisation der Basidji um sich geschart, um ihnen die iranische Offensive in der Region zu erklären.

Wichtigtuer oder Wahrheitsverkünder

Und tatsächlich dauerte es nach seiner Rede nur rund 20 Stunden, bis die schiitischen Huthi-Rebellen die jemenitische Hauptstadt Sanaa weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht hatten, den Ministerpräsidenten zum Rücktritt zwangen und am späten Abend den Staatschef zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages nötigten. Tags darauf musste Zakani zwar in vielen Zeitungen massive Kritik dafür hinnehmen, dass er Staatsgeheimnisse preisgegeben und die nationale Sicherheit gefährdet habe. Doch der 50-jährige Volksvertreter aus Teheran genießt offenbar politische Narrenfreiheit.

Zakanis Biographie ist wohl sein eigentliches Kapital. Schon als Fünfzehnjähriger nahm Zakani am Krieg gegen den Irak teil. Während seines Medizinstudiums war der Kriegsversehrte in der vordersten Reihe der Basidji gegen rivalisierende Studentengruppen aktiv. Der redegewandte Abgeordnete sitzt in wichtigen Kommissionen in– und außerhalb des iranischen Parlaments, ist oft bei Audienzen des Revolutionsführers Ali Khamenei anwesend und genießt als ehemaliger Kommandeur der Revolutionsgarden das Vertrauen des mächtigsten Mannes des Landes. Vielleicht erlaubt er sich deshalb spektakuläre Auftritte und meint deshalb auch jederzeit aus dem politischen Nähkästchen plaudern zu können.

Alarmsignale in der arabischen Welt

Doch sein Auftritt in Maschhad, also seine frühzeitige Siegesmeldung über den Jemen, hatte für den Iran verheerende außenpolitische Folgen. Nach dem Sieg der schiitischen Huthis schwappte eine Welle anti-iranischer Kommentare durch die arabischen Medien. "Der Jemen unter Kontrolle Irans" lautete die Schlagzeile der meisten Zeitungen, und alle zitierten Zakanis Rede, in der er den Sieg der Rebellen vorhergesagt und Saudi-Arabien ins Visier genommen hatte. Nach Bagdad, Damaskus und Beirut sei nun Sanaa die vierte Hauptstadt der arabischen Welt, die demnächst nach iranischer Pfeife tanze, schrieb etwa ein Kommentator der Webseite Al-Jazeera und zog eine Parallele zwischen den schiitischen Huthi-Rebellen in Jemen und der Hisbollah in Libanon: Beide seien bekanntlich der verlängerte Arm des Iran.

Andere Zeitungen wie die libanesische Al-Hayat widmeten sich der Person Zakani und jenem Teil seiner Rede, in der er eine ähnliche Entwicklung auch für Saudi-Arabien prophezeit. All diese Kommentaren und Analysen werten Zakani keineswegs als Einzelgänger oder radikalen Wichtigtuer. Zakani sei jemand, der unverblümt ausspreche, was die Mächtigen im iranischen Machtapparat denken und tun, schreibt etwa ein Kommentator auf der Webseite von Al-Arabiya.

Jemenitische Sympathisanten der schiitischen Huthi-Bewegung am 4. September 2014 in Sanaa; Foto: AFP/Getty Images/M. Huwais
Furcht vor dem "verlängerten Arm Irans": Ende September hatten Huthi-Rebellen nach Kämpfen mit Soldaten und sunnitischen Milizionären faktisch die Herrschaft in der Hauptstadt Sanaa übernommen. Die Huthi-Rebellen bekennen sich zum zaiditisch-schiitischen Islam. Die Mehrheit der Bevölkerung im Jemen ist sunnitisch. Die Rebellen hatten 2004 einen bewaffneten Aufstand begonnen, um für ihre Gebiete Unabhängigkeit zu erringen. Der Konflikt eskalierte mehrfach zum Bürgerkrieg.

Radikale Schützenhilfe aus Teheran

Als ob sie den arabischen Kommentatoren bestätigen wollten, bejubeln seitdem radikale iranische Zeitungen und Webseiten wie Kayhan und Fars den "iranischen Sieg" im Jemen und zitieren dabei die wichtigsten Militärs des Landes. Drei Tage nach dem Machtwechsel in Sanaa veröffentlichte Fars News - die Agentur mit den besten Geheimdienstkontakten in der Islamsichen Republik – ein Interview mit Ali Hadji Zadeh, dem Kommandeur der Luft- und Bodeneinheiten der Revolutionsgarden.

Wie Zakani mit dem bevorstehenden Sieg der Verbündeten im Jemen prahlte, gab auch Hadji Zadeh interessante Einzelheiten darüber bekannt, wie die Revolutionsgarden in der gesamten Region agieren. Mit nur 70 Mann habe General Qassem Soleymani den Fall der irakischen Stadt Erbil in die Hände der IS-Terroristen verhindert, so Hadji Zadeh. Er lobte die "geniale Kriegsführung des Kommandeurs der Quds-Brigaden", der in manchen iransichen Medien längst wie ein Held mit übernatürlichen Fähigkeiten gefeiert wird. Nicht die USA und ihre Koalitionäre, sondern Soleymani und seine Verbündeten im Irak könnten die IS-Terroristen im Irak noch ernsthaft stoppen, prophezeite Hadji Zadeh.

Eine unverbrüchliche Freundschaft

Dies mag übertriebene Heldenverehrung sein, doch dass Soleymanis Einsatz im Irak Erfolge zeigt, so dass er inzwischen auch dort verehrt wird und sich auf zuverlässige Verbündete im Irak stützen kann, das dokumentieren ebenfalls jüngste Berichte der BBC. Eine TV-Reportage zeigt die politische Situation in der irakischen Kleinstadt Soleyman Beig, rund 90 Kilometer nördlich von Tikrit gelegen. Es ist der Nachmittag des 9. September, kurz nach der Befreiung der mehrheitlich von Schiiten bewohnten Stadt Amerli nach einer 80-tägigen Blockade durch IS-Terroristen.

General Qassem Soleimani; Foto: parsNews
Irans starke Hand im Kampf gegen den "Islamischen Staat": General Qassem Soleimani ist Kommandant der Al-Quds-Brigaden, einer Division der iranischen Revolutionsgarden, die außerhalb des Irans agiert. Als Führer einer 70 Mann starken Einheit verhinderte er auch die Übergriffe des IS auf die irakische Stadt Erbil.

Ein Auto fährt vorbei, darin sitzen zwei Generäle, die gerade von einer gewonnenen Schlacht zurückkehren. Doch für die Menschen, die sich um die BBC-Reporterin in der Kleinstadt geschart haben, sind diese Männer — Qassem Soleymani und Hadi al Ameri — lebende Legenden, sagenumwobene Helden, die alle Kriege und Bürgerkriege der letzten 30 Jahre in dieser Region entscheidend geprägt haben. Und wenn jemand den IS-Mördern das Handwerk legen kann, dann können es nach Meinung der Anwesenden nur diese unermüdlichen Krieger sein, der Iraner Soleymani und der Iraker Ameri.

Die beiden 60-Jährigen kennen sich seit mehr als dreißig Jahren, seit den Anfängen des iranisch-irakischen Krieges, als der Iraker Ameri, damals ein junger schiitischer Aktivist, den Schergen Saddams entkam und über Umwege im Iran landete. Das war der Beginn einer unverbrüchlichen Freundschaft zwischen zwei Männern, deren Beruf und Berufung Revolution und Krieg geworden sind. Ameri ist heute irakischer Verkehrsminister.

Der Iran in Bagdads Machtzentrum

Ursprünglich sollte Ameri Verteidigungs– oder Innenminister werden, also einen Posten mit Sicherheitsaufgaben übernehmen. Doch die Sunniten in Bagdads Parlament leisteten vehementen Widerstand gegen das Vorhaben. Denn Ameri ist Chef einer etwa 30.000 Mann starken Miliz, den Badr-Brigaden. Zudem säße mit ihm praktisch ein Iraner an der Spitze der irakischen Sicherheitskräfte, so die Befürchtung der irakischen Sunniten. Ameri wurde zwar in der irakischen Provinz Diyala geboren, doch er verbrachte 30 Jahre bei den Revolutionsgarden im Iran und baute dort mit anderen irakischen Oppositionellen die Badr-Brigaden auf, die nach dem Sturz Saddams in den Irak zurückkehrten.

Ameris Frau, eine Iranerin, lebt mit ihren drei Kindern immer noch in jenem Teheraner Stadtteil, in dem hauptsächlich Kommandeure der Revolutionsgarden wohnen. Doch es sind nicht allein ihre Lebensgeschichten, die den Iraker Ameri und den Iraner Soleymani verbinden. Auch in ihrer politisch-religiösen Überzeugung stimmen beide Männer vollkommen überein. In einem TV-Interview sagte Ameri vor einem Jahr: "Ich glaube an das Prinzip der velayat-e faqih, der absoluten Herrschaft des Gelehrten, wie sie derzeit im Iran existiert."

Ein doppelseitiges Sägeblatt

Solche Biographien, die sich im heutigen irakischen Machtapparat vielfach finden lassen, haben zur Entfremdung vieler irakischen Sunniten von der Zentralregierung in Bagdad beigetragen. Dass die Bildung eines starken Nationalstaates nach dem Sturz Saddams scheiterte, hat vielfältige Gründe. Doch der alles entscheidende Faktor dürfte die Kontrolle des irakischen Sicherheitsapparats durch die Badr-Brigaden sowie Dutzende anderer schiitischer Milizen sein. Und wenn die Machthaber im Iran von ihren irakischen Verbündeten reden, sind genau diese Milizen innerhalb sowie außerhalb des Staatsapparates gemeint.

Irakischer Premierminister Haider al-Abadi; Foto: Reuters
Iraks Premierminister im politischen und militärischen Kreuzfeuer: Haider al-Abadi muss sich derzeit vielen Herausforderungen gleichzeitig stellen. Während der Amtszeit Nuri al-Malikis haben sich die irakischen Kurden, Sunniten und Schiiten immer weiter voneinander entfremdet. Die Einleitung eines Versöhnungsprozesses und die Zusammenführung der politischen Parteien ist neben dem Kampf gegen den "Islamischen Staat" derzeit die wichtigste Aufgabe um den Irak vor dem Zerfall zu retten, warnt Irans Präsident Hassan Rohani.

Viele Iraker sehen deshalb das iranische Engagement gegen den IS mit gemischten Gefühlen, oder - wie ein Al-Arabiya-Kommentator schreibt - wie ein doppelseitiges Sägeblatt.

Ein gleiches Bild konnte sich auch die BBC-Reporterin nach der Befreiung Amerlis machen. Die von den anwesenden Schiiten als Kriegshelden verehrten Soleymani und Ameri waren längst abgereist, da recherchierte die Reporterin weiter, nahm die Begeisterung für die iranische Hilfe auf, registrierte Anzahl und Art der iranischen Waffengattungen und  fuhr schließlich weiter in die Stadt Kirkuk. Dort traf sie auf eine Gruppe verängstigter Kurden und Schiiten, die sich vor den "iranischen Helfern" und ihren irakischen Verbündeten versteckt hatten. Unter ihnen ein schiitischer Dorfvorsteher, der der Reporterin etwas sehr Beängstigendes erzählte. Der alte, erfahrene Mann aus der Nähe der Stadt Amerli - als Schiit war er selbst einst glühender Anhänger der Islamischen Revolution im Iran - erklärte der Reporterin, dass es in der Region zunehmend junge schiitische Milizionäre gebe, die oft gefährlicher und brutaler seien als früher. Noch gefährlicher als die für ihre Brutalität bekannten Badr-Brigaden? Das muss etwas heißen in Zeiten der Abwesenheit jeglicher staatlichen Autorität im Irak.

Die Reformer und Moderaten im Iran ahnen wohl, mit welcher Zukunft im Irak zu rechnen ist, sollte die Entfremdung der Mehrheit der Iraker zu ihrem Staat und zur Herrschaft der Milizen andauern. Ohne nationale Versöhnung und Einbindung aller Kräfte sei das Scheitern des Versöhnungsprozesses vorprogrammiert, warnte unlängst Irans Präsident Hassan Rohani den neuen irakischen Premierminister Haider al-Abadi am Rande einer UN-Vollversammlung. Doch der Weg der Versöhnung ist offenbar steiniger als viele dachten. Dem neuen irakischen Ministerpräsidenten droht schon jetzt die erste Regierungskrise. Auch seine neuen Kandidaten für die Ämter des Innen– und Verteidigungsministers erhielten bei der letzten Parlamentssitzung keine Mehrheit. Der Schiit Al-Abadi bleibt damit vorläufig selbst Oberkommandierender in einem regionalen Konflikt an vielen Fronten.

Ali Sadrzadeh

© Qantara.de 2014

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