Trotzdem ist die Position des Iran nicht besonders stark. Genau wie die USA ihr Sanktionspotenzial erschöpft haben, hat der Iran mit seiner asymmetrischen Taktik möglicherweise Amerikas Geduld erschöpft. Trump hat unmittelbar nach dem Angriff auf die saudischen Ölanlagen eine Militäraktion angedeutet.

Ein weiterer derartiger Angriff ungeklärten Ursprungs – oder gar etwas Größeres, das zu amerikanischen Verwundeten oder Toten führt – könnte ein Schritt zu weit sein. Wenn die USA und der Iran alle ihre Karten im laufenden Spiel ausgespielt haben, dürfte ein noch gefährlicheres Spiel beginnen.

Das muss nicht zwangsläufig eine offene bewegliche Kriegsführung bedeuten. Doch könnten Drittparteien wie Saudi-Arabien und Israel ihre eigenen asymmetrischen Angriffe einleiten, und auch die USA selbst könnten sich einer asymmetrischen Kriegsführung zuwenden. Alle diese Akteure haben dieses Spiel bereits in der Vergangenheit gespielt, wenn auch nicht im großen Maßstab.

Bildkombination Emmanuel Macron und Hassan Rohani; Foto: AFP/Getty Images
Positive Resonanz aus Teheran: Nach einem Vermittlungsvorschlag des französischen Präsidenten Emmanuel Macron sollte der Iran zusichern, niemals an einem Atomwaffenprogramm zu arbeiten und sich über Verhandlungen für Frieden in der Region und eine sichere Schifffahrt im Persischen Golf einzusetzen. Im Gegenzug sollten die Amerikaner die 2017 wieder eingeführten Sanktionen insbesondere gegen die iranische Öl- und Finanzwirtschaft aufheben.

Die Rolle Europas

Im Bewusstsein der Gefahr einer fortgesetzten asymmetrischen Eskalation haben die europäischen Unterzeichnerstaaten des JCPOA sowie regionale Akteure wie die Vereinigten Arabischen Emirate Schritte zur Entschärfung des Konflikts vorgeschlagen. Hierzu gehören in erster Linie direkte Gespräche zwischen dem Iran und den USA; die Europäer scheinen darauf hinzuarbeiten, derartige Gespräche zu erleichtern.

Dabei wäre Europa gut beraten, den Hype über ein Treffen zwischen den Präsidenten der beiden Länder unbeachtet zu lassen. Eine Begegnung anderer hochrangiger Regierungsvertreter würde ausreichen und könnte in unterschiedlichen bilateralen oder multilateralen Zusammenhängen erfolgen.

Die verbleibenden Unterzeichnerstaaten des JCPOA – China, Frankreich, Deutschland, Russland, das Vereinigte Königreich und die EU – wollen retten, was vom Abkommen des Jahres 2015 noch zu retten ist; ein Treffen in Wien im Juli zu diesem Thema hat dies gezeigt. Doch wird die diplomatische Beilegung der Spannungen zwischen dem Iran und den USA auch die Beteiligung der Nachbarn des Iran erfordern.

Es liegen noch andere Ideen zur Lockerung der Spannungen auf dem Tisch. So hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron vorgeschlagen, dem Iran eine Kreditlinie in Höhe von 15 Milliarden Dollar einzuräumen, die dem Land helfen würde, die sanktionsbedingten Mindereinnahmen aus dem Ölgeschäft auszugleichen. Zudem wurden verschiedene Pläne für Verhandlungen zur Sicherheit in der Region vorgelegt.

Diese Bemühungen bieten einen gewissen Anlass zur Hoffnung. Doch die Lage ist zunehmend fragil, und sie könnte sich deutlich verschlechtern – und potenziell zu einer direkten Konfrontation zwischen den USA und dem Iran führen –, bevor die Diplomatie sie verbessern kann.

Volker Perthes

© Project Syndicate 2019

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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